Zum Tod Daniel Josefsohns Er sah, wo andere nur hinschauten

Er wurde Fotograf, weil es geil war und gutes Geld gab: Daniel Josefsohn dokumentierte das hedonistische Deutschland der Neunziger. Nun ist er im Alter von 54 Jahren gestorben.

Daniel Josefsohn im Jahr 2014
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Daniel Josefsohn im Jahr 2014

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Er war ein Kämpfer, er war ein Hedonist, er war der Mann, der das Gesicht der Neunzigerjahre schuf, euphorisch, jung, verschwenderisch. Ein Deutschland, wie es noch nicht da gewesen war, wollte er zeigen, weniger deutsch, gerade weil die Wiedervereinigung so nervte, mehr Amerika, das war immer die Sehnsucht.

Ich kannte Daniel Josefsohn damals nicht, ich kannte nur seine Bilder - die Kampagne für den Musiksender MTV etwa, mit der er berühmt wurde, dieser Skater, der durch Zufall oder einfach deshalb zum Fotografen wurde, weil es geil war und gutes Geld gab.

"Miststück", dieses Etikett knallte er über das Bild einer lasziven Dunkelhaarigen, "Egoist", das klebte er einem glatzköpfigen Beau um, "Flittchen", "Launisches Ding", "Hysterische Ziege", so nannte er die Mädchen, die er auf der Straße fand, wo die Wahrheit war, das war seine Überzeugung.

Und weil das alles doch schon wieder so lange her zu sein scheint, mehr als 20 Jahre, muss man vielleicht doch erklären, wie sich in den Neunzigern so vieles mischte, Werbung, Kunst, Glamour, Drogen, Spaß, Ernst, Pop und Politik - und eine Atmosphäre schuf von guter, exhibitionistischer Freiheit.

Ein Abgrund war immer zu spüren

Der Kapitalismus hatte gesiegt, so schien es, die Kämpfe waren vorbei, das war die Hoffnung, nun konnte die Party richtig beginnen. Aber Daniel Josefsohn, der schlaue Beobachter und skeptische Menschenfreund, merkte von Anfang an, was die andere Seite dieser Feier, dieser Selbstfeier, dieser Selbstvergessenheit sein könnte.

Die Traurigkeit war immer da, selbst in den heitersten Fotos. Ein Abgrund war immer zu spüren, der vielleicht damit zu tun hatte, dass er aus einer Familie stammte, die selbst in den Abgrund gestürzt war, durch den deutschen Hass auf die Juden, und ihn mit einem epischen Gespür für das ausgestattet hatte, was mit Menschen passieren kann.

Seine Fotos hatten deshalb eine Qualität, die weit über die Werbe- oder Magazinfotografie hinausging, die sein Auftrag war, und ihn zum besten Chronisten seiner Generation machte, lustiger als Wolfgang Tillmans, politischer als Juergen Teller, anarchischer, wilder, wüster als alle anderen.

Und irgendwie, so schien es, hatte das seinen Preis. Als er 2012 einen Schlaganfall erlitt, war das ein Schock, weil die Jugend, das verstanden seine Freunde und Bewunderer, nun endgültig vorbei war. Er rappelte sich auf, er kämpfte sich zurück, aber er blieb ein Verwundeter.

Und so habe ich ihn kennengelernt, und ich bin dankbar für die Zeit, die wenige Zeit, die ich in seinem Atelier sein durfte, zwischen den Bildern, die Teil seiner Energie waren, das spürte ich an diesem Ort, Teil des pop-poetischen Welterklärungsprojekts Daniel Josefsohn. Er sah, wo andere nur hinschauten.

Souveränes Spiel mit den deutschen Bilderwelten

Die Klitschkos zum Beispiel, im braunen Bademantel, auf dem Sofa, mit Minihunden auf dem Arm, dieses Bild riss so einen Graben an Assoziationen aus, jonglierte auf so vielen Ebenen mit den Klischees der Fremdheit, der Spießigkeit, der Schnauzbärte, dass man sofort lachen wollte und es doch nicht tat.

Oder die vier Nackten, in Helmut-Newton-Schwarz-Weiß, nur dass der jüdische Josefsohn nicht ganz so herrenmenschig inszenieren wollte und die Frauen deshalb weiße Star-Wars-Masken trugen. Ironie, nein, es war keine Ironie, es war ein souveränes Spiel mit den deutschen Bilderwelten, die ein Jahrhundert zerrissen und viele Menschen vernichtet hatten.

Oder Helmut Berger, geliebter Selbstzerstörer. Oder Julia Hummer, die auf den Mercedesstern klettert. Oder die israelische Flagge, die er über dem ehemaligen Ferienhaus von Hermann Göring hisste, versehen mit dem Spruch: "More Jewish Settlements on the Sylt Strip".

Immer wichtiger, so schien es, wurde für ihn zu verstehen, wer er war, in diesem seltsamen Deutschland - und so fuhr er nach Israel, zu seinen Verwandten, in den Kibbuz, er tanzte mit ihnen, sogar als er im Rollstuhl saß. Für das ZEIT-Magazin reiste er damals, dem in Zeiten journalistischer Karg- und Knausrigkeit der Dank gebührt, sich dieses so besonderen Menschen angenommen zu haben.

Daniel Josefsohn war, als wir uns trafen, immer voller Ideen und Pläne. Er wollte ein neues Parfüm herausbringen, er wollte Berlin ein neues Image verpassen, er wollte die Documenta erobern, er wollte wohl auch der Kunstwelt zeigen, dass sie nie verstanden hatte, was für einer er war, dieser DJ, so unterschrieb er seine Fotos, die in großen Kisten auf dem Boden standen, weil er sie verkaufen musste, um zu überleben.

Er war der unkränkeste Kranke, den man sich vorstellen konnte damals, er war schwer gezeichnet und wollte doch den Tag belächeln, er hatte seine Verzweiflung im Griff, so schien es, aber wie kann man das schon, wirklich?

Und so ist sein Tod ein Schock, auch wenn man ihm beim Sterben fast zusehen konnte, so offen, so im großen, im umfassenden Sinn exhibitionistisch war er damit.

Er war ein Künstler, der mit der Welt rang, die er in sich selbst fand. Er brauchte, und das ist immer wieder wichtig zu verstehen, den Staat Israel als Heimat. Er war, glaube ich, ein freier Mensch. Er war Daniel Josefsohn.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Ham Burger 14.08.2016
1. Ich bin überrascht..
... dass er es solange durchgehalten hat. Living in the fast lane, zumindest in der alten Hamburger Zeit. Nach gemeinsamen Fotoproduktionen bleibt mir in Erinnerung, wie er sich über die bekloppten Werber und deren Kunden lustig machte. Die glaubten ihn entdeckt zu haben und gaben GANZ viel Kohle aus. Daniel konnte sich köstlich darüber amüsieren, hat sich eine Zigarette angesteckt und bevorzugte dann, pi**** zu gehen.
vera gehlkiel 15.08.2016
2.
Hart, witzig und geil; Gut, dass es ihn gegeben hat. Und dass es in Zeiten, wo alles aufgetunkt und dann eine Investition wird, überhaupt noch Leute wie er in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit schaffen. So ein Tod ist vielleicht keine Ermutigung, aber so ein Leben und so ein grandioses Werk sind es. Wenn jemand stirbt, der in seiner Kunst derartig vital, aufgekratzt und unkaputtbar sexy ist, kann man immer kaum glauben, dass nach dem Tod individuell gesehen gar nichts mehr kommen soll. Jedenfalls steht die Aufforderung gegenüber dem vielleicht leeren Himmel dann im Raum, dass dort gefälligst noch etwas zu sein hat. Und irgendwann kommt vielleicht eine postwendende Antwort von dort oben (oder aber, man bildet es sich nur ein!), die besagt, dass man sich gefälligst mehr anzustrengen hat, hart arbeiten muss, wenn man auch richtig gut sein will; egal, bei was jetzt im Einzelnen. Und dass das auf jeden Fall erst mal alles ist, was man wissen kann.
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