Milliarden-Kunstschatz: Reporter spüren Cornelius Gurlitt in München auf

Die Nachricht vom Milliarden-Kunstschatz in seiner Münchener Wohnung ging um die Welt, doch von Cornelius Gurlitt fehlte bislang jede Spur. Nun machten ihn Reporter von "Paris Match" ausfindig. An den SPIEGEL wendete sich der 79-Jährige per Brief.

Gurlitt-Wohnung in München-Schwabing:  "Beifall von falscher Seite ist das Schlimmste"  Zur Großansicht
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Gurlitt-Wohnung in München-Schwabing: "Beifall von falscher Seite ist das Schlimmste"

Er galt als verschollen, nun haben ihn Reporter der französischen Illustrierten "Paris Match" überraschend in München aufgespürt: Cornelius Gurlitt, den Mann, der in seiner Wohnung über 1400 Meisterwerke von Künstlerin wie Picasso, Chagall, Otto Dix und Matisse aufbewahrte.

Doch offenbar verschanzt sich der Kunstsammler weiterhin in seiner alten Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing. Zwei Journalisten der "Paris Match" berichten, sie hätten Gurlitt am Freitagnachmittag in einem Einkaufszentrum in seinem alten Münchner Stadtteil Schwabing gestellt. Der 79-jährige, elegant gekleidete Mann habe gerade seine Einkäufe gemacht.

Auf Nachfrage erklären die Reporter SPIEGEL ONLINE: Sie hätten Gurlitt als erstes beim Verlassen seiner Wohnung in Schwabing angetroffen - derselben Wohnung im fünften Stock eines Wohnhauses, in der er auch seine Kunstwerke aufbewahrt hatte. Dort steht auch immer noch Gurlitts Name an der Klingel, aber der Vielgesuchte hatte in den vergangenen Tagen auf das Klingeln von Journalisten nicht reagiert.

Als die Reporter ihn ansprachen, habe der Mann ihre Bitte um ein Interview jedoch mit ziemlich rätselhaften Worten abgewiesen: "Beifall von der falschen Seite ist das Schlimmste, was es gibt." Seine Stimme habe gezittert, seine blauen Augen seien wut- und angsterfüllt gewesen. Der Bericht wird begleitet von einem Foto, das einen weißhaarigen alten Mann in einem dunklen Mantel und karierten Schal zeigt.

In seiner neuen Ausgabe druckt der SPIEGEL einen Brief Gurlitts an die Redaktion. In dem Schreiben bittet er das Magazin, den Namen Gurlitt "nicht mehr in Ihrem Blatt erscheinen zu lassen", offenbar geht es ihm darum, dass sein Vater, der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, nicht in Zusammenhang mit dem Nazi-Regime gebracht wird.

Seitens der zuständigen Augsburger Staatsanwaltschaft hatte es bislang geheißen: Man wisse nicht, ob Gurlitt überhaupt noch lebt.

Die von den Nazis als entartet beschlagnahmten Bilder darf Gurlitt wohl behalten. Das geht aus einer Einschätzung des Zollkriminalamts (ZKA) für das Bundesfinanzministerium hervor, aus der der "Focus" und die "Bild am Sonntag" zitierten. Die 315 Kunstwerke stammten "ausschließlich aus staatlichen und städtischen Museen bzw. Landesmuseen", hieß es. Deshalb dürften "Rückgabe/Restitutionsansprüche der ehemaligen Eigentümer nicht durchsetzbar sein". Es sei auch zweifelhaft, dass Gurlitt wegen hinterzogener Einfuhrumsatzsteuer angeklagt werde.

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mvr/ssu/pad/dpa

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insgesamt 133 Beiträge
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1. Was machen die Behörden?
nick adams 10.11.2013
Um es vorweg zu nehmen, fast nichts. Es steckt wohl viel mehr hinter dieser Sache, so daß wohl von ganz oben die Anordnung gekommen ist, die Sache auszuschlafen. Schon 1956 gab es im Auftrag der damaligen CDU Regierung mit Unterstützung der Amerikaner in New York eine Ausstellung mit eben diesen Bildern!!! Es war bekannt, das es sich um Beutekunst handelte. Dem kalt wirkenden Schäuble ist Beutekunst sowas von egal...Generalstaatsanwalt Nemetz, früher ein harter Hund (positiv gemeint), wirkte auf der Pressekonferenz gelangweilt wie ein netter alter Mann im Pflegeheim, der was sagen muß. Zur Erinnerung: 1500 hochklassige Gemälde werden gefunden und eine(!) Professorin, die ihren Beruf auch noch ausüben muß, ist zur Begutachtung vorgesehen... Bevor die fertig wird, kann wahrscheinlich der Berliner Flughafen in Betrieb genommen werden...
2. Schon sehr seltsam....
keano.dunn 10.11.2013
.... Das es nun ausgerechnet französische Medien gelingt Herrn Gurlitt in München ausfindig zu machen. Wäre das nicht die Aufgabe einer der großen deutschen Zeitungen gewesen? Noch seltsamer ist aber, dass die Staatsanwaltschaft in Augsburg Medienberichten zufolge nicht weiß, ob Herr Gurlitt noch am Leben ist oder nicht… Irgendwie beschleicht mich der Gedanke, dass hier irgendetwas in ganz großen Stile vertuscht werden soll.
3. He-said-She-said-Gossip oder die alltäglichen Tabloid Dramen
UCL 10.11.2013
Zunächst mal sammeln und notieren. Zur Kenntnis nehmen. Evaluation folgt später, da offensichtlich die Zeit für die Gazetten (und Tabloids) nun reif ist, vermeintlich ernst zu nehmende Gerüchte zu verbreiten - mehr erst mal nicht. So weiß auch CNN nun zu berichten von und über einen Cousin (ist's einer, wirklich ein Cousin ?) von Cornelius Gurlitt, der sich in Spanien äußerte (oder auch nicht) : ' "For me he [Cornelius Gurlitt] was a 'lonesome cowboy,'" says his cousin Ekkeheart ... He never let us in to his flat -- nobody, [...] When we met him we always met at some fancy place... never in his flat. I wondered... why can't we stay there, but 'no, no, it's not possible. [...] We knew he was restoring paintings, but we thought maybe he had 100 or so... paintings going in and out, so people didn't wonder, but nobody knew -- not even us -- that he had 1,400-and-something pictures in his flat, in 90 square metres, imagine! Nobody had seen it because he didn't let anybody in" ' usw. Das einzig wertvolle, aktuell, an dergleichen Beiträgen -- im Fall von CNN zumindest -- sind ein paar Quellenverweise, zu 'lootedart.com'. Danke dafür -- das ist ja schon mal was, für unsereins, der sich nicht im Finanz-Dschungel von Auktionshäusern, Galerien, Museen und Art-Investment-Consultants ernährt. Und, daß sich dann doch jemand die Mühe machte zu recherchieren, daß Cornelius Gurlitt und seine Schwester Benita über die nunmehr berühmte Münchener Wohnung hinaus, auch weitere Immobilien besitzen/besaßen ?! Informationen und Geschichtlein, wie der aktuelle, müssen wohl genügen als Intermezzo uns die Zeit zu vertreiben, bis wir ENDLICH mal ein paar gescheite (BITTE) HD-Aufnahmen aller Objekte zu sehen bekommen. Und insgehim hoffe ich auch, daß so manche Fälschung im Kunstmarktumlauf sich somit auch sogleich verifizieren lässt ... in Basel, Singapore und in Illinois werden dann vielleicht einige Tresor- und Bunkerplätze frei ?
4. wird ...
Hilfskraft 10.11.2013
wird der Mann irgendwelcher Verbrechen verdächtigt? Oder, warum jagdt man ihn? Wenn ja, dann ist das Sache der Staatsanwaltschaft! Was soll das also?
5. Warum ermitteln die Behörden so zaghaft?
nick adams 10.11.2013
Inzwischen interessiert sich fast die ganze Welt für den Verbleib der Beutekunst, nur die Bundesregierung und die zuständigen bayrischen Behörden eher wenig. Es steckt wohl wesentlich mehr hinter diesem Fall! So gab es ja 1956 in New York eine vom deutschen Botschafter im Namen der Bundesrepublik eine öffentliche Ausstelung mit eben diesen Beutekunstbildern und das soll den Amerikanern (vgl Berich in der Zeit) durchaus bekannt gewesen sein! Will man da etwas durch Aussitzen verschweigen!?!
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