Daniel Kehlmanns "Tyll" am Schauspiel Köln Königin der Nacht

Der Regisseur Stefan Bachmann bringt Daniel Kehlmanns Roman über den Dreißigjährigen Krieg auf die Bühne - und findet fast zu schöne Bilder für den großen Text.

Tommy Hetzel

Wasser. Wieso eigentlich Wasser? Die großen Schlachten des Dreißigjährigen Krieges fanden alle zu Land statt. Im Morast von Zusmarshausen, im Nebel bei Lützen, in der Dunkelheit von Wittstock. Auf der Bühne von Olaf Altmann jedoch, bei der Uraufführung von Daniel Kehlmanns großem Roman "Tyll" am Schauspiel Köln, spielt der Dreißigjährige Krieg in knöcheltiefem kalten Wasser.

Das sieht gut aus, viel besser als das, was im Laufe des Abends so berichtet wird, von dem Dreck und dem Gestank und dem Elend dieser Zeit. Die dunkle öde Fläche vermittelt immerhin etwas von der Unbehaustheit und der Verlorenheit der Menschen.

Oft nur spärlich von der Seite beleuchtet, stapfen sie durch die Fluten. Meist sprechen sie episch über sich in der dritten Person und in der indirekten Rede. Ganz gemäß der Romanvorlage gibt es kaum Dialoge. So dauert es eine Weile, bis sich die Distanz zu ihnen verliert.

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Königin der Nacht: „Tyll“ am Schauspiel Köln

Tyll Ulenspiegel, jener berühmte Narr Till Eulenspiegel also, dessen Lebenszeit der Autor Kehlmann so frech einfach drei Jahrhunderte vom Mittelalter in die beginnende Neuzeit versetzt hat, ist bei Peter Miklusz ein kraftvoller, stets in Lauerstellung verharrender Spaßmacher mit grimmigem Joker-Grinsen. Aggressiver und weniger raffiniert als im Roman geschildert, aber durchaus dämonisch genug, um auf den Gedanken zu kommen, er könnte tatsächlich mit dem Teufel im Bunde sein.

Man verfolgt seinen Weg von dem Dorf in Norddeutschland, wo er mit Grausamkeit erzogen wird und schon als Kind grausame Scherze treibt, in die Welt hinaus. Als sein Vater von den Inquisitoren gehenkt wird, weil er sich seine eigenen Gedanken über die Gesetze von Gottes Universum macht, verlässt Tyll das Dorf.

Mit seiner Gefährtin Nele schließt er sich einem Gaukler an, der ihr Lehrmeister wird, sich aber als so sadistisch erweist, dass die beiden beschließen, ihn umzubringen. Zu zweit ziehen sie weiter, und bald sind sie so bekannt, dass sie Hofnarren beim "Winterkönig" werden, jenem Mann, der mit seinem Anspruch auf den böhmischen Königsthron den Dreißigjährigen Krieg ausgelöst hat. Nun ist er mit seiner ehrgeizigen britischen Gattin Liz (Elisabeth Stuart) nach Den Haag verbannt.

Königen Kretschmann

Melanie Kretschmann spielt diese verhinderte Königin, die den kleinen König nur geheiratet hat, weil man ihr gesagt hatte, sie habe ihn in der Hand. Eine Frau, die das Leben mit dem Theater verwechselt und der zu spät auffällt, dass ihre Soldaten in der Schlacht wirklich sterben.

Die Besetzung ist eine mutige Entscheidung des Regisseurs und Kölner Intendanten Stefan Bachmann: Kretschmann ist seine Frau. Im Sommer wurde Bachmann mit Mobbing-Vorwürfen konfrontiert. Es ging unter anderem darum, dass sich seine Frau im Schauspiel Köln als heimliche Herrscherin aufspielen würde.

Ein Abend der Frauen

Kretschmann ist eine überzeugende Liz. Man hört die Entschlossenheit in ihrer Stimme, man sieht den Kampfgeist in ihrem Gesicht. Man spürt dahinter aber auch ihre Wehmut und ihre Verletztheit, wenn sie über die Zeit spricht, als sie noch nicht geächtet war.

Überhaupt ist es trotz starker männlicher Übermacht ein Abend der Frauen. Auch Kristin Steffen als Tylls Gefährtin Nele spielt ihre Figur mit einer Mischung aus Mädchenhaftigkeit und Bestimmtheit so direkt und geradeheraus, dass der Mensch dahinter erkennbar wird.

Kristin Steffen (rechts) als Tylls Gefährtin Nele
Tommy Hetzel

Kristin Steffen (rechts) als Tylls Gefährtin Nele

Viel tun darf sie allerdings nicht. Die Kostüme von Jana Findeklee und Joki Tewes müssen wettmachen, was an szenischem Geschehen weitgehend fehlt. Action gibt es vor allem durch die vielen Auf- und Abtritte. Man ist schon froh, wenn der saloppe Schwedenkönig Gustav Adolf, bei Jörg Ratjen ein Machertyp, der sich wenig um Konventionen schert, auf dem Rücken schwimmend ins Bild kommt. Seine Uniform ist aus gelbem Lackleder geschneidert - eigentlich ein aufgemotzter Regenmantel.

Obligatorisches Wummern und Dröhnen

Auch Liz trägt ein phänomenales Lacklederkleid in royalem Blau mit majestätischem hohen weißen Kragen. Die Gaukler tragen Neopren-Anzüge mit Rautenmuster. Bei den Honoratioren haben sich die Kostümbildner weitgehend an historischen Vorbildern orientiert, sich aber den einen oder anderen Gag erlaubt: Eine Herrenhose aus schwarzer Spitze hier, eine goldene Pluderhose dort.

In ihren prächtigen Kostümen arrangieren sich die edlen Damen und Herren immer wieder zu den schönsten, raffiniert beleuchteten Tableaus. Was dann an Atmosphäre noch fehlt, steuert der Musiker Gajek bei: Anfangs beschwörende E-Gitarren-Klänge wie bei einem Doors-Intro, in Gefahrensituationen das schon obligatorische Wummern und Dröhnen, aus dem man bisweilen eine Art Sirenengeheul herauszuhören meint.

Hinrichtung mit Engeln

So können sich Stefan Bachmann und sein Dramaturg Julian Pörksen ganz auf Kehlmanns Erzählkraft konzentrieren. Sie haben den Roman klug eingekürzt und geordnet, ohne ihn komplett seiner raffinierten Komplexität zu berauben. Anfangs hat man noch den Eindruck, sie wollten vor allem Strecke machen, so wenig Raum haben die einzelnen Episoden.

In der zweiten Hälfte des fast vierstündigen Abends aber nehmen sie sich die Zeit, die Szenen wirken zu lassen. Dann ist Platz für verschiedene Sichtweisen auf das Geschehen - etwa, wenn Liz und ihr Mann unabhängig voneinander schildern, was genau in ihrer Hochzeitsnacht eigentlich geschehen ist.

Die stärkste Szene des Abends handelt, je nach Perspektive, vom Grauen oder von der Erlösung: Da wird Tylls Vater in den Bühnenhimmel hinaufgezogen. Von außen betrachtet, ist das seine Hinrichtung. Er selbst aber wähnt sich bei den Engeln, erhaben über die Menschen.


Tyll. Nächste Vorstellungen im Depot 1 des Schauspiels Köln am 16., 21., 26., 29. und 30. September, www.schauspielkoeln.de

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
mzlfifi 17.09.2018
1. Tyl ?
Ein Roman, den ich bis zur letzten Seite gelesen habe, aber miserabel in der Erzählung gefunden habe. Viele Wiederholungen, viele leere Wörter... selten habe ich eine so negative Beurteilung über einen Roman geschrieben...
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