Dada-Prozess Das Bezahl-Urinal

Heute stand der Franzose Pierre Pinoncelli vor Gericht, weil er Marcel Duchamps "La Fontaine" zerstören wollte. Die Attacke aufs Kunsturinal zahlt sich aus - allerdings nicht für den Kreativ-Vandalen.

Von Alain Bieber


Paris/Hamburg – Dada war Wut. Dada war Zerstörung. Mit aggressiver Leidenschaft kämpften die dadaistischen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche Konventionen. Als Marcel Duchamp 1917 bei einem Sanitärhändler ein Urinal erstand, es auf den Namen "La Fontaine" taufte und mit dem Pseudonym "R. Mutt" signierte, löste er einen Skandal aus. Indem er ein vorgefundenes Objekt zu einem Kunstwerk erklärte, demontierte er den Mythos des Kunstschöpfenden als Souverän über Bedeutung und Rezeption des Werks.

Kunst-Vandale Pinoncelli: Attacke im Dienste der Kunst?
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Kunst-Vandale Pinoncelli: Attacke im Dienste der Kunst?

Heute, 90 Jahre nach Duchamps modernem Geniestreich, stand Pierre Pinoncelli in Paris vor Gericht. Der 78-jährige französische Aktionskünstler hatte vergangenes Jahr versucht, während der "Dada"-Retrospektive des Pariser Centre Pompidou, "La Fontaine" mit einem Hammer zu zerstören. Schon 1993 attackierte er bei einer Ausstellung in Nîmes das Urinal, indem er es in seiner ursprünglichen Bestimmung nutzte: Er urinierte hinein. Pinoncelli wurde damals zu einer Geldstrafe von umgerechnet 45.122 Euro verurteilt.

"Ich mache Kunst in Museen gegen Museen", erklärte Pinoncelli seine Tat. "Der Museumsbetrieb hat aus Duchamps Urinal das goldene Kalb der zeitgenössischen Kunst gemacht. Das ist das komplette Gegenteil des einstigen dadaistischen Geistes." Der Anarcho-Rentner lebt den Dada-Esprit seit über vierzig Jahren: In seinen Aktionen wanderte er im Diogenes-Look nackt, nur von einer Tonne bedeckt, durch die Straßen. Oder verkleidete sich als Weihnachtsmann und zerstörte vor weinenden Kindern Spielzeug. Er schnitt sich ein Fingerglied ab und stürmte mit einem Gewehr eine Bank, um letztlich nur einen Euro zu rauben.

Mit Duchamp gegen Duchamp

Pinoncelli ist sich sicher: Duchamp hätte ihn verstanden. Der Dadaist attackierte den herrschenden Kunstkonsens – und macht Pinoncelli heute nicht dasselbe? "La Fountaine" ist zu einer Ikone der modernen Kunst geworden - und zu einer Wertanlage der bürgerlichen Kultur (sein Schätzwert liegt bei knapp drei Millionen Euro). Das Werk anzugreifen, so die Logik Pinoncellis, setzt Duchamps Verfahren fort.

Die französischen Gerichte hatten wenig Sinn für derartige Spekulation: Sie verurteilten Pinoncelli zu drei Monaten Haft auf Bewährung. Zudem muss er 14.352 Euro für die Reparatur des Kunstwerks zahlen. Trotzdem ein kleiner Sieg für den Alt-Dadaisten, denn eine vom Centre Pompidou geforderte Entschädigung von 200.000 Euro erließ ihm das Gericht.

"Die Kunst ist frei, heißt es im Grundgesetz. Eine Zensur findet nicht statt. Aber Gesetz, Moral, Politik und Religion sind Grenzen, an die die Kunstfreiheit stößt", meint der Hamburger Medienanwalt Jens O. Brelle zu dem Fall. "Es wäre Kunst, wenn Pinoncelli eigene Kopien hergestellt und diese dann zerstört hätte. Dann könnte man von einer zustimmungsfreien Benutzung sprechen. Bei der reinen Zerstörung der fremden Replik von Duchamp mag ein Kunstkonzept dahinterstehen, rein juristisch ist das jedoch Sachbeschädigung und ein Eingriff in ein fremdes Eigentums- beziehungsweise Urheberrecht."

Von der Destruktion zur Kreation

Pinoncelli ist nicht der erste Vandale mit kreativer Motivation. Die Geschichte der Kunst-Attentäter ist so alt wie die Kunstgeschichte selbst. Herostratos brannte im Jahr 356 vor Christus den Artemis-Tempel von Ephesos nieder, eines der sieben Weltwunder der Antike. Er gestand, er habe das Verbrechen verübt, um berühmt zu werden, da er sein unbeachtetes Leben in der Masse satt habe.

Das chinesische Künstlerduo Yuan Cai, 50, und Jian Jun Xi, 44, urinierte im Jahr 2000 in Duchamps "Fountain" und sorgte ein Jahr zuvor für einen Skandal, weil sie in Tracey Emins Kunstinstallation "My Bed" eine wilde Kissenschlacht veranstalteten. Und obwohl Emin selbst für ihre provokativen Kunstinszenierungen bekannt ist, reagierte sie ohne Verständnis. "Das ist Terrorismus", kommentiere sie die Aktion, "als würden erfolglose Künstler damit drohen die Waterloo-Brücke herunter zu springen, wenn man sie nicht ausstellt."

1997 sprühte der kasachische Künstler Alexander Brener in Amsterdam auf Kasimir Malewitschs "Suprematistisches Bild" ein Dollarzeichen - und wurde zu einer zehnmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Und im Jahr 1994 schüttete der Engländer Mark Bridger schwarze Tinte in das Damien Hirst-Werk "Away From The Flock", einem in Formaldehyd eingelegten Schaf – und nannte seine Schöpfung "Schwarzes Schaf".

Sind diese Kunst-Terroristen also die schwarzen Schafe der Kunstwelt oder doch Co-Autoren eines neuen Werkes? Von Aktionen in Frankreich hat Pinoncelli jedenfalls erst einmal genug. "Aber mir bleibt ja noch ganz Europa und die Welt", sagte er am Freitag nach seinem Prozess.



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