"Comet"-Verleihung Mama, ruf an!

Wie hieß das Ding noch mal? Ach ja: "Comet". Gestern wurde der Viva-Musikpreis an die einheimische Prominenz der Generation Handy verliehen. Die gab sich infantil - und zugleich rentnerhaft abgeklärt.

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"Dieser Echo ist für Ali", jubilierte Bushido gestern abend im Kölner Musical Dome, als er eine weitere Trophäe in die Hand gedrückt bekam. Vorbildlich, den Brüdern auf dem Kiez und im Knast auf diese Weise seinen Respekt zukommen zu lassen. Aber der Preis hieß dann eben doch noch Comet.


Man muss allerdings gar nicht mal mit Auszeichnungen überschüttet werden, so wie das beim Berliner Rapper der Fall ist, um mit den Namen durcheinander zu kommen. Der Comet hat eben eine etwas unglückliche Geschichte: Nachdem Viva 2004 mehr oder weniger in dem US-Medienkonzern Viacom aufging, zu dem auch MTV gehört, konnte man dem neuen großen Bruder schlecht weiterhin Konkurrenz machen und einen internationalen Preis ausloben.

Also kaprizierte man sich auf die Huldigung deutscher Musikschaffender - da aber kam man der hiesigen Phono-Akademie und deren Echo-Verleihung in die Quere. Letztes Jahr wurde deshalb ganz auf die Verleihung des Comets verzichtet – um diesmal noch deutlicher sein Revier abzustecken: Es geht um die Musik der Unter-20-Jährigen, deren Hits ja vor allem als Klingeltöne Verbreitung finden.

Pop-Greise unter 18

Ein Haufen geläuterter Delinquenten, Popmusikstreber und Kinderarbeiter hatte sich deshalb in Köln eingefunden. Am erstaunlichsten war, wie routiniert die meisten der Künstler, von denen einige noch längst nicht die Volljährigkeit erreicht haben, ihre Preise entgegen nahmen. Tokio Hotel zum Beispiel, die vorhersehbarerweise in fast allen ihrer Nominierungskategorien abräumten, wurden richtig nostalgisch: "Ich weiß noch", sinnierte Sänger Bill mit einer Vati-erzählt-aus-seiner-wilden-Zeit-Stimme, "der Comet war unser allererster Preis." 2005 wurden Tokio Hotel als beste Newcomer ausgezeichnet, so lange ist das ja nun auch nicht her.

Aber auch die anderen jugendlichen Showsoldaten präsentierten sich braver als ihre eigenen Eltern. Der "Deutschland sucht den Superstar"-Überlebende Nevio etwa, der dieses Jahr mit der Trophäe als heißester Neuzugang bedacht wurde, begann seine Dankesrede mit den Worten "Ich bin Musiker, kein Redner" – und quatschte dann endlos Belangloses in die Kamera.

Der unvermeidliche Lukas Hilbert, eine Art Urgestein des Minderjährigenpop, der zum Glück nur als Laudator auftrat, dozierte indes salbungsvoll: "Wir haben es endlich geschafft, zu unserer Sprache zu stehen." Ein Vertreter des Goethe-Instituts hätte das dubiose deutsche Selbstbewusstsein, das seit einiger Zeit in der hiesigen Popmusik grassiert, nicht verwegener zum Ausdruck bringen können. Und die ebenso unvermeidliche Jeanette las bei ihrer Laudatio für die beste Band gefühlte 20 Minuten irgendeine Gaga-Definition aus der Internet-Enzyklopädie Wikipedia vor.

Da wirkte die Haudrauf-Bardin Liza Li, die als Newcomerin nominiert war, aber lediglich als Lobrednerin für andere Gewinner auf die Bühne durfte, geradezu erfrischend: Sie schrie das Publikum an, wie geil es doch in Köln sei, und erinnerte bei dieser heiseren Ranschmeiße ein bisschen an Aale-Dieter vom Hamburger Fischmarkt.

Marktschreier des Pop

Tatsächlich hatte die Viva-Sause den Charme des Großmarkts: Überall lärmte und krakeelte es, wurden Produkte beworben und Konkurrenten nieder geschrieen – bloß eben in medialer Form. In den extra-langen Werbeblöcken zwischendurch wurden Klingeltöne und Downloads gefeiert und mindestens zehn mal musste man sich die linkische Lobpreisung für ein Motorrad anhören, das unter den Jugendlichen verlost wurde. Die konnten mit einem 50 Cent teuren Anruf live am Abend auch den Preisträger des "Super-Cometen" wählen. Er ging – Überraschung! – ein weiteres mal an Tokio Hotel.

Kein Wunder, dass bei dem trostlosen Gefiepe und Gepiepe viele der halbwüchsigen Akteure wie frühvergreist wirkten. Besonders traurig war ein eingeschobener Dauerwerbeblock des Comet-Sponsors Axe, in dem umständlich und zeitraubend Deutschlands "Flirt-Könige" gekrönt wurden. Gerade zu ängstlich schauten die angeblichen Aufreißer in die Kamera, die Stimmung war aufgekratzt wie bei einem Shopping-Kanal, morgens um halb fünf.

Soviel geballter Hightech-Tristesse vermochten die Viva-Moderatorinnen Johanna Klum und Collien Fernandes, die sich die Präsentation mit dem Berliner Comedy-Rapper Sido ("Ficken! Ficken! Ficken!") teilten, trotz angemessen ironischer Bonmonts nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Auch konnten sie dem hoch dekorierten Bushido nicht das Telefon entwenden, als der die Glückwünsche seiner Mutter auf dem Handy entgegen nahm.

Der beherzte und streckenweise sympathisch überforderte Berliner Rüpel – "Mama, ruf nachher noch mal an!" – richtete denn am Ende auch den schönsten und glaubhaftesten Satz dieser überlangen Verkaufsshow an seine Fans: "Es tut mir leid, dass Ihr 50 Cent zahlen musstet, um mich zu wählen."



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