Grandioses Balkankrieg-Theater Das sind unsere Neunziger!

Die Regisseurin Yael Ronen bringt den Balkan-Krieg auf die Berliner Gorki-Bühne - und sorgt mit "Common Ground" für einen großen Theaterabend: roh und direkt, mit einer Dringlichkeit, die all den Kunsthandwerkern an anderen Stadttheatern allzu oft abgeht.

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Gorki Theater/ Thomas Aurin

Die einen hopsen herum und reißen ihre Münder rachenweit auf, stumm schreiend, ihre Augen strahlend; die anderen drehen sich weg und pressen ihre Lippen aufeinander, laut schweigend, ihre Augen feucht glänzend: Wann hat man zuletzt bei einem Schlussapplaus so ergriffene Schauspieler gesehen, so ernsthaft ergriffen von ihrer Arbeit?

Und sie sind ja zu Recht ergriffen. Es ist ein Glück, ihnen beim Schlussapplaus zuzuschauen. So wie es zuvor ein Glück war, ihnen 110 Minuten lang durch diesen Abend zu folgen: einen Abend, der mindestens so sehr Gruppentherapie war wie Theater. Ein großer Theaterabend.

"Common Ground" heißt das Stück, das die israelische Regisseurin Yael Ronen zusammen mit sieben Schauspielern am Berliner Maxim Gorki Theater entwickelt hat: einem gebürtigen Deutschen, einer gebürtigen Israelin und fünf gebürtigen Jugoslawen, die einst in den Kriegswirren aus Belgrad und Sarajevo, aus Zagreb und Novi Sad nach Deutschland gekommen sind. Sie erkunden ihre gemeinsame Basis: im übertragenen Sinne ihre Erinnerungen, die sie teilen, im wörtlichen Sinne den Boden, dem fünf von ihnen entstammen - und den sich einst Bosnier, Serben und Kroaten geteilt haben.

Der Balkan-Krieg und "Basic Instinct"

Im Schnelldurchlauf sprechen die Schauspieler Schlagzeilen in ein Mikro, optisch unterstützt von historischen TV-Bildern. Erinnerungen fluten den Saal: Die "Operation Wüstensturm" beginnt im Irak, Steffi Graf gewinnt in Wimbledon, Massendemos gegen Slobodan Milosevic in Belgrad, Kroatien und Slowenien erklären ihre Unabhängigkeit, Roter Stern Belgrad schlägt Bayern München im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, der Bosnienkrieg bricht aus, "Basic Instinct" kommt in die Kinos, die Belagerung Sarajevos beginnt, Olympische Spiele in Barcelona, Massaker in Srebrenica, Robbie Williams verlässt Take That. Unterlegt sind die Schlagzeilen mit Musik von Ace of Base und Bryan Adams, Nirvana und Rage Against the Machine. Es ist ein Nachrichtenstrom, der die Zuschauer durch die neunziger Jahre treibt. Alles verschwimmt.

Nun sehen die Neunziger in der Erinnerung der meisten Zuschauer wohl tatsächlich so aus: ein historisches Popkultur-Puzzle, das man nicht mehr richtig zusammenbekommt. In der Erinnerung von fünf der sieben Schauspieler jedoch sehen die Neunziger anders aus. Sie sind noch sehr gegenwärtig. Zunächst merkt man das nur an kleinen Irritationen, die sie in den Nachrichtenstrom streuen: Als Roter Stern Belgrad gewinnt, feuert Aleksandar Radenkovic, damals 11, mit einer Magnum in die Luft. Als die Olympischen Spiele in Barcelona eröffnen, duscht Vernesa Berbo, damals 24, schon seit zwei Wochen nicht, weil sie in Sarajevo lebt und ihr Badezimmerfenster im Schussfeld von Scharfschützen liegt.

Doch dann kommt es zu einem Cut. Es ist, als bräche der Abend entzwei: Die Schauspieler beginnen, die Recherchereise zu rekapitulieren, die sie gemeinsam nach Bosnien unternommen haben. Ging es vorher irgendwie noch um den Common Ground aller im Saal, so geht es nun um den Common Ground der Schauspieler auf der Bühne. Als riefen sie den Zuschauern zu: Das eben waren auch eure Neunziger, nun kommen unsere.

Ihre Väter sind Opfer und Täter

Statt westlichem Charts-Pop singen die Schauspieler nun jugoslawische Weisen und Balkan-Rock. Statt kurzen, prägnanten, emotionslosen Schlagzeilenschnipseln packen sie nun die großen Geschichten aus, halb erzählend, halb spielend. Es geht um ihren Aufenthalt in dem Hotel, in dem Karadzic 1992 seinen Hauptsitz hatte und in dem auch die meisten ausländischen Journalisten untergebracht waren; der Barkeeper trauert den üppigen Trinkgeldern von damals nach. Es geht um ihre Besichtigung eines Geländes, auf dem einmal ein Konzentrationslager war; im Foltergebäude von einst ist heute eine Schule, als wäre nichts gewesen. Es geht um ihr Gespräch mit der Gründerin einer Organisation für Vergewaltigungsopfer; sie spricht immer wieder von "den Serben", was den Schauspieler Aleksandar Radenkovic verletzt. Mit in der Gruppe sind auch die Schauspielerinnen Jasmina Music und Mateja Meded, die sich erst in Berlin kennengelernt haben, aber beide nahe Prijedor aufgewachsen sind. Über ihre Väter sind sie verbunden - auf grausame Weise: Der eine war Mitarbeiter eines dortigen Konzentrationslagers, der andere Gefangener.

Yael Ronen und ihr Ensemble muten dem Publikum eine Menge zu. Sie meinen es ernst an diesem Abend, richtig ernst, aber das heißt noch lange nicht, dass nicht auch gelacht werden darf. Selbstreflexion, schwarzer Humor und derbe Späße sorgen dafür, dass sich das Publikum emotional öffnet.

Zyniker werden nach diesem Abend dennoch schnell mit einem Schmähwort zur Stelle sein: Betroffenheitstheater. Und das stimmt ja, auf eine Weise: "Common Ground" ist Betroffenheitstheater. Theater mit Schauspielern, die betroffen sind von dem, was sie zeigen - und die die Zuschauer damit betroffen machen.

Der Abend mag an der einen oder anderen Stelle pathetisch sein, mag schon mal platt sein oder peinlich, aber insgesamt ist er doch roh und direkt, voller Kraft und Energie, und so angenehm undidaktisch. Die Schauspieler haben eine Dringlichkeit, die all den Kunsthandwerkern an anderen Stadttheatern allzu oft abgeht.

"Common Ground" ist, so pathetisch und platt muss man es formulieren, eine Theatersensation.


Yael Ronen & Ensemble: "Common Ground". Uraufführungs-Inszenierung von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater Berlin. Nächste Vorstellungen am 12., 13. und 14. April sowie am 2. Mai. Karten unter Telefon 030 20221115.

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insgesamt 4 Beiträge
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heisenberg18, 17.03.2014
1. Und wenn
... Sie als Berichterstatter über das Arbeitsergebnis einer Gruppe von Berichterstattern ergriffen, berührt und zutiefst erschüttert sind, warum müssen Sie das in Kontrast setzen zu "den Kunsthandwerkern an den Stadttheatern"? Ein Berliner Spitzentheater bietet exorbitant großzügige Arbeitsbedingungen, das gemeine Stadttheater ist eine von den Gewerkschaften vergessene Darstellungsgaleere. Die, die dort täglich zu rudern haben, verdienen es nicht, in ihrem tristen Alltag auch noch als schlechtes Beispiel für Ihre Berührungen und Ergriffenheiten herzuhalten. Greifen Sie die spätfeudalen Intendanten an, auch die schon an der nächsten Kopfgeburt häkelnde Dramaturgie, das ist recht getan, aber lassen Sie die Kolleginnen und Kollegen in Ruhe. Dieselben Schauspieler, die Sie für so lobenswert erachten, können Ihnen in zwei, fünf oder sieben Jahren als genau die "Handwerker" begegnen, die Sie jetzt als Sprungbrett für Ihre Elogen benutzen. Ganz unzynisch - wunderbar, dass das Theater für einen Abend die Kraft hatte, Sie so zu erschüttern. Dass es an 364 Tagen nicht so ohne weiteres gelingen will, liegt zuallerletzt an den Schauspielern.
Greta Pan 17.03.2014
2. und der Kosovo?
Es ist ein weitläufiges Phänomen,dass bei der Thematik "Balkankriege" und "Jugoslawen" Kosovo und die albanische Bevölkerung außen vor gelassen werden. Gründ gibt es wohl - auch in soziologischer Sicht - zahlreiche. Das macht den Kosovokrieg aber nicht weniger zu einem Balkankrieg.
spiozo 18.03.2014
3.
Zitat von Greta PanEs ist ein weitläufiges Phänomen,dass bei der Thematik "Balkankriege" und "Jugoslawen" Kosovo und die albanische Bevölkerung außen vor gelassen werden. Gründ gibt es wohl - auch in soziologischer Sicht - zahlreiche. Das macht den Kosovokrieg aber nicht weniger zu einem Balkankrieg.
Ebenso die serbische Bevölkerung. Hoffentlich fällt Ihnen das bei Ihrem nächsten Kommentar ebenso auf.
Lionel Podarski 21.11.2015
4. ein Wahnsinn gutes Stück
Komme gerade vom Theater nach Hause und lese diese Rezension. Habe das Stück im Pfauen/Zürich gesehen. Standing Ovations. Genial. Ich bin durchgespült und -gescheppert. Die letzten zwei Sätze dieser Rezension sind genau das, was auch ich verspüre. Ein Meisterwerk, bin sprachlos.
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