"Dantons Tod" Intellektuelle Bankrotterklärung

Thomas Ostermeier würde an der Berliner Schaubühne gerne mal wieder einen großen Hit vorzeigen. Für die jüngste Premiere inszenierte er daher Georg Büchners Klassiker "Danton Tod" als Schauerstück. Er hätte es besser gelassen.

Von Henrike Thomsen


Schauerstück: Kay Bartholomäus Schulze als Danton (hinten) mit Thomas Bading als Liebesmädchen
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Schauerstück: Kay Bartholomäus Schulze als Danton (hinten) mit Thomas Bading als Liebesmädchen

Die Berliner Schaubühne braucht mal wieder einen Erfolg. Man war zwar in den ersten anderthalb Jahren sehr fleißig und produzierte mehr als ein Dutzend Premieren, zahlreiche Workshops und zahllose Podiumsdiskussionen, doch die ganz großen Hits blieben zumindest im Schauspiel bisher aus. Das Tanztheater von Intendantin Sasha Waltz steht trotz der Kritik an ihrer letzten Produktion "S" immer noch hoch im Kurs. Ihr Co-Chef Thomas Ostermeier und sein Team aber, die immer etwas von einer Bande großer Jungs haben, müssen inzwischen gegen einige Häme ankämpfen. Von der mutig angekündigten Neuerfindung des Theaters ist am Lehniner Platz jedenfalls genauso wenig in Sicht in wie an Claus Peymanns Berliner Ensemble am anderen Ende der Stadt.

Für die jüngste Premiere am Samstag hatte sich Ostermeier nicht nur ein großes Stück, sondern auch ein für ihn ungewöhnliches ausgesucht: Georg Büchners "Dantons Tod". Vielleicht wollte er dem Wilmersdorfer Stammpublikum damit ein Stück entgegengehen und beweisen, dass er nicht nur auf internationale Gegenwartsdramatik abonniert ist. Er hätte es besser gelassen.

In den (die Pause abgerechnet) rund drei Stunden der Aufführung wartet man vergeblich auf irgendeine Idee. Es gäbe ja viele Ansätze, von denen man sich in das Stück hinein bewegen könnte. Man könnte sich theaterarchäologisch dem historischen Geschehen verpflichten, das Büchner teilweise nach Originalreden zur Hinrichtung des französischen Revolutionshelden 1794 rekonstruiert hat. Man könnte sich für die Gesellschaftstheorien interessieren, die sich durch die Debatten um Gerechtigkeit, ein modernes Staatswesen und die politische Zurechnungsfähigkeit des Volks ziehen. Oder man lässt sich auf den großen moralphilosophischen Konflikt ein, der sich vor allem von Dantons widersprüchlichen Nihilismus ableitet.

Aber die Inszenierung bleibt all dem gegenüber kalt. Sie kommt, so hart es klingt, nicht einen Moment überhaupt nur auf die Höhe dessen, was in "Dantons Tod" verhandelt wird. Stattdessen verwaltet sie mit einer technischen Mentalität, die mit poetischem Realismus nichts zu tun hat, die Szenen. Es gibt keinen Sinn für Büchners Witze, nicht für seinen physiologischen Blickwinkel und auch nicht wirklich für seinen Pathos.

Freaks aus dem Gruselkabinett: So stellt man sich "Danton" im Jahrmarkttheater vor
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Freaks aus dem Gruselkabinett: So stellt man sich "Danton" im Jahrmarkttheater vor

Sicher gibt es viel Erregung an diesem Abend. Tilo Werner als Robespierre und Kay Bartholomäus Schulze als Danton schreien, was die Lungen hergeben. Sonst windet man sich - allen voran Danton und St. Just (André Szymanski) - wie Irre in dem berüchtigten Pariser Irrenhaus La Salpetière. Überhaupt zeigt die Inszenierung unfreiwillig mehr irgendeine Schauerromantik, als dass sie in ernst zu nehmender Weise die Schreckensherrschaft der Revolution behandelt. So stellt man sich "Danton" im Jahrmarkttheater vor: Eine einfache Holzbühne mit Stegen und Falltüren für überraschende Auf- und Abtritte, dazu ein beweglicher rote Vorhang, der an eine Brecht-Gardine erinnert (Bühnenbild: Jan Pappelbaum).

Eine Live-Kapelle steuert dazu schräge Weisen bei; die Darsteller sind agile Tänzer und Komiker, die die Geschichte reißerisch ausstellen. Jede Figur ein Freak aus dem Gruselkabinett: St. Just ein zuckender Spastiker, Robespierre ein glatt verkappter Sadist, Danton ein von seinen Ausschweifungen zerfressener Dandy. Weil Ostermeiers Schauspieler ohne Zweifel gut sind und er sie gut zu führen weiß, reichen diese Karikaturen bisweilen an ein düsteres Goya-Capriccio heran. Nicht umsonst verwandeln sich die Tribunalsmitglieder, die Dantons Hinrichtung erzwingen, in der zweiten Hälfte in Tiermenschen mit bedrohlichen Vogelmasken. Aber umso plakativer und somnambuler die Inszenierung wird, desto unglaubwürdiger und fühlloser wird sie auch. Man muss nicht warten, bis das Theaterblut eimerweise demonstrativ fließt, um ihre Leere zu spüren. Lieber wüsste man überhaupt keinen Klassiker im Repertoire der Schaubühne als diese intellektuelle Bankrotterklärung.

"Dantons Tod". Von Georg Büchner, Regie: Thomas Ostermeier. Mit Kay Bartholomäus Schulze (Danton), Tilo Werner (Robespierre) u.a.
Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin
Nächste Vorstellungen: 2., 3., 5., 6., 9., 10. April jeweils 20 Uhr; 14.-16. April 19:30 Uhr



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