Das bedrohte Wort Asphaltantilope

Vielleicht ist Ihnen schon mal eine Asphaltantilope in freier Wildbahn begegnet. Aber wissen Sie, was eine Mese, Mette, Mietsche oder Mosch ist? Eine Düsseldorfer Künstlerin hat genau 567 Synonyme für das Wort Prostituierte gefunden. Was sagt das über unser Land aus?

Von Bodo Mrozek


An den meisten schlimmen Dingen ist das Wetter schuld, genauer: der Klimawandel. Den Eisbären etwa, so musste man kürzlich lesen, schmilzt der natürliche Lebensraum buchstäblich unter den Tatzen weg. Gute Nachrichten aus dem Tierreich sind selten. Manchmal aber tauchen urplötzlich archaische Wesen aus großer Tiefe auf, die man längst ausgestorben glaubte. Zum Beispiel Rocky Balboa, Theo Waigel oder der urzeitliche Tiefsee-Kragenhai, der vor wenigen Tagen im küstennahen Flachwasser japanischen Biologen vor die Kamera schwamm.

Szene aus dem Postituierten-Drama "Princesas": Über das Leben von "Trotteusen" und "Asphaltantilopen"
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Szene aus dem Postituierten-Drama "Princesas": Über das Leben von "Trotteusen" und "Asphaltantilopen"

Die Asphaltantilope begegnete mir völlig unverhofft im zweiten Stock des Hauses am Kleistpark in Berlin-Schöneberg. Auf Kniehöhe huschte sie kurz und flüchtig an meinem Bein vorbei. In ihrer Gesellschaft befanden sich die Klemse, die Humse, das Hoppmädchen und der Hitzableiter. Es handelte sich bei ihnen allen um Wörter, in Schriftform. In schneller Folge flimmerten sie über eine Wand, die Buchstaben als dürre Lichtspuren hineingekratzt in graues Filmmaterial. Inszeniert hat sie die Wörtersammlerin Gabriele Horndasch, die in der deutschen Sprache nicht weniger als 567 Synonyme für den Beruf der Prostituierten gefunden hat.

Wörtersammler ist ein seltener Beruf. Die 1969 geborene Horndasch ist bildende Künstlerin. Für die Ausstellung "SexWorks" hat sie sieben Diaprojektoren mit den Begriffen gefüttert. Unter den vielen Kunstwerken zum horizontalen Gewerbe ragt das von Horndasch heraus, gerade weil es keine Bilder bemüht. Auf die Idee kam die Düsseldorferin, als sie vor Jahren zu einer Künstlerausstellung in ein Bordell – sie sagt Puff – in Nürnberg eingeladen wurde. "Jedes der Zimmer war anders eingerichtet, es gab Plüsch, Kissen und sogar eine Art Teenagerzimmer." Der einzig neutrale Raum war die Sauna. Hier reihte Horndasch zum ersten Mal ihre Wörter-Projektoren nebeneinander auf, "wie Menschen".

Deklination einer deutschen Geheimsprache

Die Begriffe hatte sie in der einschlägigen Literatur und in Speziallexika gefunden. Manche sind eher funktional, etwa das Leihmädchen oder die Trotteuse. Andere wirken stark herabwürdigend wie Leihkörper, Verkehrsmittel oder Massenmedium. Einige sind von deutscher Geschichte gezeichnet: Armeematratze, Regimentstochter, Volksempfänger. Wieder andere bemühen sich um Originalität, etwa die Gunstgewerblerin, die Bordelline oder die Hauptberufliche.

Asphaltantilope hat da einen beinahe poetischen Klang, der an Asphaltlyrik erinnert. Am erstaunlichsten aber sind jene historischen und regionalen Wortraritäten, die heute gänzlich neutral klingen, weil man sie noch nie gehört hat. Beim Buchstaben M etwa liest sich das wie die Deklination einer deutschen Geheimsprache: Mandl, Meis, Mese, Mette, Mietsche, Mizzi, Mosch, Musse, Mutze. Das treffendste Wort in der beachtlichen Sammlung ist vermutlich dieses: "Dame mit dem unaussprechlichen Namen".

In der Selbstbeschreibung der Prostituierten hat sich der Begriff Hure durchgesetzt. "Beruf Hure? Na klar!" lautete der Slogan der Hurenbewegung der achtziger Jahre. Rund 400.000 Menschen gehen in Deutschland diesem Gewerbe nach, 1,2 Millionen Männer sind Statistiken zufolge täglich auf Freiersfüßen unterwegs. Seit dem Prostitutionsgesetz (§ 181a) ist das alte, weniger schöne Wort Zuhälterei zum Straftatbestand geworden und die "sexuelle Dienstleistung" vom Vorwurf der Sittenwidrigkeit befreit. Bei der Versicherung geben Huren als Beruf übrigens oft "Freizeitgestalterin" an. Dieses Wort wird in Behörden auf Anhieb verstanden.

Zurück zu den Eisbären. "Die Eskimos kennen 100 Wörter für Schnee", lautet ein weit verbreiteter Allgemeinplatz, der zuerst 1984 in der New York Times gestanden haben soll. Erbsenzähler haben inzwischen nachgewiesen, dass dies nicht zutrifft. Es sind weit weniger Wörter, auch nennt man die Eskimos heute korrekt Inuit. Das Wort Eskimo stammt aus dem Dialekt der Cree-Indianer und bedeutet "Rohfleischfresser". Dennoch wird man den grönländischen Ureinwohnern (denen wir Deutschen übrigens das schöne Wort Anorak für "etwas gegen den Wind" verdanken) ein besonderes Gespür für Schnee nicht absprechen wollen. Was aber sagt es über die Deutschen aus, wenn unsere Sprache mehr als 567 Wörter für "Hure" kennt? Verbreiten Sie diesen Allgemeinplatz bitte nicht im Ausland. Er könnte sich herumsprechen.


Gabriele Horndasch: "SexWorks", noch bis 25. Februar in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin.

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