Damien Hirst in Venedig Größer, teurer, verrückter

Was wird von der Popkultur bleiben? Kein Künstler arbeitet sich so sehr an dieser Frage ab wie Damien Hirst. Und genau deswegen wird er neben Rihanna, Kate Moss und Co. in die Geschichte eingehen.

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Von Christoph Giesa


Welcher Künstler repräsentiert eine ganze Epoche - und was muss er dafür tun? Für vergangene Zeiten haben Kuratoren und Kunstkritiker darauf hinreichende Antworten gefunden. Niemand wird bestreiten, dass an Albrecht Dürer kaum vorbeikommt, wer die Renaissance verstehen will. Doch wer wird eines fernen Tages der Künstler sein, der wie kein zweiter für die Popkultur steht? Damien Hirst lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Frage schon für beantwortet hält.

Seine neueste Ausstellung "Treasures from the Wreck of the Unbelievable", die derzeit in Venedig zu sehen ist, muss nur als folgerichtiger - vielleicht nur vorläufiger - Endpunkt von Hirsts Reise verstanden werden. Popkultur entfaltet ihre Wucht erst durch das Zusammentreffen von künstlerischem Wirken mit Massenmedien und Massengeschmack. Höher, schneller, weiter, vor allem aber auch größer, teurer, verrückter - diese Jagd nach Rekorden ist der wesentliche Treibstoff dieser Zeit. Hirst hat dieses Denken wie kein Zweiter verinnerlicht und setzt mit seiner Ausstellung in Venedig gleich in verschiedenen Kategorien neue Maßstäbe.

Natürlich wird er dafür heftig angegangen

Kein anderer lebender Künstler wäre derzeit in der Lage, eine Ausstellung in dieser Größenordnung organisatorisch oder finanziell zu stemmen, das dürften selbst die härtesten Kritiker des Briten nicht bestreiten können. Die Voraussetzung für dieses Alleinstellungsmerkmal hat er mit der viel beachteten Versteigerung von Werken im Jahr 2008, die ihm 172 Millionen Dollar einbrachten, selbst gelegt. Dass die Preise für Hirsts Objekte in den Jahren danach im Rahmen der Finanzkrise fielen und er selbst bereits abgeschrieben wurde, scheint Hirst ungefähr so motiviert zu haben, wie fallende Aktienkurse für Warren Buffett das Signal zum Kauf sind. Der Künstler als Finanzspekulant, wenn man so will. Mehr Jetztzeit geht kaum.

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Damien Hirst: Retrospektive der Popkultur

Natürlich wird er genau dafür heftig angegangen. Hirst hat immer Widerspruch und Protest provoziert. Selbst Jahre nach seiner letzten großen Werkschau und ohne aktuellen Anlass protestierten Tierschützer in den Tagen vor der Eröffnung seiner Ausstellung in Venedig, indem sie dort stinkenden Dünger auswarfen. Wie bestellt, wenn man in Kategorien der Aufmerksamkeitsökonomie denkt. Dabei ist Hirst längst weiter. Echte Tiere finden sich in seiner neuen Ausstellung nicht. Und auch wenn nicht alle Exponate gleichermaßen begeistern können, setzen sie doch alle höchste kunsthandwerkliche Standards.

Wer allein die Malachit-Medusa betrachtet und weiß, wie schwierig dieses kupferhaltige Mineral zu verarbeiten ist, wird lange suchen müssen, bis er in einem anderen Museum ein Exponat aus der heutigen Zeit findet, in das ähnliche viele - Tausende - Arbeitsstunden eingeflossen sind. Die Kooperationen mit vielen spezialisierten Firmen, in Deutschland einzig mit der Gravurmanufaktur Pauly aus Idar-Oberstein, machen Kunst zu einem arbeitsteiligen Prozess, der nur mit perfektem Projektmanagement zu perfekten Ergebnissen führen kann. Auch hier gilt wieder: Wie könnte man Kunst noch besser in eine Zeit integrieren, in der jeder der Projektmanager seines eigenen Lebens sein soll?

Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema

Dabei wäre Hirst natürlich nicht Hirst, wenn er es Kritikern und Besuchern zu einfach machen würde. Wo es eigentlich um Popkultur geht, werden vordergründig Geschichten von vor 2000 Jahren erzählt. Wer es glauben will, kann die Schätze eines damals gesunkenen Schiffes bewundern. Wer etwas genauer hinschaut, wird entdecken, dass einige Exponate damals noch komplett unbekannt waren. Bei einigen, wie einer goldenen Transformers-Skulptur, ist das offensichtlicher als bei anderen, etwa einem riesigen Maya-Kalender, der, wäre er echt, eher aus der Zeit um 1500 stammen würde.

Bei all diesen Spielchen geht es um Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Und das ist: Was wird bleiben aus dieser Zeit? Mickey Mouse und Goofy sind relativ sichere Tipps. Massenhaft produzierte "Kunstwerke", auf deren Rückseite ein "Made in China" zu finden ist, dürfen ebenso sicher als stilprägend gelten wie Plastikspielzeug. Hirst hat all das in seiner Ausstellung integriert.

Sollte es eines weit entfernten Tages so weit kommen, dass Hirsts Schätze gehoben und als Sinnbild für die popkulturelle Zeit irgendwo ausgestellt werden, hat der Brite auf jeden Fall dafür gesorgt, dass er neben Rihanna, Kate Moss und Co. als Ikone unserer Zeit dabei sein wird. Das garantieren die Selbstbildnisse in unterschiedlichen Größen, die er an verschiedenen Stellen untergebracht hat, von cäsarengleich bis nackt. Der Mann denkt eben immer an die Zukunft.



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