Steuerskandal um HSBC Kommentator kündigt wegen Einfluss von Anzeigenkunden

"Betrug an den Lesern": Peter Oborne, Chefkommentator des "Telegraph", hat mit scharfen Vorwürfen seine Kündigung öffentlich gemacht. Die britische Zeitung habe einen Bankenskandal heruntergespielt - aus Angst vor einem Anzeigenboykott.

Digitaler und papierner "Telegraph": "Können die Leser noch vertrauen?"
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Digitaler und papierner "Telegraph": "Können die Leser noch vertrauen?"


London - "Peter Oborne hat der Öffentlichkeit einen großen Dienst getan", überschreibt die konservative Zeitschrift "The Spectator" einen Beitrag, der auf ihrer Website erschienen ist.

In einem ausführlichen Blog-Beitrag hat Peter Oborne, der politische Chefkommentator des "Daily Telegraph" seine Kündigung öffentlich gemacht, die er bereits Ende des Jahres einreichte. Er machte Gewissensgründe geltend: Weil er eine zunehmende Aufweichung der Grenze zwischen Anzeigenabteilung und Redaktion nicht weiter hinnehmen wolle.

Oborne wirft dem Blatt einen "Betrug an den Lesern" vor: "Wenn Prioritäten der Anzeigenabteilung redaktionelle Entscheidungen bestimmen dürfen, wie können die Leser der Zeitung noch vertrauen?"

Aktueller Anlass für seine schweren Vorwürfe ist die Berichterstattung des "Telegraph" zu den aktuellen Geldwäsche-Vorwürfen gegen die Schweizer Abteilung des britischen Bankhauses HSBC. Während das Thema nach einer Enthüllung des BBC-Magazins "Panorama" bei allen seriösen Tageszeitungen ein großes Thema war, habe man die Berichte im "Telegraph" mit dem Mikroskop suchen müssen, so Oborne. Zum Beispiel "unten auf Seite 2, der Müllhalde für die Geschichten, die die Leser nicht sehen sollen", wie es das Satiremagazin "Private Eye" beschreibt.

Größer in die Berichterstattung eingestiegen sei das traditionell den Tories nahestehende Blatt erst, als im Zusammenhang mit dem Skandal steuerliche Fragen von Labour-Persönlichkeiten in den Blick gerieten, ätzt Peter Oborne.

"Extrem wertvoller Werbeetat"

Den Hintergrund für diese seltsame Zurückhaltung angesichts einer spektakulären Geschichte glauben Oborne und "Private Eye" beide zu kennen: Der Geschäftsführer des "Telegraph", Murdoch MacLennan, habe 2013 die Devise ausgegeben, keine Negativberichterstattung über HSBC, einen der potentesten Anzeigenkunden des Blattes, zu dulden.

Nach einer durch "Telegraph"-Recherchen im November 2012 enthüllten Geschichte über Steuerschlupflöcher durch HSBC-Konten auf der Kanalinsel Jersey, hatte HSBC ein Jahr lang keine Anzeigen mehr im "Telegraph" geschaltet. Im Verlag habe die Rückgewinnung dieses "extrem wertvollen" Etats höchste Priorität gehabt.

Ein "Telegraph"-Sprecher bestritt die Vorwürfe: "Die Unterscheidung zwischen Werbung und unseren preisgekrönten redaktionellen Inhalten ist immer schon grundlegend für unser Geschäft gewesen", betont ein Sprecher.

Den jüngsten Skandal über die Schweizer Tochterbank der HSBC hatte die internationale Recherche-Plattform ICIJ enthüllt, der aus Großbritannien der "Guardian" angehört. Wie dieser nun in einem Nebensatz berichtet, hat HSBC seine Anzeigenschaltung in den "Guardian"-Medien vorerst "pausiert". In Deutschland machte zuerst die Recherche-Kooperation aus NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" die sogenannten Swiss Leaks publik.

Derweil wird der "Süddeutschen Zeitung" in einem Blog-Artikel eines ehemaligen Mitarbeiters vorgeworfen, 2007 in Verlagsbeilagen im Wirtschaftsressort Schleichwerbung für Steuerhinterziehung gemacht zu haben. In einem Interview sagte Sebastian Heiser, den letzten Ausschlag für seine späte Veröffentlichung der Vorwürfe, hätten die Swiss Leaks gegeben: "Ich fand diese Heuchelei unerträglich, mit der die 'SZ' sich heute als Kämpferin für Steuerehrlichkeit darstellt, obwohl sie damals genau diese Steuerhinterziehung im Ausland befeuert hat."

Für die "SZ" hat inzwischen Wolfgang Krach, der stellvertretende Chefredakteur, Heisers Vorwürfe zurückgewiesen: Man habe lediglich auf legale Anlagemöglichkeiten hingewiesen; zudem seien die Artikel in der Beilage nicht der Anzeigenabteilung vorgelegt worden.

Den Artikel von Peter Oborne über die Verwerfungen beim "Telegraph" nannte der New Yorker Journalistik-Professor Jay Rosen auf Twitter "mit das Wichtigste, was ein Journalist in letzter Zeit über Journalismus geschrieben hat".

feb

insgesamt 6 Beiträge
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zynik 18.02.2015
1.
Respekt, Herr Oborne. Nicht jeder ist dazu geeignet sich journalistisch zu prostituieren. Wo wir gerade beim "Whistleblowing" sind: https://heisersstimme.wordpress.com/2015/02/16/sz-leaks-schleichwerbung-fur-steuerhinterziehung/
hevopi 19.02.2015
2. Eine Ausnahme,
die Bewunderung verdient. Das ist aber wirklich nicht die Norm, denn unsere geldgierige Gesellschaft hat ganz andere Ziele. Bei Unternehmen, die auch Verantwortung für Mitarbeiter tragen, verstehe ich das ja noch. Aber das Banken auch unser Gemeinwohl in Frage stellen (kann ohne Steuern nicht funktionieren) zeigt doch, wie kriminell und absolut rücksichtslos sie sind. Leider haben die Regierungen noch nicht die richtige Antwort darauf, jeder Bankräuber wird zu vielen Jahren verurteilt, kriminelle Steuerhelfer bestenfalls entlassen, wenn es nicht anders geht.
xantisto 19.02.2015
3. NJa ja,
die Medien warenb schon immer Interessenvertreter, das wiurd sich auch nie ändern, simnd ja alles nur Menschen, und das mit Weitblkick. Oder wie soll man das werten, wenn bei brisanten Artikeln keine Kommentarmöglichkeit der Leser eingeräumt wird?
dröhnbüdel 19.02.2015
4. Nicht viel zu machen
Klar, die Medien, auch der Telegraph, sind auf Anzeigeneinnahmen angewiesen, sonst gehen sie pleite, und eine unabhängige Berichterstattung ist dann auch nicht mehr drin. Schade, dass es nicht so einfach sein kann wie in dem Fall einer westfälischen Tageszeitung, den ich einmal vor vielen Jahren erlebt habe. Damals war Kino noch richtig in, die Filmtheater der Stadt schalteten regelmäßig Anzeigen - und sperrten diese, als Schrott-Filme im redaktionellen Teil auch als solche bezeichnet wurden. Der Verleger knickte nicht ein, die Filmtheater blieben auch hart, bis ihnen schließlich die Besucher wegblieben, weil sie das Programm nicht mehr erfuhren. Die Anzeigen erschienen wieder, trotz der ehrlichen Filmkritiken. Leider ein Einzelfall, auf heutige Verhältnisse nicht übertragbar.
guenther2009 20.02.2015
5. Ich ziehe
meinen Hut vor Hrn. Osborne. Leider gibt es in der heutigen Welt zu Wenige mit einer festen Meinung,trotzdem bin ich dankbar dafür. Hoffentlich gibt es bald mehr davon in den Medien.
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