Die guten Momente Damals

Das Versagen wird so langsam klar: Wir sind nicht die Ausnahme geworden. Wir haben die Welt nicht verändert und nichts wird bleiben von uns.

Handyfotos (Symbolbild)
DPA

Handyfotos (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Diese Fotos im Telefon. Mit diesen fantastischen Auflösungen. Was passiert eigentlich mit denen? Mit diesen Millionen Fotos. Sitzt man da und zeigt sie sich, schaut sie an, wenn der Regen fällt. Oder ist das vorbei? Dieses Betrachten vergilbter Bilder, früher, als die Welt keine Farben hatte, und es Fotos gab, mit gezinkten Rändern, als man die in Alben klebte, um sie alle Jahre einmal anzusehen, sich beim Älterwerden betrachtend, die Erinnerungen betrachtend, die immer lebendiger werden, je älter man wird, die einen immer trauriger machen, weil man um ihre Unwiederbringbarkeit weiß.

Damals.

Als wir noch nicht in der Erfüllung von Erwartungen funktionierten, als wir noch eigene Sätze sprachen und nicht angelernte Gedanken verwendeten, als wir noch nicht anzogen, was man halt so trägt, wenn man nicht auffallen will, das waren wir, als wir noch glaubten, dass wir alles anders machen würden und nie so ein furchtbares Leben führen würden, wie die Menschen um uns.

Überwältigend gelitten, überwältigend geliebt

Der Glaube an die eigene Größe verliert sich, irgendwann, wenn wir zu müde sind, von all dem Hass, in dem wir schwimmen, jeden Tag, und nicht mehr nachdenken, automatisch aufstehen, Kaffee trinken, loshetzen, in ein Gebäude gehen, Pflicht erfüllen, müde sein, zu Bett gehen, keine Hoffnung mehr haben, und dann diese Endlichkeit, die uns klar wird. Die Beschränkung, die uns klar wird. Das Versagen, das uns klar wird. Wir sind nicht die Ausnahme geworden, wir haben die Welt nicht verändert, und nichts wird bleiben von uns.

Damals.

So stark wie als junger Mensch hat man doch nie mehr gefühlt, so überwältigend gelitten und geliebt. Die alten Bilder, die leise Trauer, denn man weiß wie die Sache ausgeht. Die Welt wird ohne uns weiterbestehen, wird ihre Jahreszeiten produzieren und Lieben und Aufregungen und Straßen im Regen wird es geben, die feucht glänzen, und den Geruch nach Frühling, nur leider ohne uns, an die sich bald keiner mehr erinnern wird. Da sind nur Bilder, wenn wir aus den Generationen kommen, als es die noch gab, als Fotos noch Papier und seltsames altes Müffeln bedeuteten und jedes ein Aufschrei gegen die unglaubliche Kränkung durch die eigene Sterblichkeit. Wir waren uns doch Zentrum der Welt. Und keiner hat je intensiver geliebt als man selber.

Die Stirn an Fensterscheiben gepresst und noch nicht einmal Regen wollte fallen, und wir haben den einen Menschen so gewollt wie nie einer einen anderen. Wir wollten ihn halten und mit ihm gehen und ihn beschützen, und wir waren uns sicher, das einzige Paar auf der Welt zu sein, dessen Liebe unendlich wäre.

Die guten Momente bleiben

Gelitten haben wir, einmalig, der Moment da einen jede Kraft verlassen hatte, man auf den Boden sinken und nicht mehr atmen wollte, weil es unvorstellbar war weiterzumachen. Vielleicht war da ein Hund neben uns, mit besorgtem Blick, doch helfen konnte er nicht, keiner konnte da helfen nach irgendeiner der elementaren Demütigungen, aus denen sich Leben bildet.

Vielleicht war die Frau gestorben. Einfach weggegangen was sie ausmachte, nur eine Hülle war zurückgeblieben und dann saß man da in der Küche, mit der Katze und aus der Wand wuchs ein Geweih.

Vielleicht war der Betrieb bankrott, ein Krebs kam, oder was auch immer es bewirkt, dass einer aus dem Takt kommt. Stolpert und sich der Schwung verliert, der uns ohne nachzudenken funktionieren macht. Was tue ich hier eigentlich? Schlechte Frage, keine Antwort. Wenn man zu schwach ist, um sich von einem Sinn zu überzeugen, hält die Welt still, und es braucht viel, um sie wieder in eine Umdrehung zu bringen.

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Wunderbare Jahre

Als wir noch die Welt bereisten

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Die guten Momente, die bleiben.

Kurz einatmen, dann sind sie wieder da.

Ist es wieder da: Der schnelle Herzschlag, der Druck in der Brust und das Gefühl der Unendlichkeit.

Die guten Momente waren nie gekauft, sie waren geteilt. 1.0. Sie waren lachen, essen, betrunken sein, verliebt sein. Die Fotos gibt es nicht mehr. Sie sind im Mobiletelefon, und schaut man doch einmal in das Archiv, sieht man immer nur sich, in guter Beleuchtung, mit einem Hasenfilter auf dem Gesicht.

Unendlich. Unverändert. Allein.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 12.05.2018
1.
Sorry, aber ich sehe nicht, wie diese negative Aussage wahr sein könnte. Unsere Zeit wird auch aus größerer zeitlicher Entfernung noch sichtbar sein - angefangen mit dem Irrsinn der Weltkriege, den Atomwaffen, dem Jahrhundert der USA als erstem Hegemon der ganzen Welt, dem stalinistischen Experiment, der Revolution durch die Rechentechnik, den 2 Jahrhunderten des Erdöls und der Bevölkerungsexplosion ... und nun dem Internet, der Gentechnik, des Mobilfunks. Hatte ich Antibiotika usw. erwähnt ? Uups, beinah wäre mir die Gleichberechtigung durchgerutscht. Es ist irre, was sich in den paar Jahren getan hat. Was leider wahr ist, ist das wir es nicht geschafft haben, eine bessere Gesellschaftsordnung zu finden. Wir haben eine zunehmende Diskrepanz zwischen Qualität und Fähigkeiten auf technischem Gebiet im Vergleich zur Qualität und Geschwindigkeit im staatlichen Bereich. Im Moment nutzen wir nahezu jeden Gewinn der Produktivität, um immer mehr Menschen für Verwaltung zu bezahlen und dennoch kommen wir nicht nach. Und regieren nicht besser. Wir haben endlos Kriege und Konflikte. Und schreiende Ungerechtigkeit bei der Verteilung. Das ist ein Gebiet, wo wir endlich besser werden müssen. Aber abgesehen von diesem Bereich ist eine Menge von uns übrig. Besser is.
kirschlorber 12.05.2018
2. Stimmt schon
Was Frau Berg da so schreibt stimmt schon irgendwie. Was einen etwas nachdenklich macht ist jedoch wie zahm die heutige Gesellschaft geworden ist. Wenn diese Bande in Berlin (sorry anders kann man unsere Eliten in dem Fall nicht bezeichnen) einfach so die Renten und andere Sozialleistungen kürzt. Milliardengewinne der Konzerne auf der anderen Seite. Sukzessive Vernichtung der Mittelschicht. Niemand rührt sich.
Haudegen 12.05.2018
3. Letztlich ist alles für die Tonne der Vergänglichkeit ...
und ein Wesen mit dem Bewusstsein eines Menschen, weiß das auch. Deshalb brauchen Mensch eine stark ausgeprägte Verdrängung, um das unausweichliche Scheitern (mal so ausgedrückt) überhaupt aushalten zu können. Bei depressiven Menschen versagt dieser Mechanismus - was mit körpereigenen Drogen zu tun hat, die nicht oder nicht genügend erzeugt werden. "Von körpereigenen Drogen beeinflusst zu sein - das nennt der Mensch Nüchternheit!" ist eine meine Erkenntnisse. Dieses "sich Stemmen gegen die Vergänglichkeit" schafft aber auch die Voraussetzung für das Schaffen von vielen Künstlern. Um Ihren Beitrag jetzt nochmal direkt aufzugreifen, Frau Berg, möchte ich ihnen sagen: Die menschliche Welt ist voll mit weisen Worten, die sich selbst hinterfragende Menschen oft schon vor tausenden von Jahren kreiert haben; Nehmen wir z.B. Sokrates, Siddharta Gautamo (Buddha) oder auch Jesus. Trotzdem ist die Menschheit seit jeher meisterhaft darin, selbst gemachtes Leid immer immer mehr zu verstärken. Waffen werden immer mehr perfektioniert - man tötet, obwohl wir sowieso alle sterben müssen. Man könnte aufgeben! Aber die meisten Menschen haben auch den Trotz in sich (etwas, das mMn. Herr Nietzsche sehr gut in seiner Philosophie vertrat). Wir machen trotzdem weiter, solange wir eben können und dürfen und sagen und leben das, was wir für gut und richtig halten - wenn auch meist "nur" im kleinen Bereich. Aber eine kleine Welt die man aufrecht erhalten kann - in der man sich frei fühlen kann ohne Angst zu haben - sie soll mir genügen um das Leben zu genießen; "trotz" des Hasses und der Rechtfertigung von Kriegen um mich herum. MfG
isar56 12.05.2018
4. So läuft es eben....
ich habe Mutter, Bruder und einen guten Freund in den Tod begleitet, Krebs (vorerst?) überstanden, arbeite seit 35 Jahren....... such is life, Frau Berg. Und irgendwann während der nächsten 20 Jahre werde ich sterben, um Platz für die Jüngeren zu machen. Bis dann werde ich, wie Mio Andere fallen und wieder aufstehen..... und weiter gehen. Das Leben ist schön, ich wäre noch gerne eine Weile dabei. Und dann gehen eben die Lichter aus.
bugsimmaschinenraum 12.05.2018
5. wie wa'r
'n das, was Erquickung, ihn, vom Sinn zu Sinnen, doch, daselbst uns steter mit, dahin zu schleppen, sich im Dunst, Gefolg' des innig Reigens, eigen Tuns im Mai, neulich so Gesten, billig, seichte nippend seiner Pfützen, Drilling - nun, denn un- - bequem?
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