Politmarketing der CSU Wie ein 70-Jähriger bei Tinder

Konservativ ist wieder sexy. Behauptet die CSU in einem Zehn-Punkte-Plan. Aber was soll anziehend daran sein, unter sich bleiben zu wollen, wenn Menschen nach Deutschland fliehen?

Models in Fünfzigerjahre-Mode bei einem Jubiläum der Lufthansa
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Nach den Verhandlungen der CDU und CSU stand der trottelige Keine-Obergrenze-aber-eine-Zahl-Kompromiss im Mittelpunkt. Zu Recht, einerseits. Andrerseits ist ein anderer Teil des Unionstreffens viel verrückter, nämlich der Zehn-Punkte-Plan der CSU mit dem Titel "Warum die Union eine bürgerlich-konservative Erneuerung braucht". Als zehnter Punkt steht da: "Konservativ ist wieder sexy." Das ist, genauer betrachtet, entweder plump, pervers oder peinlich. Vielleicht auch alles zusammen.

Es ist nicht so leicht zu sagen, was die CSU mit "sexy" meint (oder mit "wieder"). Wenn man auf der Webseite der Partei den Suchbegriff "sexy" eingibt, erhält man nur wenige Ergebnisse, darunter die Ankündigung eines Fotografen-Vortrags mit dem Titel "Präsenz macht sexy", das alte Wowereit-Zitat zu Berlin ("arm, aber sexy") und die Forderung aus dem Landshuter Stadtrat: "Stadtbusfahren soll sexy werden!" Man tappt einigermaßen im Dunkeln. Wenn "sexy" nur so viel heißen soll wie "gefragt", dann ist es etwas plump, aber auch lustig.

Ausgerechnet die CSU versucht, sich ein bisschen in frischen Metaphern zu räkeln. Wie ein 70-Jähriger bei Tinder. Dabei sind die PR-Potenziale längst nicht ausgeschöpft. Man könnte die Nicht-Obergrenze in Gedenken an die einst von der damaligen Frauenministerin Kristina Schröder befürworteten "Flexiquote" auch als "Flexigrenze" bezeichnen und mit dem Spruch werben: "Die Flexigrenze ist eine sexy Grenze." - Nee, nicht gut? Finde ich auch nicht, aber ich habe nicht angefangen.

Peinlich ist die Idee, konservativ zu sein sei "wieder sexy", wenn sie bedeuten soll, dass wieder besonders viel Union gewählt wird. Die Union hat bei der Wahl vor gut zwei Wochen 65 Sitze im Bundestag verloren. Aber man denkt im Hause Horst Sexyhofer nicht so sehr in Zahlen.

Es ist sexy, im Krieg nicht die Beine weggeschossen zu bekommen

Konkret und ausführlich heißt es im Zehn-Punkte-Plan, wenn die Union "Taktgeber für das gesamte bürgerliche Lager sein" wolle, müsse sie "ihren angestammten Platz Mitte-Rechts ausfüllen", unter anderem "weil inzwischen selbst der Zeitgeist konservativ ist. Normalerweise sieht der Konservative den Zeitgeist eher skeptisch. Doch heute ist das Konservative das neue Moderne. Anders gesagt: Konservativ ist wieder sexy. Denn wer will nicht das bewahren, was uns wirklich wichtig ist: unsere Art zu leben (sicher und frei!), unseren Wohlstand und den gesellschaftlichen Frieden." Ja, stimmt, wer will das nicht. Dann ist es sexy, nicht sterben und verarmen zu wollen oder im Krieg die Beine weggeschossen zu kriegen. Dann wären sehr viele Menschen sehr sexy, aber es wäre kein unionsspezifischer Punkt.

Wir haben bisher die Möglichkeit nicht ganz ernst genommen, dass "sexy" tatsächlich sexuell gemeint sein könnte bezüglich der CSU. Nicht in dem Sinne, dass es undenkbar wäre, Konservative sexy zu finden. Das kann passieren. Sondern in dem Sinne, dass irgendetwas an der Politik dieser Partei sexuell attraktiv sein könnte. Man darf hoffen, dass es nicht so gemeint war.

Denn die einzige Partei, die im Wahlkampf vor allem mit sexuellen Inhalten auf Plakaten geworben hat, war die AfD mit ihren Ideen von nationaler Reinheit, und von der AfD möchte sich die CSU laut ihrem Plan "erfolgreich abgrenzen" und sie "knallhart bekämpfen". Na dann mal auf. Wer die AfD bekämpfen will, muss sie auch da bekämpfen, wo ihr Rassismus sich in Vorstellungen davon zeigt, wer sich mit wem fortpflanzen sollte und wer nicht.

"Neue Deutsche? Machen wir selber!" stand auf einem AfD-Plakat, das eine schwangere Frau zeigte. "Burkas? Wir steh'n auf Bikinis" stand auf einem Bild, das Frauen im Bikini von hinten zeigte. Beide Plakate sollen sagen: Wir guten Deutschen vögeln nur untereinander. Frauke Petry hielt ihren Fruchtbarkeitsbeweis gleich selbst in die Kamera.

Ich möchte nicht direkt einen parallelen Rassismus-Vorwurf an die CSU aus dem Ärmel schütteln, aber man muss aufpassen, in welche Gewässer man sich begibt. Der zentrale Punkt der Verhandlungen mit der CDU war die Frage, wie viele Menschen als Asylsuchende nach Deutschland reingelassen werden. Punkt 6 des Zehn-Punkte-Plans besagt, dass "zu Offenheit und Freiheit auch Obergrenze und Leitkultur gehören. Grenzenlose Freiheit macht Angst."

Pervers wird die Idee eines "sexy" konservativen Denkens, wenn das sexy Ideal ausgerechnet eines sein soll, das flüchtende Menschen wegschickt, im Zweifel eine Einschränkung des Völkerrechts bedeutet und wenn das Recht auf Asyl nur so lange gelten soll, wie man es in Bayern angenehm findet. Die CSU hat ihre Obergrenze nicht so bekommen, wie sie wollte, und sie kann darüber ernsthaft froh sein. Denn so sexy ist die Idee nicht, unter sich zu bleiben, wenn Menschen nach Deutschland fliehen. Über Geschmack kann man lange streiten, aber das ist objektiv unsexy.

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insgesamt 46 Beiträge
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rst2010 10.10.2017
1. wertegemeinschaft
und christlich abendländische leitkultur: wenn es darum geht, sind unsere leitsätze im grundgesetz und in der bergpredigt zu finden. leider ist nicht erkennbar, dass eine der sog. christlichen parteien sich irgendwas davon zu herzen nehmen würde. ganz im gegenteil.
radioactiveman80 10.10.2017
2. Mal wieder der alte Denkfehler...
...den Margarete stellvertretend für so viele macht: sie denkt und behauptet, dass ALLE Menschen nach Deutschland FLIEHEN und dann im Sinne unserer Verfassung ASYL erhalten könnten. Fliehen, vor was denn? Dem Staatenzerfall unseres Nachbarlandes Österreich, das von diesem schrecklichen Bürgerkrieg zerrissen wird? (muss ich verpasst haben). Margarete, so wird das nichts. Einem Debattenbeitrag kann ich keine falschen Annahmen zugrundelegen. Viele, wenn nicht sogar die Mehrheit, sind Migranten. Nicht mehr, und nicht weniger. Illegal eingereist, ohne realistische Bleibeperspektive. Belogen von Schleppern, mit Hoffnung genährt durch politische Fehler, animiert durch das falsche Bild der Humanität und entsprechender Presseberichte. Rückkehr? Schwierig. Perspektive? Wenig bis keine, wenn der Traum zerplatzt ist. Nicht gut, produziert nur Verlierer.
lars.manhof 10.10.2017
3. Die alte Tante CSU
Ich stimme der Kolumne von Frau Stokowski zu. Es passt nicht mehr in unsere Zeit, auf dieser Erde (unserer wirklichen und einzigen Heimat) tun und lassen zu wollen, und man schön Geld verdient und dann aber zu Hause gern mit dem Trachtenhütchen und Gamsbart gemütlich unbehelligt seine Jodler trällert. Bayern hat die größte Rüstungsindustrie Deutschlands und jubilierte jedesmal, wenn Obama oder Trump mit dem Finger schnippte und ein frischer Kriegseinsatz oder Waffendeal auf dem Tisch lag. Außerdem, wer mit den verbliebenen Sünden der Kernenergie und dem Rumzocken bei alternativen Energien so rumtut, wie Bayern, sollte das Attribut 'sexy' endlich ablegen. Attribute, wie 'Dumm, altbacken, verantwortungslos und egozentrisch' sind Alternativen für die CSU.
B. Hoffrich 10.10.2017
4. Abgezogen
"Aber was soll anziehend daran sein, unter sich bleiben zu wollen, wenn Menschen nach Deutschland fliehen? " Was ist das denn für eine irrwitze Behauptung? Anziehend ist nur die Chance, in Deutschland Sozialhilfe abzuziehen. Die Magarete Stinkowski berücksichtigt nicht, dass die illegalen Einwanderer von den Deutschen nicht hinein gebeten wurden wie ehemals die Gastarbeiter. Die nützliche Arbeit für das Land verrichteten und es nicht nur leer fraßen wie die Heuschrecken.
Kezman9 10.10.2017
5. zu #1
Mal was von "Nächstenliebe" gehört? Ist ein wichtiger Bestandteil im Christentum, aber die Patrioten wollen ja nur das Abendland beschützen. Das C kann die Union rausstreichen.
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