"Dantons Tod" in Freiburg Ein Volkstribun der S-Klasse

Georg Büchners Stück über revolutionäre Umstürze passt in die Zeit, finden viele Theater. Im Freiburger Schauspiel wird der Text von "Dantons Tod" wie ein Festgericht verkostet. Doch Robert Schusters Aktualisierungsversuche wirken allzu pädagogisch.

Maurice Korbel

Von Jürgen Berger


Dass gerade das Revolutionsdrama "Dantons Tod" derzeit auf so vielen Spielplänen deutschsprachiger Theater erscheint, hat sicherlich damit zu tun, dass in drei Wochen der 200. Geburtstag Georg Büchners ansteht. Da ist aber auch ein Theaterstück, das minutiös die Wirkmechanismen revolutionärer Umstürze und den langen Weg hin zu einer nicht selten wieder diktatorischen Staatsordnung nachzeichnet. Denkt man an die Arabellion und die aktuelle Lage in Ägypten, kommt man an diesem Theatertext nicht vorbei.

Johan Simons, Intendant des amtierenden Theater des Jahres in München ist erst am nächsten Wochenende dran. Doch allein im Südwesten der Republik wird "Dantons Tod" in Mannheim, Karlsruhe und seit dem Wochenende nun auch in Freiburg gespielt.

Inszeniert hat dort Robert Schuster, der einst mit Tom Kühnel ein Regie-Duo bildete, unter dem Decknamen Soeren Voima im Kollektiv schrieb, in der Leitung des Frankfurter Theaters am Turm mitwirkte und zu den Regisseuren zählt, die nicht nur analytisch denken, sondern auch sinnlich inszenieren können. Er könnte der Richtige für ein so schwieriges Stück und ein Glücksfall für das Freiburger Schauspiel sein. Das wollte in den letzten Spielzeiten eher den Eindruck erwecken, die Bühne sei eine mit Stadtprojekten vollgestellte Volkshochschule. Da ist es an sich schon bemerkenswert, dass man sich zum Spielzeitauftakt einem Klassiker zuwendet.

Und das dann auch noch mit einem mehr als dreistündigen Abend, in dem es um die privatistischen Eskapaden eines müden Politikers auf der einen und demagogische Machtpolitik auf der anderen Seite geht. Die Rede ist vom Polit-Hedonisten Danton, der in der blutrünstigsten Phase der französischen Revolution das Sensibelchen in sich entdeckt, während der vermeintlich so skrupellose Tugendbold Robespierre vorerst noch wie ein Lehrling der machtpolitischen Intrige daher kommt. In Freiburg jedenfalls ist das so. Erscheint Martin Waigel auf der bis auf die Brandmauern offenen Bühne, steht da ein etwas schüchterner evangelischer Pfarrerssohn, der nicht so aussieht, als könnte aus ihm der Scharfrichter der Revolution werden.

Schicker Rockstar im Rüschenhemdchen

Der eigentliche Guillotinenapologet des Abends ist Božidar Kocevskis als St. Just, ein ziemlich schicker Rockstar im Rüschenhemdchen. So einer ist allein schon deshalb gefährlich, weil er sich so gerne im Spiegel sieht. Robert Schuster bleibt mit dieser Akzentuierung nah am Text. Auch bei Büchner ist St. Just der eigentliche Stratege im Hintergrund und Robespierre einer, den man vorerst noch zum Jagen tragen muss. Es hat also was für sich, dass Martin Weigel den Blutmessias unter den Revolutionären der ersten Stunde am Rande der Wahrnehmbarkeit spielt. Tatsächlich Aufmerksamkeit erregt er nur, wenn er mit Fremdtext agiert und die Aporien der französischen Revolution ins Hier und Jetzt weiterdenkt.

Das ist dann der Fall, wenn Weigel plötzlich ein Handy zückt und wissen will, ob bekannt sei, dass wir Mitteleuropäer uns ein Statussymbol wie das neue iPhone nur leisten können, weil Minenarbeiter bei der Coltan-Gewinnung im Kongo ihr Leben lassen. Man versteht umstandslos, dass unsere Freiheit der Produktwahl nicht unbedingt mit so hehren Idealen wie der Gleichheit und Brüderlichkeit vereinbar ist, interessiert sich sehr schnell aber doch wieder mehr für die Figur des Stückes, der auch Robert Schuster die größte Aufmerksamkeit zukommen lässt: für Danton, aus dem Matthias Breitenbach einen Volkstribun der S-Klasse macht, der durchaus der Vertreter eines neuen, dem Genuss zugeneigten Bürgertums sein könnte - wäre da nur nicht die Guillotine.

Was für ein veritabler Hedonist da unterwegs ist, führt Breitenbach dann auch noch vor, indem er Büchners Sprache wie ein Festgericht Wort für Wort verkostet. Auch da zeigt sich, dass Robert Schuster den Figuren der postrevolutionären Familienaufstellung bis in den letzten Winkel ihrer privaten Motivlagen folgt. In einem Punkt allerdings beraubt er sich genau dieser Möglichkeit. Den Frauen an der Seite der Revolutionäre gesteht er zwar noch Rudimente des Büchner-Textes zu, entfernt sie ansonsten aber aus der Inszenierung.

Dantons Gattin Julie, die Konkubine Marion und Lucile, diese sphärische Erscheinung an der Seite des Revolutionsdichters Camille, wandeln in der Freiburger Version als allegorischen Figuren durch Zeit und Raum. Sie hören auf die Namen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Iris Melamed, Linda Lienhard und Roger Bonjour, allesamt Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste, sind auch ganz vehement mit dabei, wenn es darum geht, dass die Ideale der französischen Revolution sich auch heute noch gegenseitig den Rang streitig machen.

Schön gedacht ist das auf jeden Fall. Wie auch im Fall der aktualisierten Tugendexkurse des Robespierre hat man aber doch den Eindruck, zwischenzeitlich in der Volkshochschule gelandet zu sein.


Dantons Tod. Theater Freiburg. Tel.: 0761-201 28 53

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
al_barka 23.09.2013
1. Beachtlich!
eine Inszenierung ohne qualmende Mülltonnen und entblößte, blutige Unterleiber! Dafür nehme ich gerne etwas VHS in Kauf...
wunsiedel 23.09.2013
2. Noch ein Aspekt
Dass "Dantons Tod" im Südwesten der Republik - sprich Baden-Württemberg - darüber hinaus auch von den Landesbühnen gespielt wird, mag auch daran liegen, dass das Stück Pflichtlektüre in der Oberstufe ist. So bekommt man auch sehr, sehr viele Schüler in die Theater. Kein schlechter Zug !
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