Bilder aus dem Darknet Wenn Dealer kreativ werden

Die digitale Unterwelt dient unter anderem als Umschlagplatz für Drogen. Ein Kunstprojekt hat die symbolische Bildsprache von Dealern untersucht. Raten Sie mal, für welche Droge der Gepard steht.

Edition Patrick Frey

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Manche Menschen werden böse, wenn sie anonym und frei handeln können - sie verkaufen Waffen und Drogen oder stellen Falschgeld her. Mit den Gesetzen verschwindet auch ihre Moral. Doch auch Dealer und Fälscher sind auf Bilder angewiesen. Was passiert mit diesen Darstellungen, wenn es dunkel und geheimnisvoll wird?

Der italienische Künstler Giorgio Di Noto hat Bilder zusammengestellt, mit denen Drogen im sogenannten Darknet inseriert werden. Dafür hat er sich auf den illegalen Marktplätzen angemeldet, die einen nicht unbeträchtlichen Teil der Aktivitäten im Darknet ausmachen, dieses zwiespältigen Ortes, der einerseits all jenen Menschen hilft, die anonym surfen wollen und damit Freiheit bedeutet. Doch er zieht eben auch Kriminelle an.

Der schwarze Karton von Di Noto, herausgegeben im Verlag Edition Patrick Frey, scheint wie das Darknet dunkle Geheimnisse zu bergen. "Der Eisberg" steht als Titel auf der Oberseite. Rückwärtig lautet eine Handlungsanweisung: "Wenn das Paket seinen Zielort erreicht hat, bringen Sie es ins Haus und öffnen Sie es in den nächsten fünf bis 15 Minuten nicht." Innen findet sich: Ein Bildband, auf dem jede zweite Seite unbedruckt zu sein scheint - und eine Taschenlampe.

"Wicked fucking potent Pot Cookies"

An dem Ort, den Künstler Di Noto ausgeleuchtet hat, gibt es so ziemlich alles - Partydrogen, Upper und Downer, Pillen und Pulver, Lachgas und harte Hustensäfte. Dealer bieten sie auf Schwarzmärkten feil, die ähnlich funktionieren wie Einkaufsplattformen des sichtbaren Internets: Sie inserieren ihre Ware, laden Bilder hoch, preisen Qualität und Lieferbedingungen an und werden von Käufern bewertet. In diesem illegalen Niemandsland kann wenig zurückverfolgt werden, es entzieht sich dem Zugriff von herkömmlichen Suchmaschinen.

"Das Internet, wie wir es täglich nutzen, macht etwa zehn Prozent des Netzes aus. 90 Prozent der Netzwerke sind unsichtbar", sagt Di Noto. Das Darknet ist ein kleiner Teil der unsichtbaren Netzwerke, dort können sich Nutzer mit spezieller Software bewegen. Und mit der Anonymität "ändern die Menschen ihre Bildsprache", so Di Noto.

Fotostrecke

11  Bilder
Bildband "The Iceberg": Pillen, Pilze, bunte Pappen

Sein Bildband "The Iceberg" zeigt Stockfotos und Fotografien aus der Flut der Drogenanzeigen. Ein synthetisches Halluzinogen wird mit einer Fotografie ägyptischer Hieroglyphen beworben, ein davonjagender Gepard steht symbolisch für die Droge "Speed". Ein Verkäufer aufputschender Pillen nutzt die berühmte "Erschaffung Adams" Michelangelos aus der Sixtinischen Kapelle, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Foto eines Tulpenbeets trägt den Titel "50 wicked fucking potent Pot Cookies The Safest Sleep".

Luftballons und Wassermelonen

Die sichtbaren Wasserzeichen in geklauten Bildern verlieren ihre Wirkung, denn um Urheberrechte schert sich auf der dunklen Seite des Internets niemand. "Die Bilder haben für mich keinen künstlerischen Wert an sich", sagt Di Noto. "Ich möchte zeigen, wie sich die Semiotik im Darknet ändert: In der digitalen Unterwelt wird der Anblick von Luftballons, einem Frosch oder einer Wassermelone vom Betrachter völlig anders interpretiert."

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Giorgio di Noto:
The Iceberg

70 Farbabbildungen

Edition Patrick Frey, 128 Seiten; 70 Euro

Dann hat Di Noto noch eine zweite Kategorie von Bildern zusammengestellt, doch diese sind bei Normalbeleuchtung des Buches nicht zu erkennen. Sie sprechen eine deutlichere Sprache, denn die Dealer haben sie selbst fotografiert: kristalline Krümel, perforierte bunte Pappe, Pilze und Pillen. Wie die im Darknet versteckte Ware sind diese Bilder auf den mit Spezialtinte bedruckten Buchseiten nur mit technischen Hilfsmitteln aufzuspüren, deshalb liegt dem Band eine UV-Lampe bei.

"Ich möchte mit diesem Projekt auch die Idee des Unsichtbaren einbringen. Ich empfinde das moderne Leben als zu sichtbar, fast überbelichtet", sagt Di Noto. Der Drogen-Schwarzmarkt könne als Kurzzeit-Archiv gelesen werden von "Dingen, die niemand sehen kann, symbolisiert von umgedeuteten Bildern, die nach ihrer Verwendung für immer verschwinden".

Darin sieht Künstler die Noto auch eine Chance. Schließlich das Darknet nicht nur ein Tummelplatz für Drogenfreaks, sondern für viele Menschen die einzige Chance, trotz repressiver politischer Systeme das Internet zu nutzen - anonym, im Kampf für eine freiere Welt.

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