75 Jahre Spirou: Der Junge ohne Eigenschaften

Von Jörg Böckem

Comic-Jubiläum: Der Junge ohne Eigenschaften Fotos
Carlsen/ Dupius

Er ist älter als Superman, obwohl er jünger aussieht. Die Comic-Figur Spirou feiert ihren 75. Geburtstag. Die Geschichten um den kleinen Pagen gehören zu den Meilensteinen der Comic-Geschichte.

Sieht man die beiden Jubilare nebeneinander, wie kürzlich in den Ausstellungen des Comicfestivals München, mag man es kaum glauben. Der breitschultrige, dunkelhaarige Kerl mit markantem Kinn und Umhang auf der einen und der schmächtige Jungen in der Pagenuniform auf der anderen Seite, sind tatsächlich Verwandte. Der eine, das Jüngelchen Spirou ist so etwas wie der ältere Vetter des anderen, des Kostümträgers Superman.

Tatsächlich erschienen die Erlebnisse von Spirou, damals noch Page im Hotel Moustic, erstmalig im April 1938, zwei Monate vor dem ersten Auftritt Supermans. Und zwar im gleichnamigen Comicmagazin, auf dessen Seiten später auch die ersten Abenteuer von honorigen Kollegen wie "Asterix", "Lucky Luke" und "Die Schlümpfe" abgedruckt werden sollten.

Auch wenn Spirou nicht wie sein amerikanischer Comicverwandter ein ganzes Genre begründete und auch nicht zur Blaupause für multimillionenschweren Hollywood-Produktionen avancierte, die Serie um den gewitzten Pagen mit den abstehenden Haaren, seinen impulsiven Reporter-Sidekick Fantasio, mit dem er sich auch bald den Serientitel teilte, das Eichhörnchen Pips und den etwas durchgeknallten Erfinder und Wissenschaftler, den Grafen von Rummelsdorf, ist eine der langlebigsten und erfolgreichsten in der Welt der Comics.

Zudem hat "Spirou und Fantasio", wie die Serie nun schon seit Jahren heißt, anders als viele andere den stetigen Wechsel von Autoren und Zeichnern verkraftet, ohne großen Schaden zu nehmen. Wurde "Tim und Struppi" nach dem Tod von Hergé eingestellt, und waren "Lucky Luke" und "Asterix" nach dem Tod des langjährigen Autors René Goscinny unter wechselnden Autoren und im Falle von Lucky Luke später auch Zeichnern nur noch ein Schatten ihrer selbst, so haben die gleichermaßen lustigen wie spannenden Abenteuer des Heldengespanns Spirou und Fantasio mitunter sogar von den verschiedenartigen Einflüssen und Interpretationen profitiert.

Projektionsfläche für Leser und Kreative

Erfunden wurde Spirou von Robert Velter, der sich als Zeichner Rob-Vel nannte. Prägend für die Figur und die Serie waren aber der Autor und Zeichner Joseph Gillain, alias Jijé, und vor allem André Franquin.

Der gebürtige Belgier Franquin war es, der Spirou und Fantasio auf abenteuerliche und oft wunderliche Reisen schickte, er stellte ihnen den Grafen von Rummelsdorf an die Seite, brachte anarchischen Humor und vor allem seinen schwungvollen Strich und den Detailreichtum der Bilder in die Serie ein. Mit Gaston, dem vertrottelt-chaotischen Redaktionsassistenten und dem scheuen, aber cleveren Fabelwesen Marsupilami führte er zudem zwei Nebenfiguren ein, die bald ein höchst erfolgreiches Eigenleben entwickeln sollten.

Nachdem Franquin "Spirou und Fantasio" abgegeben hatte, wohl auch wegen seiner Depression, der er in der Reihe "Schwarze Gedanken" Gestalt verlieh, wurde die Serie von verschiedenen Kreativteams weitergeführt. Auch wenn "Spirou und Fantasio" nach dem Weggang Franquins nie mehr vollständig zu alter Größe fand, so gelang es doch immer wieder, die Figur lebendig und attraktiv zu gestalten und zu modernisieren.

Ein angemessenes Doppel

Spirou, sagte Franquin in einem Interview, habe ihm immer Probleme bereitet, da die Figur keine ausgeprägte Persönlichkeit besitze. Nicht besitzen dürfe, da sie in erster Linie als Stellvertreter und Projektionsfläche für junge Leser diene. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Weiterführung und -entwicklung der Figur sich vergleichsweise unproblematisch gestaltete: Spirou ist, anders als Asterix oder Lucky Luke, weniger klar definiert, weniger festgelegt auf die Ausgestaltung, Vision und Vorstellungswelt eines bestimmten Künstlers und eignet sich eben auch als Projektions- und Gestaltungsfläche für unterschiedliche kreative Ideen.

Zwei aktuell erschienene Alben verdeutlichen wunderbar die große erzählerische und zeichnerische Bandbreite, die die Figur bietet. In "In den Fängen der Viper", dem 51. und neuesten Band der fortlaufenden Serie, erzählen Fabien Vehlmann und Yoann Chivard, seit 2007 für "Spirou und Fantasio" zuständig, eine rasant-überdrehte Abenteuergeschichte mit kapitalismuskritischen Zügen.

In "Porträt eines Helden als junger Tor" wagt sich Autor und Zeichner Emile Bravo in einer komplexen und vergleichsweise düsteren Geschichte zeichnerisch und inhaltlich in die Frühzeit der Figur. Ein angemessenes Doppel zum 75. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, Spirou.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Asterix
mike1979 01.07.2013
Asterix erschien in "Pilote", nicht in "Spirou".
2. Ganz netter Artikel,
UbuRoy 01.07.2013
aber das Eichhorn heißt Pips... Und Zyklotrop oder die Triangel hätte u.a. ruhig auch Erwähnung finden können. Immer das Problem, wenn der Schreiber sein Thema nicht wirklich kennt.
3. Im Übrigen,
affendaddy 01.07.2013
Hieß Spirou in Deutschland in den 60ern und 70ern nicht Spirou & Fantasio sondern PIT & PICCOLO !
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