2020 - Die Zeitungsdebatte

Eins für alle!


Regionale Verlage werden die hohen Ansprüche ihrer Leser kaum noch erfüllen können, sagt der Journalist Daniel Drepper. Doch könnten sie mit überregionalen Recherchebüros kooperieren, die große, auch nationale Recherchen auf ihre Belange zuschneiden. Eine mögliche Struktur dieser Büros: gemeinnützig und spendenfinanziert.

Bei Leserbefragungen einer Regionalzeitung, so wurde mir einst erzählt, erstaunte neben all dem, was bei Leserbefragungen halt so herauskommt, vor allem eines: Die Leser waren extrem leidensfähig. Solange sie nicht all zu sehr enttäuscht wurden, blieben sie ihrem Blatt treu. Die Folgen im Blatt: möglichst keine Überraschungen. Das Problem: Neue Leser lassen sich so nicht gewinnen.

Auf lange Sicht sterben auch die alten Kunden - oder entdecken doch noch das Internet. Leser sehen dort, was möglich ist. Die Verlage stehen in weltweiter Konkurrenz, müssen auf einmal frische, überraschende und mutige Recherchen bringen. Lokale und regionale Zeitungen haben kaum eine Chance, die gestiegenen Ansprüche voll zu erfüllen; egal ob Print oder Online und erst recht nicht in der überregionalen Berichterstattung. Was tun?

Eine Möglichkeit: Hochwertige Recherchen für kleine Verlage werden zentral produziert. Das ist kein Aufruf an Kleinverlage, zu fusionieren. Das wäre mit dem Bundeskartellamt nicht zu machen. Stattdessen sollten überregionale Recherchebüros die Rolle zentraler Produzenten übernehmen. Wie das gehen kann, hat in den USA zuletzt "ProPublica" gezeigt.

Das 2008 gegründete Recherchebüro "ProPublica" beschäftigt rund 40 investigative Reporter, Redakteure und Programmierer. Bei Veröffentlichungen kooperiert ProPublica mit der "New York Times" oder bekannten Fernseh- und Radiosendungen. Das Büro produziert aber auch zahlreiche Geschichten, die regionale Verlage nutzen können. Bestes - aber längst nicht einziges - Beispiel ist die Recherche "Dollars for Docs". ProPublica erarbeitete eine Datenbank mit Zahlungen der großen Pharmakonzerne an tausende Ärzte im ganzen Land. Die Datenbank ist auf der Webseite des Büros frei verfügbar. Seit der Veröffentlichung der Daten sind hunderte lokale Geschichten entstanden, viele lokale Verlage haben die Vorarbeit der Reporter genutzt. Die Kraft der Recherche hatte sich damit vervielfacht, alle haben profitiert. Außer vielleicht die aufgeflogenen Ärzte.

Journalismus ohne Rendite machen

Hohe Renditeerwartung ist kaum noch mit journalistischer Qualität zu vereinbaren. Was liegt da näher, als Journalismus ohne Rendite zu machen? Journalismus kann auch in Deutschland längst über gemeinnützige Vereine, Stiftungen oder GmbHs organisiert werden. Solch gemeinnützige Organisationen haben zwei große Vorteile: Sie müssen je nach Art ihrer Einnahmen keine Steuern zahlen und Unterstützer können ihre Spenden von der Steuer absetzen. In den USA arbeiten bereits Tausende Journalisten auf diese Art. Das Magazin "National Geographic" ist gemeinnützig, auch die Nachrichtenagentur "AP". Dazu gibt es zahlreiche lokale und investigative Journalistenbüros. Vom "ProPublica"-Newsdesk in Manhattan bis hin zum kleinen Büro in den Rocky Mountains: Allein das Investigative News Network vereint 74 Mitgliedsorganisationen, die die US-Steuerbehörde IRS als gemeinnützig nach Paragraf 501(c)3 eingestuft hat.

Die Gemeinnützigkeit hat einen weiteren Vorteil: So gegründete Büros müssen darauf achten, dass sie der Allgemeinheit dienen. Sie müssen anspruchsvollen Journalismus produzieren, der zur Bildung des deutschen Volkes beiträgt. Beispiele wären außergewöhnliche investigative Recherchen oder die Visualisierung von spannenden Daten. Diese Arbeit müssten die Büros dann so vielen Bürgern wie möglich zur Verfügung stellen. Zum Beispiel über Kooperationen mit großen und kleinen Verlagen und eine eigene Webseite.

Politiker sollten das unterstützen. Zwar gibt es in Deutschland bereits einige journalistische Organisationen, die als gemeinnützig anerkannt sind (zum Beispiel das Portal VOCER oder die Kontext-Wochenzeitung), Beteiligte klagen jedoch über relativ hohe Hürden bei der Anerkennung der Gemeinnützigkeit. In Paragraph 52 der deutschen Abgabenordnung wird definiert, wer als gemeinnützig anerkannt wird. Dies sind all jene, deren "Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern". Deshalb müssen gemeinnützige journalistische Organisationen bislang eine Art kleine Bildungseinrichtung sein. Das ist aufwändig und frisst Ressourcen.

Die Politik diskutiert seit einiger Zeit, wie dem deutschen Journalismus geholfen werden kann. In NRW ist eine Stiftung für Vielfalt und Partizipation im Gespräch. Damit sollen einzelne Recherchen finanziert werden. Doch das löst nicht das Problem. Das Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität von Oxford hat vor zwei Jahren die Pressesubventionen in sechs Ländern untersucht. Die Wissenschaftler stellen fest, dass es den Journalismus nicht voranbringt, wenn - wie derzeit auch in Deutschland - hunderte Millionen Euro an Steuererleichterungen per Gießkannenprinzip verteilt werden. Das halte nur veraltete Strukturen am Leben. Dem Journalismus muss geholfen werden, sich selbst zu helfen. Gemeinnützigkeit ist meiner Ansicht nach die beste Möglichkeit, dies zu tun. Die Politik sollte den Paragraphen 52 in der deutschen Abgabenordnung erweitern, um die Gründung gemeinnütziger Journalistenbüros zu erleichtern. Dazu sollten die zuständigen Finanzämter vor Ort Leitfäden bekommen, in denen die Voraussetzungen für gemeinnützigen Journalismus deutlich gemacht werden.

Was unterscheidet freiwillige Käufer von freiwilligen Spendern?

Ich höre schon die Kritik: Journalismus darf nicht auf Spenden angewiesen sein, er muss sich selbst tragen. Aber trägt sich nicht auch ein Journalismus aus Spenden letztlich selbst? Was unterscheidet freiwillige Käufer von freiwilligen Spendern? Anfang des Jahres sorgte die Musikerin Amanda Palmer mit einer 14-minütigen Rede über Crowdfounding für Aufsehen. Palmer gibt ihre Musik umsonst her, bittet um Spenden. Ihr geht es hervorragend, ihre Fans gaben allein bei einer Kickstarter-Kampagne freiwillig rund 1,2 Millionen Euro. "Ich glaube wir waren lange besessen von der falschen Frage: Wie bringen wir Menschen dazu, für Musik zu bezahlen? Was wäre, wenn wir uns fragen würden: Wie lassen wir Menschen für Musik bezahlen?"

Ich glaube, das gilt auch für den Journalismus. Nutzer können kaum noch gezwungen werden, für Qualität zu bezahlen. Solide Geschichten über ein bestimmtes Thema finde ich in den verschiedensten Medien. Breaking News halten nur wenige Minuten. Zumindest die wichtigsten Zusammenfassungen bekomme ich überall. Nur Leser, die ihr Produkt lieben, bezahlen dafür. Wir sollten Nutzer motivieren, für Journalismus zu bezahlen.

Ich habe mein Abonnement der "Süddeutschen Zeitung" lange Zeit laufen lassen, weil ich die Zeitung mochte - nicht weil ich die Texte brauchte. Die "Sonntaz" hatte ich eine Zeit lang aus Sympathie abonniert, eine Recherche von Kollege Sebastian Heiser hatte mir besonders gut gefallen. Gelesen habe ich die Sonntaz dann in den seltensten Fällen. Mein Abo betrachtete ich als Spende.

Journalisten müssen besser werden. Und sie müssen besser darin werden, zu erklären, warum man ihre Arbeit unterstützen sollte. Leute sollen gerne Geld für Journalismus geben, zum Bezahlen zwingen kann sie ohnehin niemand mehr. Teile des Journalismus sollten gemeinnützig werden. Ideal für Deutschland wären gemeinnützige Recherchebüros nach Beispiel "ProPublicas". Das würde auch den regionalen Verlagen helfen.

Mehr zum Thema


Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
W. Robert 02.08.2013
1. Oh Pardon...
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
espressoli 02.08.2013
2. 2020?....
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
Amadeus Mannheim 04.08.2013
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
wol54 04.08.2013
4. Mutig voran
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
koem 04.08.2013
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.