Czeslaw Milosz Der tote Dichter und der Stolz der Polen

Als der Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz starb, wollten nationalistische Kreise in Polen die Ehrung des Schriftstellers verhindern. Die Auseinandersetzung um Milosz zeigt, wie schwer sich vor allem die katholische Kirche damit tut, ihre Rolle in einer liberalen Gesellschaft zu finden.

Von Mia Raben


Milosz-Trauerfeier in Krakau (am 27. August mit Kardinal Franciszek Macharski): "Polen ist eine dunkle Stadt"
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Milosz-Trauerfeier in Krakau (am 27. August mit Kardinal Franciszek Macharski): "Polen ist eine dunkle Stadt"

Krakau - In den polnischen Medien, in den Kneipen, auf den Straßen und im Krakauer Rathaus gab es in den vergangenen Wochen nur ein Thema: Wie viel Ehre gebührt dem großen polnischen Dichter Czeslaw Milosz bei seinem Begräbnis? War er ein richtiger Pole? Ein Patriot? Ein gläubiger Katholik? Die meisten Polen sind sich einig: Die Debatte ist lächerlich und lässt jeden Respekt vor dem Literaturnobelpreisträger vermissen.

National konservative Katholiken wollten die Beisetzung Miloszs im polnischen Pantheon, der Gruft des Paulinerklosters auf dem Krakauer Skalkahügel, unbedingt verhindern. Vor dem gusseisernen Tor des Klosters hängten sie Plakate an die Mauern. Darauf zu lesen waren Zitate aus Milosz-Gedichten. Die Zeilen wurden einfach aus dem Kontext gerissen, sollten aber den Beweis für Milosz' größtes Vergehen liefern: seinen mangelnden Patriotismus.

Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, den der in Litauen geborene Pole im Warschauer Untergrund erlebte, wandte Milosz sich - nach einer kurzen Phase als kommunistischer Diplomat - von seiner Heimat ab und erlangte 1951 politisches Asyl in Frankreich. Die sozialistische Nachkriegseuphorie vieler polnischer Dichter konnte er nicht nachvollziehen.

"Ciemnogród to Polska", diese an der mittelalterlichen Klostermauer zitierte Milosz-Zeile heißt wörtlich übersetzt: "Polen ist eine dunkle Stadt". Sinngemäß allerdings offenbart sich hier die pessimistische und oft einsame Kritik des Dichters an den Geschehnissen im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit. Denn "Ciemnogród" (sprich: Tschiemnogrud) ist ein Synonym für Rückständigkeit und Xenophobie, für den kranken Nationalstolz der Polen.

Milosz schrieb die Zeile 1974 im amerikanischen Exil. Mehr als 20 Jahre lang lehrte er als Professor im kalifornischen Berkeley Slawistik. Seine Gedichte waren in Polen verboten - bis Milosz im Jahr 1980 überraschend den Nobelpreis für Literatur überreicht bekam. Das war die Zeit, in der die Freiheitsbewegung "Solidarnosc" in Polen die ersten Mauern zum Einsturz brachte - unterstützt von einem polnischen Papst in Rom. "Es ist schwer, einen Zeugen zu finden, der die polnische Geschichte so schmerzvoll erlebt hätte und sie auch beschrieben hätte, wie Czeslaw Milosz", sagte der polnische Kulturminister Waldemar Dabrowski am vergangenen Freitag, dem Tag der Beisetzung.

Nobelpreisträger Milosz (1999): Kosmopolitischer Held
DPA

Nobelpreisträger Milosz (1999): Kosmopolitischer Held

Noch im vergangenen Juni hatte sich der damals 93-Jährige mit den in Polen massiv diskriminierten Homosexuellen solidarisch erklärt. Milosz sei "von schwermütiger Nachdenklichkeit und leidenschaftlichem Engagement" gewesen, schrieb der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seinem Nachruf.

Ganz anders sehen das die Protestierenden, darunter Mitglieder der "Jugend Universalpolen", eine gesellschaftliche Vereinigung, gegründet 1922 mit Sitz in Warschau, die von sich selbst sagt, dass ihr die "Liebe zum Vaterland nah" ist. Ihr erklärtes Ziel: "Die Erziehung der Mitglieder im nationalen und katholischen Geiste und die Bildung eines patriotischen Verantwortungsgefühls." Sie wenden sich entschieden gegen eine Ehrung des unbequemen Milosz: "Seine mehrfachen Beleidigungen an die Adresse der polnischen Geschichte und Tradition, an die katholische Kirche und an die nationale Bewegung können wir einfach nicht hinnehmen", sagen sie. Wie verwundete Tiere schlagen die Dogmatiker um sich.

Woher kommt dieser so rückwärts gewandte, erzkatholisch anmutende Nationalstolz? Adam Michnik, langjähriger Milosz-Freund, ehemaliger Dissident und heute Chefredakteur der wichtigsten polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza", nennt dessen Verteidiger die "Rentner unseres Märtyrertums".

Wer sich am polnischen Mythos festkrallt und sich in einer europäischen, liberalen Gesellschaft partout nicht einfinden will, der legt offen, dass sein Schmerz von wiederholter Fremdherrschaft und Teilung noch lange nicht abklingt. Vielleicht kochen gerade jetzt, da die Polen im vergangenen Mai nach 15 Jahren Unabhängigkeit endlich auch in Europa angekommen sind, die Emotionen besonders schnell hoch. Denn, wie Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe Instituts in Krakau, es formuliert hat: "Es gibt für die polnische Kultur keine Alternative zu Modernität und Liberalismus."

Für die große Mehrheit der Polen ist das selbstverständlich. Für sie verkörpert Milosz als kosmopolitischer Held jene beiden nationalen Elemente, die in der langen Zeit der Teilung zwischen Deutschland und Russland als Ersatz für die staatliche Souveränität herhielten: die Sprache und die Kirche. Milosz, ein Meister der polnischen Sprache, war Katholik, wurde aber erst im hohen Alter sehr gläubig. Nach der Wende kehrte er letztlich doch noch nach Polen zurück, und näherte sich dort dem liberalen, in Krakau beheimateten, Katholizismus.

Vor zwei Wochen starb Milosz in Anwesenheit seines Beichtvaters und seiner engsten Familie in seinem Karakauer Domizil. Am vergangenen Freitag erhielt er ein katholisches Staatsbegräbnis mit einer - bis zum letzten Tag umstrittenen - ehrenvollen Prozession durch die Krakauer Altstadt, an der tausende Polen teilnahmen.

Papst Johannes Paul II.: Machtwort des polnischen Liberalen
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Papst Johannes Paul II.: Machtwort des polnischen Liberalen

Der greise polnische Papst höchstpersönlich hatte sich darum bemüht, den erzkatholischen, nationalistischen Kräften Grenzen aufzuzeigen und ihr oftmals schräges Geschichtsbild gerade zu rücken. Denn Johannes Paul II. steht in der polnischen Kirche dem liberalen Flügel näher als der reaktionären Strömung. Durch ihn erlangte die Kirche im Jahr 1978 das für die Revolution so wichtige Gegengewicht zum sowjetisch ferngesteuerten polnischen Staat. Bereits im Jahr 1981 empfing der Papst den aufständischen Solidarnosc-Gewerkschafter Lech Walesa in Rom.

Im August 1989 zeigte sich Johannes Paul II. wiederum freizügig, als sich der polnische Erzbischof Jozef Glemp weigerte, dem Wunsch der Juden nachzukommen, das Karmeliter-Ordenshaus vom Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz zu verlegen. Glemp sagte, hier ginge es um ein Stück "mühsam erkämpfte nationale Souveränität". Es war der Papst, der Glemp in die Schranken wies.

Ähnlich schlichtend schaltete er sich im März 2001 in eine nationale Debatte ein. Der Historiker Jan Tomasz Gross enthüllte damals: Unter deutscher Besatzung hätten Polen in der ostpolnischen Kleinstadt Jedwabne an einigen hundert jüdischen Nachbarn bereitwillig ein Massaker vollstreckt. Der Radiosender "Radio Maryja" und die Partei "Liga der polnischen Familien" (LPR) kommentierten, der Bericht sei eine üble Verleumdung des polnischen Volkes. Auch hier appellierte Johannes Paul II. gegen Judenfeindlichkeit.

In der vergangenen Woche war es erneut ein Machtwort des Papstes, das die peinliche Auseinandersetzung um die Beisetzung des großen Dichters beendete. Ausgerechnet "Gazeta Wyborcza"-Chef Michnik, von den konservativen Katholiken als jüdischer Ungläubiger verachtet, durfte die Rolle des Überbringers der seligen Botschaft aus Rom spielen. Kurz vor der Beerdigung betitelte er seine Zeitung mit einem Brief des Papstes an den Erzbischof von Krakau, in dem Johannes Paul II. wiederum aus einem Briefwechsel mit Milosz zitiert. Darin hatte der Papst bestätigt, dass er selbst und Milosz nach demselben Ziel streben.

So blieben den Protestlern am Tag der Beisetzung die Schmährufe im Halse stecken. Gegen den Papst sind sie machtlos. Der Trauerzug durch die Altstadt in der schon herbstlich anmutenden Mittagssonne verlief würdevoll ruhig und friedlich. Die Debatte um Polens künftigen Platz in Europa, um Liberalität und Toleranz, hat aber gerade erst begonnen.



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