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02. Juni 2007, 10:30 Uhr

Das bedrohte Wort

Am Ende der Geilheit

Geiz soll künftig nicht mehr geil sein. Ein guter Anlass für eine Zeitreise – zurück in die achtziger Jahre: SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Bodo Mrozek verfolgt ein berüchtigtes deutsches Wort.

Es ist sicher nicht die schlechteste Nachricht des Jahres. Die Ankündigung eines bekannten Elektromarktes, künftig auf den Werbespruch "Geiz ist geil" zu verzichten, lässt geschmacksbewusste Menschen aufatmen. Begründet wird der Abschied von der nervtötenden Kampagne mit rein wirtschaftlichen Argumenten: Das konjunkturell angestiegene Selbstbewusstsein der Deutschen sei mit dem etwas schmuddeligen Billig-Image nicht mehr vereinbar. Was aber bedeutet all dies für die deutsche Umgangssprache?

Starlett Eve Valois alias Lolo Ferrari: Ende des Schmuddel-Prinzips
DPA

Starlett Eve Valois alias Lolo Ferrari: Ende des Schmuddel-Prinzips

Die Folgen sind noch nicht abzuschätzen. Denn die Werbekampagne hatte mit geil ein Wort in Besitz genommen, das noch vor wenigen Jahrzehnten wie kein anderes geeignet war, die ältere Generation zu schockieren. Wer sich die Karriere des Wortes vor Augen führen möchte, muss auf eine Zeitreise gehen.

Es war Anfang der Achtzigerjahre, als das Wort geil sich urplötzlich in der Jugendsprache verbreitete und angestaubte Vorläufer wie knorke oder das ostdeutsche urst auf einmal sehr alt aussehen ließ. Zu jener Zeit bedeutete das Adjektiv geil nichts anderes als gut, doch die entsetzten Gesichter der Erwachsenen deuteten darauf hin, dass die Modevokabel offenbar eine Vorgeschichte hatte.

Die lässt sich bis ins Althochdeutsche zurückverfolgen. Damals stand das Wort für übermütig oder überheblich. Auch im Mittelhochdeutschen war das Wort noch durchweg positiv besetzt und bedeutete froh oder lustig. Sprachhistoriker führen sogar die Wörter Gala und galant auf das alte geil zurück. Erst im 15. Jahrhundert war das Wort in Verruf geraten. Weil man auch die senkrecht stehenden jungen Triebe keimender Bäume und besonders dicht bewachsene Wiesen als geil bezeichnete und vom Trieb ganz allgemein auf den Ruf der Natur schloss, war das Wort nun eindeutig zweideutig besetzt.

In die Literatursprache ging das Wort erst relativ spät ein. Goethe besang im "Werther" die geilen Reben, Möricke reimte geil auf Teil. Und selbst die Verbindung mit dem Wort Geiz hat Tradition. Schon das altehrwürdige Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm verzeichnet unter dem Stichwort geilreizig die Verse des Dichters Johann Baptist Fischart: "Die schön Helena war geltgeizig,/der schöne Paris war geilreizig./Er lisz den dollust sich bewegen."

Geiler Erfolg dank Briten-Pop

Von alledem wusste die Jugendsprache der achtziger Jahre freilich nichts. Im Jahr 1986 waren es dann ausgerechnet zwei Briten, die das alte deutsche Wort zu weltweitem Ruhm führten. Die Sänger Bruce Hammond und Douglas Wilgrove brachen mit ihrem Lied "Everybody’s geil" alle Rekorde des schlechten Geschmacks. Die Melodie folgte weitgehend dem Hit "Rock me Amadeus" von Falco, der Text bestand aus der gestotterten Wiederholung des Wortes: "Everybody’s geil, g-g-g-g-g-geil". Als "New York Horny Mix" wanderte das Wort aus dem alten Europa in die neue Welt.

Im Video zum Lied hüpften die Sänger im Urmenschenkostüm herum und zeigten den Deutschen so, was sie von ihren Worten hielten. Derart verallgemeinert verlor das Wort den Ruch des Obszönen ebenso wie seine Heimat in der Jugendsprache. Geil war fortan alles und jedes. Zuletzt schien sich eine neue Verschiebung der Bedeutung anzubahnen: Unbestätigten Gerüchten zufolge verwendeten jüngere Menschen das Wort bereits als Synonym für Geiz.

Diese Gefahr scheint nun abgewendet. Der Sprecher eines Hamburger Trendbüros erklärte soeben, man habe in jüngster Vergangenheit das Geiz-ist-geil-Prinzip übertrieben. Das Schmuddel-Image sei nicht mehr zeitgemäß. Saubillig und geil könnten also schon bald ausgedient haben. Neue Hoffnung nicht nur für die deutsche Umgangssprache, sondern auch für den Traum von einer anderen Welt. Einer Welt mit Geschäften, an deren Kassen keine umfangreichen Verzichtserklärungen nötig sind: "Nein, ich sammle keine Treueherzen, habe keine Kundenkarte, und will weder Punkte noch Rabattmarken. Ich will einfach nur bezahlen." "Macht 1,99." Na also, geht doch.

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