Condoleezza Rice bei Christiansen Pommes mit Mayo

US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice gab sich ein Stelldichein bei Sabine Christiansen: Das Damen-Gespräch gehörte zur Goodwill-Tour der Bush-Krieger, die in Erklärungsnot sind. Danach ging man hungrig ins Bett.


Interviewpartner Christiansen, Rice: Fisch oder Fleisch?
DDP

Interviewpartner Christiansen, Rice: Fisch oder Fleisch?

Berlin - Sonntage kennen beruhigende Rituale und stehen oft im Zeichen des Essens. Als Kind war es das einzige gemeinsame Mittagessen der Woche mit der ganzen Familie. Als Jugendlicher saß man mit der ersten Freundin und Pommes Mayo vor der Lindenstraße. Als Student erholte man sich mit Chips und Cola beim Tatort von Partyverwüstungen des Wochenendes. Und jetzt? Jetzt sind die Kinder im Bett und man ist zu müde für das wieder liegen gebliebene Dossier der "Zeit", Füße unter der Decke, Rotwein in der Hand und der Mensch des Herzens am anderen Ende des Sofas. So konnte sich Sabine Christiansen am Sonntagabend wider Erwarten zur öffentlichen Bedürfnisanstalt entwickeln, vermeintliche Kopfnahrung und Ersatzdiskurs statt selber denken - oder kochen.

An diesem Sonntag konnte man sich per Fernbedienung sogar echte Prominenz ins Wohnzimmer einladen: Condoleezza Rice, eine der mächtigsten Frauen der Welt mit dem seltsamen Titel "Sicherheitsberaterin", meistens aber eingeführt mit dem verschwörerischen Hinweis "enge Vertraute des US-Präsidenten". Wow. Und das in einer Zeit, in der US-Offizielle sich in der schadenfrohen "Friedensmacht Deutschland" (SPD-Wahlkampfslogan) vor dem inneren Auge eigentlich nur noch im Büßergewand zeigen dürften. Die Erregungsindustrie hat genügend Stoff zurzeit. Wir leisten zwar nichts für die Stabilisierung des Irak, wissen es aber immerhin alles besser.

Rice, die in vielen Porträts gerne als schwarze Spinne, Giftnatter, Kriegstreiberin oder kalte Machtpolitikerin dargestellt wird und auch der Dame des Herzens am anderen Ende des Sofas die Qualifizierung "Piranha" abrang, präsentierte sich als Leisesprecherin ihres Herrn. Tapfer verteidigte sie ihren Kollegen Donald Rumsfeld: "Sie finden keinen besseren Staatsdiener als Minister Rumsfeld". Immerhin habe der Mann - und das beeindruckt sie offenbar, als sei das eine olympische Disziplin - "zwei Kriege geführt" und die "Streitkräfte von den Bedürfnissen des kalten Krieges auf den Krieg gegen den Terror" umgestellt. Rücktrittsforderungen? Nicht doch: "Der Präsident will, dass er im Amt bleibt."

Survivor unter sich

Die Bush-Krieger des US-Kabinetts sind zurzeit auf weltweiter Goodwill-Tour, um im Krieg der Bilder wieder die Oberhand zu gewinnen. Colin Powell machte ernste Miene in Jordanien, Rumsfeld eilte nach Abu Ghureib und sprach den seltsamen Satz "I am a survivor", womit er sein politisches Überleben grinsend versprach, was aber bei US-Soldaten komisch ankommt, die jeden Tag Abschied nehmen von Zinksärgen mit jenen, die keine Survivor sind, weil Survivor Rumsfeld ihnen einen Marschbefehl erteilt hatte. Rice flog nach Moskau zu Wladimir Putin und legte einen Zwischenstopp in Berlin ein. Alle drei agieren nach derselben Kommunikationsstrategie: Schlimmschlimm, was da passiert ist, wirklich, aber das sind Einzelfälle und nicht das wahre Amerika, weshalb wir unbedingt weitermachen müssen, damit alles gut wird.

Condoleezza Rice: Gut behütet steht sie mit Bush im Regen
AP

Condoleezza Rice: Gut behütet steht sie mit Bush im Regen

Sabine Christiansen bemühte sich um höfliche Strenge: Einerseits stolz, auf Augenhöhe mit der Dame aus Washington zu reden, andererseits der Versuch, zu fragen, was zu fragen ist. So servierte sie ihren Katalog an Auskunftsbegehren wie eine Stewardess das Essen auf einem Transatlantik-Flug: Fisch oder Fleisch? Aber Rice hatte genügend Beruhigungspillen dabei, um beides abzulehnen: "Wir klären das auf". Haben die Soldaten auf Befehl gehandelt? "Wir klären das auf." Wie weit reichte die Befehlskette? "Wir klären das auf." Gibt es ähnliche Verhörmethoden auf Guantanamo? "Falls ja, klären wir das auf."

Christiansen wackelte mit ihrer Brille wie einst nur Erich Böhme, damit sie jederzeit auf ihren Fragekatalog Zugriff hatte, von dem sie ablas. Ein Anfängerfehler, denn wer sich auf vorformulierte Fragen konzentriert, vergisst das Zuhören und Nachfragen. So entging ihr, dass Rice schlicht auswich auf die Frage, ob sie im Gespräch mit dem Chef des Internationalen Roten Kreuzes im Januar nicht bereits damals hingewiesen worden war auf die seltsamen Praktiken im Irak. So wanderte der Blick auf das Fernsehbild immer öfter von der dunkel gekleideten Condi mit dem auffällig roten Lippenstift auf den Hintergrund, wo Christiansen blaues Licht mäandern ließ. Hell, dunkel, hell, dunkel. Sehr einschläfernd. Sehr beruhigend.

Chefaufklärer Schäuble

Es blieb den Adjutanten im Studio überlassen, das aufgezeichnete Interview mit Rice als Videobeweis zu begutachten, auf die schwarzen Flecken des Damen-Gesprächs hinzuweisen. Der Euro-Grüne Daniel Cohn Bendit nannte Rices Äußerungen erfrischend deutlich "verlogen", weil es eben nicht nur um jetzt bekannt gewordene Einzelfälle gehe, sondern schon viel früher beginnt: Mit dem Gefangenen-Lager auf Guantanamo, wo weder der Rechtsstaat USA wirkt, noch die Genfer Konventionen. Von der Weigerung der USA, sich einem internationalen Gerichtshof wie in Den Haag zu unterwerfen, mal ganz zu schweigen.

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Schäuble meldete leise Zweifel an, ob da bei den internen Aufklärungsbemühungen von Rumsfeld, Rice und Co nicht vielleicht der Bock zum Gärtner gemacht werde. Damit kennt er sich ja aus: Er musste einst als CDU-Vorsitzender und enger Vertrauter von Helmut Kohl ebenfalls seltsame Praktiken aufklären in eigener Sache und weiß, wie das endet: Immer von Aufklärung reden, das ein oder andere Personal austauschen und warten, bis sich die Aufregung wieder legt. Ansonsten blieb der scharfe Analytiker auffallend unauffällig. Vielleicht dachte er daran, dass eine Woche später auf seinem Platz ein gewisser Horst Köhler bei Christiansen sitzen wird - als frisch gewählter Bundespräsident.

Ein verlorener Sonntagabend. Die Dame des Herzens schlief noch vor dem Abspann am anderen Ende des Sofas ein, Sabine Christiansen hat einen vorzeigbaren Eintrag im Gästebuch, Cohn Bendit konnte seine Wahl-Kampagne anheizen, Schäuble ein Lebenszeichen senden, aber richtig gekocht hat keiner: Weder Fisch noch Fleisch. Nächste Woche gibt es wieder Pommes.



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