Dänische Polit-Doku "Alles Banditen" Von vorne oder von hinten?

Der dänische Dokumentarfilm "Alles Banditen" zeigt, wie es bei einem EU-Gipfeltreffen zugeht, wer etwas zu sagen hat und wer wen über den Tisch zieht. Im Mittelpunkt steht der dänische Ministerpräsident Rasmussen, der ganz offenbar noch Spaß an der Politik hat.

Von Henryk M. Broder


Szene aus "Alles Banditen", Ministerpräsident Rasmussen, EU-Kommissionschef Prodi: Die Herren waren not amused
RBB / NDR / Europäische Kommission

Szene aus "Alles Banditen", Ministerpräsident Rasmussen, EU-Kommissionschef Prodi: Die Herren waren not amused

Dänemark ist ein kleines Land, viel kleiner als die russische Halbinsel Kola und nur ein wenig größer als der europäische Teil der Türkei. Aber im Dezember des vergangenen Jahres war die Bilderbuch-Monarchie am Kattegatt für ein paar Tage eine Großmacht. In Kopenhagen fand der EU-Erweiterungsgipfel statt und Dänemark führte den Vorsitz im Europäischen Rat. Eine ideale Gelegenheit für den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen, sich in Szene zu setzen und für den Filmemacher Christoffer Guldbrandsen, Rasmussen und seine EU-Kollegen dabei zu beobachten.

Der Regierungschef wurde dezent verkabelt und eine Kamera nahm jedes Wort und jeden Schritt von ihm auf - bis an die Tür der Toilette. Es war entweder eine Mini-Kamera, die in einen Jackenknopf passte, oder der Kameramann hatte eine Tarnkappe an, die ihn unsichtbar machte. Anders ist es nicht zu erklären, dass die EU-Granden es nicht mitbekamen, dass sie auch dann gefilmt wurden, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. Entsprechend heftig fielen hinterher die Reaktionen aus, die Herren waren not amused und fühlten sich reingelegt, weil sie nicht informiert worden waren.

Doch Rasmussen gab den Film frei, weil so eine Arbeit "zu mehr Offenheit über die Hintergründe der Politik" beitrage. Einerseits. Andererseits hatte der Däne gut reden. Er gab sowohl bei den Verhandlungen wie im Film den Ton an, dirigierte und manipulierte seine Partner dahin, wo er sie haben wollte und hatte bei allem so viel Spaß an der Freud', dass er es sich leisten konnte, generös zu sein.

So ist eine Dokumentation entstanden, die ausnahmsweise diesen Namen verdient. Der Reporter bleibt unsichtbar, er stellt keine Fragen und er gibt keine "Einschätzungen" von sich, die Kamera bleibt immer dicht dran, wobei das Bild schon mal unscharf wird und ein wenig wackelt. Weil es bei den Verhandlungen drunter und drüber geht, wird der jeweilige Sachstand durch Meldungen aus der dänischen, der russischen, der deutschen, der französischen "Tagesschau" wie ein klärender Zwischenruf fixiert.

Dänischer Ministerpräsident Rasmussen: Der Reporter stellt keine Fragen
HR / NDR

Dänischer Ministerpräsident Rasmussen: Der Reporter stellt keine Fragen

Der Handschrift nach könnte es auch ein Film aus der Dogma-Manufaktur sein, der Regisseur Lars von Trier heißen, der sich diesmal die Top 25 Europas vorgenommen hat. Der große Mann mit dem schütteren Haar redet wie Jacques Chirac und heißt auch so, er ist gegen den Abbau von Subventionen für die Landwirtschaft, weil er Angst vor seinen Bauern hat. "Die werden wütend sein." Und sein bester Freund, der deutsche Kanzler, macht ein Gesicht, als sei er eben ausgeraubt worden. Ist er auch, denn am Ende hat Chirac sich durchgesetzt und Schröder solidarisch kapituliert.

Rasmussen würde gerne mit Schröder "über Kühe reden", aber "Schröder will mit Doris nach London fliegen", sagt Rasmussen grinsend. Per Stig Moeller, der dänische Außenminister, erzählt, Joschka Fischer habe "drei Positionen zum EU-Beitritt der Türkei" nach Kopenhagen mitgebracht und sie hintereinander präsentiert. Der deutsche EU-Kommissar Günter Verheuen steht in einer Verhandlungspause ratlos herum, als habe er vergessen, wozu er nach Kopenhagen gekommen sei. Willkommen in Europa!

Auch wenn der Zuschauer nicht immer weiß, worum es gerade geht - die Protagonisten wussten es vermutlich auch nicht - eines wird ihm schnell klar. Trotz Telefon, Telefax, Xerox und E-Mail hat sich in der Politik seit dem Wiener Kongress wenig geändert. Wie zu Metternichs Zeiten kommt es auch heute darauf an, die Gemeinheiten persönlich zu übermitteln.

Anders Fogh Rasmussen macht seinen Job großartig. Er bestellt den polnischen Ministerpräsidenten Leszek Miller in sein Büro ("Das Gespräch darf nicht länger als 30 Minuten dauern"), er bietet Putin wegen Kaliningrad die Stirn ("Ich will ein ordentliches Ergebnis oder gar keins") und er macht dem türkischen Ministerpräsidenten klar, dass der sich keine Hoffnungen auf einen schnellen Beitritt der Türkei machen sollte. Wenn sich eine Delegation verspätet, lässt Rasmussen sein Lächeln fallen und sagt: "Ich schätze Pünktlichkeit, aber die meisten sind es nicht."

Er entscheidet über die Sitzordnung ("Alphabetisch - von vorne oder von hinten?") und er plaziert Vaclav Havel als Ehrengast an seiner Seite. Am Ende hat er sich durchgesetzt, gegen die Franzosen, die Polen, die Deutschen. "Jetzt habe ich ein Abkommen mit allen zehn Ländern." Aber wie immer bei solchen Konferenzen gab es auch beim EU-Gipfel in Kopenhagen nur Sieger und keine Verlierer. Christoffer Guldbrandens spartanischer und unterhaltsamer Film könnte auch "The Making Of A Union" heißen oder "Warum Europa noch lange brauchen wird, bis es eine Gegenmacht zu Amerika werden kann".

Der tatsächliche Titel "Alles Banditen" ist ein wenig irreführend. Gemeint sind nicht die "Regierungschefs unter sich", sondern die vielen angereisten Journalisten, "die ganze Bande". So was muss einem klar gesagt werden, denn andersrum macht es auch Sinn.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.