Von Stefan Simons, Paris
Das Bild war eine gezielte Provokation. Es zeigt eine nackte Frau, hingestreckt auf einem Bett, die Schenkel gespreizt. Und im Zentrum des bernsteinfarben schimmernden Aktes von Gustave Courbet (1819-1877) prangt das schwarze Dreieck der behaarten Scham, eine fast anatomisch exakte Wiedergabe des weiblichen Geschlechts, dem das Bild seinen Titel verdankt: "Der Ursprung der Welt".
Das Gemälde, heute im Besitz des Musée d'Orsay, konnte lange nicht öffentlich gezeigt werden, selbst Courbet versteckte es im eigenen Atelier vor den Blicken der Besucher. Dennoch machten Gerüchte über die anstößige Darstellung die Runde, der Frauentorso galt als widernatürlich oder pornografisch.
Courbet, berühmt für lebensnahe großformatige Darstellungen, konnte das Gemälde nicht ausstellen, aber er nutzte es als Studie für das Bild "Frau mit Papagei" (Metropolitan Museum New York), das er im selben Jahr dem Pariser Salon der Schönen Künste präsentierte - eine akademisch-keuschere Version der anstößigen Nackten. Als jedoch im Juli 1866 der Kunstsammler Khalil Bey bei dem Franzosen auftauchte und ein gewagtes Sujet in Auftrag gibt, zeigte Courbet dem türkischen Diplomaten das Aktbild - mit der Auflage darüber Schweigen zu bewahren. "Das Gemälde gefällt Khalil Bey", notiert der Maler anschließend, "er will es."
Kopf vom Torso getrennt
Doch der Lebemann bekam nicht das ganze Bild. Courbet trennte den Kopf vom Torso: Khalil Bey musste sich mit dem unsignierten kleinen Fragment des Unterleibs zufriedengeben, das er fortan in einem Separee hinter einem grünen Vorhang versteckte. Das Porträt bewahrte der Maler zunächst selbst auf, um die Identität des Modells zu schützen. Während die beiden Teile des zerschnittenen Kunstwerks in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten wiederholt den Besitzer wechselten, blieb "das Geheimnis Courbets" damit gewahrt.
Offenbar gelüftet hat es ein privater Kunstkenner, der dem berühmten Torso das lange verschollene Porträt zuordnen konnte. "Die untere Hälfte sorgte für einen Skandal, die obere Hälfte wird eine Revolution hervorrufen", kommentierte die Zeitschrift "Paris-Match" den Sensationsfund um das "freizügigste Gemälde in der Geschichte der Malerei".
Denn nun scheint belegt, dass das "Frauenporträt" und der "Ursprung der Welt" Teilstücke eines wesentlich größeren Bildes waren, das Courbet als Entwurf für die "Frau mit Papagei" gemalt hatte. Und dank Vergleichen mit andern Motiven des uvres gilt als gesichert, dass es sich bei dem Modell um Joanna Hiffernan handelt - die Irin war die Geliebte Courbets.
Ein Porträt für 1400 Euro
Der anonyme Finder, der sich nur unter dem Vornamen John geoutet hat, entdeckte das verschollene Porträt im Januar 2010 bei einem Pariser Antiquitätenhändler: Er erwirbt das kleine Gemälde mit dem Frauenkopf, für 1400 Euro. Mit Verve und Spürsinn begibt sich der Amateur auf die Suche nach der Herkunft des Bildes. Der zurückgeworfene Kopf, der üppige Haarschopf, das Spiel der Muskeln, gemalt mit schwungvollem Pinselstrich - das alles lässt auf Künstler des späten 19. Jahrhunderts schließen. Die Pariser Kunstexpertin Sylvie Brame, der John sein Bild im April 2012 zeigt, versichert ihm schließlich: "Ihr Gemälde ist ein Courbet."
Hinweise auf einen Farbenhersteller stützen die Vermutung, zugleich entdeckt der Amateurforscher am Rand des Rahmens, dass die Leinwand offenbar aus einem größeren Format gelöst wurde. Die eigentliche Erleuchtung folgt an einem späten Abend, als John in Bildbänden zu Courbet auf ein Abbild des Gemäldes "Ursprung der Welt" schaut - und plötzlich erkennt, dass der Frauenkopf zum Torso des provokanten Aktes passen könnte. Er vergrößert eine Internetvorlage auf das exakte Format seines Porträts und legt die beiden Bilder versetzt übereinander - verblüffend: Die beiden Stücke verbinden sich wie Teile eines Puzzles.
Ein Webfehler verbindet die Fragmente
Es folgen Nachforschungen in den Archiven des Louvre und der Nationalbibliothek - dort findet der Amateurhistoriker eine ganze Reihe von Hinweisen auf die provokante Gemäldestudie. Bestärkt durch Jean-Jacques Fernier, Autor und Experte am Institut Gustave-Courbet, bringt John sein Bild zu einem archäologischen Institut in Paris. Dort wird das Porträt mittels Röntgenstrahlen, Infrarot-Spektrografie und Farbchromatografie untersucht. Die Vergleiche mit dem Bild "Ursprung der Welt" sind eindeutig: Pigmente, Pinselstriche und auch das Leinengewebe, stimmen exakt überein. Besser noch: Ein Webfehler verbindet die beiden Gemäldefragmente.
Experte Jean-Jacques Fernier, Herausgeber des "Kritischen Katalogs von Gustave Courbet", entwirft auf Grund dieser Erkenntnisse eine Rekonstruktion des einst vollständigen Gemäldes, das im Original rund 120 auf 100 Zentimeter gemessen hat. "Vielleicht war es auch mehr", so Fernier gegenüber Paris-Match, "wenn die junge Frau auf ihrer erhobenen Hand auch denselben Vogel gehalten hat, wie auf der Darstellung von 'Frau mit Papagei'".
Kunstkenner John würde nur die beiden Teilstücke des Originals gerne im Musée d'Orsay wieder vereint sehen: Dann wären Kopf und Leib der Joanna Hiffernan nach 146 Jahren der Trennung wieder vereint. Der Amateursammler will hingegen im Hintergrund bleiben. "John will nicht öffentlich auftreten", heißt es in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE, die mutmaßlich von ihm stammt. "Das Bild ist der Star."
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