Gurlitt-Sammlung in die Schweiz Taskforce "Ahnungslos"

Das Erbe von Cornelius Gurlitt geht nach Bern, die problematischen Kunstwerke bleiben in Deutschland. Das hätte besser laufen können - wenn deutsche Politiker und Beamte kompetenter gehandelt hätten.

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Da halfen auch die Wimpel und Fahnen nichts, die deutschen, bayerischen und schweizerischen, mit denen der große Saal des Presse-und Informationsamts der Bundesregierung drapiert war. Bei einer Pressekonferenz, deren wichtigste Neuigkeiten bereits seit Tagen bekannt sind, hält sich die Spannung in Grenzen.

Die wichtigste bekannte Neuigkeit trug Christoph Schäublin vor, der Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Kunstmuseum Bern: "Der Stiftungsrat des Kunstmuseums Bern hat in seiner Sitzung am 22. November beschlossen", sagte er, "den ihm von Cornelius Gurlitt vermachten Nachlass anzutreten."

So einfach ist es allerdings nicht in dem hochkomplexen Fall Gurlitt, deshalb unterzeichnete Schäublin zusammen mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und dem bayerischen Justizminister Winfried Bausback (CSU) eine dreizehn Seiten starke Vereinbarung (hier als PDF). In ihr ist im Detail festgelegt, wie mit dem Bilderschatz umzugehen ist, den der Nazi-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt gesammelt und sein Sohn Cornelius Gurlitt treu wie ein Nibelunge gehütet hat.

Der Museumsmann Schäublin aus Bern sagte abschließend: "Im Grunde stehen wir jetzt nicht am Ende, sondern am Anfang eines langen Weges, den wir miteinander abschreiten wollen."

Kein Ruhmesblatt für deutsche Behörden

Es ist allerdings zu hoffen, dass der peinliche Teil des Gezerres um Gurlitts Kunstsammlung jetzt beendet ist. Wie es dazu kam, dass die Bilder der Familie Gurlitt in die Schweiz verschwinden, ist kein Ruhmesblatt für die beteiligten deutschen Beamten und Politiker. Im Gegenteil, und deswegen sollte daran auch noch einmal erinnert werden.

Es begann alles damit, dass Zollbeamte am 22. September 2010 Cornelius Gurlitt, damals 79 Jahre alt, im Zug von Zürich nach München kontrollierten, 9000 Euro in bar bei ihm fanden und ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung gegen ihn einleiteten. Die Staatsanwaltschaft Augsburg brauchte mehr als ein Jahr, um einen Durchsuchungsbeschluss von Gurlitts Wohnung zu beantragen. Und noch mal ein halbes Jahr, um Gurlitts Domizil in München-Schwabing tatsächlich zu durchsuchen.

Bei der Razzia, Ende Februar 2012, machte die Staatsanwaltschaft einen atemberaubenden Zufallsfund: 1280 Bilder; darunter Bilder von Beckmann, Chagall, Klee, Picasso und andere Meistern der klassischen Moderne. Die Staatsanwaltschaft beging nach der Durchsuchung sofort einen schweren Fehler, sie beauftragte eine einzige Berliner Kunsthistorikerin, die Provenienzen der Sammlung zu ermitteln. Die war völlig überfordert.

Taskforce mit wenig Erfahrung

Wieder anderthalb Jahre später, Anfang November 2013, enthüllte das Magazin "Focus" den "Sensationsfund", fantasierte scoop-selig von einer Milliarden Euro teuren Sammlung von Raubkunst und weckte damit Erwartungen, die so hoch wie falsch waren. In Wahrheit dürfte es sich nur bei wenigen Dutzend Bildern um Raubkunst handeln, insgesamt dürfte die Sammlung einen zwei bis dreistelligen Millionenbetrag wert sein.

Vertreter jüdischer Organisationen und Anwälte von Erben in der NS-Zeit geraubter Bilder empörten sich, dass der Fund so lange geheim gehalten wurde und forderten die sofortige Rückgabe der Bilder. Nachdem israelische und amerikanische Diplomaten beim Auswärtigen Amt nachgefragt hatten, gründete die Bundesregierung panisch eine "Taskforce Schwabinger Kunstfund"

Das klang nach einem mobilen Einsatzkommando, das schnell und entschlossen handelt, erwies sich aber als das genaue Gegenteil. Es dauerte Monate, bis nach politischem Proporz und fachlichen Notwendigkeiten 14 Taskforce-Mitglieder benannt waren. Dann stellte sich heraus, dass von ihnen nur zwei längere Erfahrungen in der Provenienzforschung aufzuweisen hatten.

Von den insgesamt 1258 Kunstobjekten, deren Provenienz die Taskforce klären soll, entschied sie bei 499, dass es sich möglicherweise um Raubkunst handeln könnte. Diese Kunstwerke wurden vorrangig untersucht. Drei Bilder - so hat es Monika Grütters heute verkündet, ein Liebermann, ein Matisse und ein Spitzweg - könnten jetzt restituiert werden.

München war fürs Gurlitt-Erbe schon ausgemacht

Ende letzten Jahres wurde Gurlitt unter vorläufige Betreuung gestellt; sein Betreuer heuerte alsbald für Stundensätze von mehreren Hundert Euro drei Anwälte und einen PR-Berater an. Die ließen im Februar 2014 in dessen Salzburger Haus 60 Bilder bergen, darunter Ölgemälde von Renoir, Monet und Manet.

Die Anwälte schlossen auch für Gurlitt eine "Verfahrensvereinbarung" mit der Bundesrepublik und dem Freistaat Bayern. Gurlitt verpflichtete sich darin, sich den Washingtoner Prinzipien zu unterwerfen, nach denen in Fällen von Raubkunst die heutigen Besitzer und die Erben "faire Lösungen" suchen sollten.

Die Taskforce-Chefin Ingeborg Bergreen-Merkel (CSU) hatte zu diesem Zeitpunkt schon ein Museum in München ausgemacht, wo die Sammlung Gurlitt in Zukunft ausgestellt werden sollte; auch von einem bayerischen Schloss für die Bilder war die Rede.

Der herzkranke, einsame und völlig überforderte Cornelius Gurlitt wird sich dabei ins Fäustchen gelacht haben. Er hatte schon in seinem Testament festgelegt, dass die Bayern nicht in den Genuss seiner Bilder kommen werden. Der stolze Freistaat, dessen Staatsanwaltschaft Augsburg ihm unter haltlosen Vorwürfen über Jahre rechtswidrig seine Bilder entzogen hatte, sollte leer ausgehen.

"Entartete Kunst" geht nach Bern

Gurlitt starb am 6. Mai in München, seine Bilder gehen nun in die Schweiz. Die Taskforce wird für das Berner Museum weiterforschen; wobei sie erst für die Hälfte der 499 Bilder, bei denen es sich um Raubkunst handeln könnte, "Vorgutachten" erarbeitet hat. Die überforderte Taskforce soll auch die Provenienz der 280 Bilder, die in Gurlitts Haus in Salzburg gefunden wurden, ermitteln. Das dürfte viele Jahre dauern.

440 Bilder, die die Taskforce als "Entartete Kunst" klassifiziert hat, gehen sofort nach Bern, ebenso die rund 280 Bilder, die von Verwandten Gurlitts geschaffen wurden oder nach 1945 erworben wurden. Eine Cousine Gurlitts hat einen Erbschein beantragt, doch der zuständige Amtsrichter dürfte genug Gespür für das politisch Opportune haben und nicht gegen Gurlitts letzten Willen entscheiden; zumal die rechtliche Grundlage der Cousine auch nach dem in der vorigen Woche bekannt gewordenen Gutachten eher dünn erscheint.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach vor der feierlichen Unterzeichnung des Abkommens viel und schnell über die "Verpflichtung zur Aufarbeitung", die "historische Verantwortung" und den "Meilenstein", den die Vereinbarung darstelle.

Dem Historiker Julius Schoeps, der sich als Erbe der jüdischen Familie Moses-Mendelssohn um die Restitution von Bildern bemüht, war das etwas zu allgemein. "Aber an wen sollen sich die Anspruchsteller denn jetzt wenden?," fragte er. "An die Bundesregierung, an die Taskforce, an das Berner Museum?"

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
el-gato-lopez 24.11.2014
1. Merkwüdig...
Merkwürdiger Artikel. Zwischen den Zeilen kann man einzig ein beleidigtes Bildungsbürger-Gejammere darüber heraushören, dass der seelige Herr G. seinen "Schatz" nicht auf deutschem Boden wissen wollte. So what? Wer die Bilder sehen will, muss sich halt ins benachbarte Ausland bemühen; anscheinend ist Reisen neuerdings auch eine "Zumutung" für teutonische Bildungsbürger.
Marellon 24.11.2014
2. Und wer entlässt den Staatsanwalt?
Und wer entlässt nun den Staatsanwalt, der karrieregeil überreagiert hat? Lässt es sich das deutsche Volk gefallen, dass es eins übers andere Mal von solchen Beamten übers Ohr gehauen wird?
kral1 24.11.2014
3. Gleiches Erbrecht für alle
Wie kommt es dazu, dass ein privates Erbe überhaupt öffentlich wurde? Warum sorgt der deutsche Rechtsstaat nicht dafür, dass Gesetztesverstöße geahndet werden?
rgsf 24.11.2014
4. Schlimm
Wie hanswurstig hier wieder verfahren wurde. Der deutsche Beamte bewahrt Ordnung und Zuständigkeit als seine höchsten Werte, wie seinerzeit beim Kaiser. Fairness, öffentliche Meinung, praktische Machbarkeit sind völlig unwichtig, Flexibilität, Effizienz und Zukunftsorientierung absolute Fremdworte. Arroganz und mangelndes Fingerspitzengefühl werden bestraft. Gut für Gurlitt, gut für die Schweizer.
mipez 24.11.2014
5.
Ich schaue mir die Bilder lieber in Bern an, als im Wissen, dass sie erschlichen in München hängen. Angebliche Raubkunst hin oder her, dass der Herr noch in seinen letzten Jahren so gedemüdigt wird und es am Ende heißt: "Hups, das war ein riesiger Fehler.", zeugt eigentlich nur mal wieder von einem weiteren Totalversagen der Bürokratie, die in unserem Staat so gehegt und gepflegt wird.
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