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24. November 2014, 11:22 Uhr

Kunsterbe

Gurlitt-Sammlung geht in die Schweiz, Raubkunst bleibt in Deutschland

Der Bund, Bayern und das Berner Kunstmuseum haben sich über das Erbe des Cornelius Gurlitt geeinigt: Die Schweizer nehmen die Sammlung an, Deutschland prüft weiter den Raubkunstverdacht. Alles geregelt also - wäre da nicht der Erbanspruch der Cousine.

Berlin - Nach fast einem halben Jahr Bedenkzeit hat das Kunstmuseum Bern seine Entscheidung zum umstrittenen Erbe des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt offiziell verkündet. Die Schweizer werden die millionenschwere Sammlung annehmen. Hunderte Bilder, die unter NS-Raubkunstverdacht stehen, sollen aber zunächst in Deutschland bleiben. Die für den Fall Gurlitt gegründete Taskforce soll ihre Herkunft weiter klären.

Dies gab der Stiftungsratspräsident des Museums, Christoph Schäublin, in Berlin bekannt. Gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und dem bayerischen Justizminister Winfried Bausback (CSU) präsentierte Schäublin eine Vereinbarung zum Umgang mit dem Nachlass Cornelius Gurlitts.

In monatelangen Verhandlungen hatten sich die drei Seiten auf einen gemeinsamen Umgang mit den Gurlitt-Bildern verständigt. Danach soll die Ende 2013 gegründete Taskforce zunächst weiter die Geschichte umstrittener Werke erkunden. Zudem sagt die Bundesrepublik zu, die Rechtskosten für die Restitution von Bildern und mögliche Streitfälle zu übernehmen.

Der Vertreter des Berner Kunstmuseums betonte, das nun angenommene Erbe löse keine Triumphgefühle aus, schon wegen der Geschichte, die auf der Sammlung laste. Staatsministerin Grütters betonte, alle im Nachlass enthaltenen Werke, die sich als NS-Raubkunst erwiesen, würden ohne Wenn und Aber an die Berechtigten zurückgegeben.

Lasse sich nach dem Ergebnis der Taskforce nicht hinreichend klären, ob es sich bei einem Werk um NS-Raubkunst handele oder nicht, müsse das Kunstmuseum Bern entscheiden, ob es dieses Werk übernehmen wolle, heißt es weiter in der Vereinbarung. Entscheidet sich Bern für eine Übernahme, trägt es ab diesem Zeitpunkt die alleinige Verantwortung für das Werk. Anderenfalls bleibt das Werk in Deutschland.

Erbschein-Antrag der Cousine bestätigt

Neben der Raubkunst stellen auch die im Rahmen der NS-Aktion "Entartete Kunst" aus öffentlichen Sammlungen entfernten Werke einen Problemfall bei dem Erbe dar. Hier sieht die Vereinbarung vor, dass die betreffenden Bilder vom Kunstmuseum Bern restauratorisch betreut werden. Leihanfragen der Museen, die früher Besitzer der Werke waren, soll aber nach Möglichkeit nachgekommen werden.

Überschattet wird das Vorgehen durch einen Antrag von Gurlitts 86-jähriger Cousine Uta Werner, die vergangene Woche überraschend Anspruch auf das Erbe erhoben hat, wie das Amtsgericht München inzwischen bestätigte. Sie bezieht sich auf ein Gutachten, nach dem Gurlitt bei der Abfassung des Testaments unter "paranoiden Wahnideen" litt.

Uta Werners Bruder Dietrich Gurlitt (95) schloss sich dem Antrag nicht an. Er plädierte dafür, den Willen des Cousins zu respektieren und das Schweizer Museum wie vorgesehen als Alleinerben anzuerkennen.

Der inzwischen gestorbene Gurlitt hatte die umstrittene Sammlung von seinem Vater, einem NS-Kunsthändler, vermacht bekommen. Sie umfasst mehr als 1500 Bilder, darunter wertvolle Werke etwa von Matisse, Picasso, Renoir und Monet

feb/dpa

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