Das bedrohte Wort Ein Hoch aufs Vorlöten

Alkohol ist Treibstoff und Schmiermittel der abendländischen Kultur. Neuerdings diskutiert man über das angeblich neumodische Koma- oder Kampftrinken. Doch als "Vorlöten" ist es seit Generationen bekannt: Rückblick auf ein Kulturphänomen.

Von Bodo Mrozek


Vorbemerkung: Nichts liegt dem Autor dieser Zeilen ferner, als die überaus schädliche Wirkung, die gewisse Substanzen auf Körper und Geist namentlich junger Menschen ausüben können, auch nur im mindesten zu bestreiten. Die Gefahren der Alkoholaufnahme sollen hier weder verharmlost noch beschönigt werden. Minderjährige, Menschen mit labiler Leber und andere Bedenkenträger sollten diesen Text deshalb ignorieren. Eltern haften für ihre Kinder.

Vorlöter in Aktion: Frisch von der Leber weg
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Vorlöter in Aktion: Frisch von der Leber weg

Sicher ist sicher. Denn die Zeiten, in denen man ohne Rückversicherung, einschränkende Vorbemerkung und doppelten Boden auch hochprozentige Texte gefahrlos in angesehenen Medien veröffentlichen konnte, scheinen endgültig vorbei. Schriftsteller wie Jack London ("König Alkohol"), Harald Juhnke ("Meine sieben Leben") oder Hugh Johnson ("Der kleine Johnson") erzielten mit ihren flüssig geschriebenen Bekenntnis-Büchern jene Auflage, die Verlegerherzen mit Freude erfüllen.

Frisch von der Leber weg durfte man ungestraft und in aller Öffentlichkeit dem Laster des Trinkens frönen. T-Shirts mit Bekenntnissen wie "Diesen Bauch formte deutsches Bier" wölbten sich über deutschen Trinkerbäuchen, und das herbstliche Jahrestreffen der bekennenden Alkohol-Anwender auf einer Wiese bei München wurde gefeiert, als wäre es ein Volksfest. Seit einigen Tagen ist damit Schluss. Was ist geschehen?

Ortswechsel. Der Berliner Stadtteil Zehlendorf ist die Sorte Bezirk, der in Reiseführern schlichtweg vergessen wird. Hier wohnt das hauptstädtische Bürgertum hinter gestutzten Buchsbaumhecken gepflegter Vorgärten. Träge Trauerweiden hängen in das nur gelegentlich von Häusern aufgelockerte Grün. Junge Triebe, die allzu keck aus den Hecken herausragen, werden mit der Elektrosäge geköpft. Und ausgerechnet hier ist es geschehen: Ein jugendlicher Alkoholanwender trank nicht weniger als 52 Gläser Tequilla leer. Er fiel ins Koma.

Nun, einige Medienberichte später, hat der Zehlendorfer Komatrinker beste Chancen, bundesdeutsche Rechtsgeschichte zu schreiben. Eilfertig wird ein Alkoholverbot für Jugendliche gefordert – über die bestehenden Einschränkungen hinaus. Denn die Trendexperten wollen ein neuartiges Phänomen erkannt haben: Kampf- bzw. Komatrinken. Unter so hässlichen Neuworten wie "Happy Hour" oder "All You Can Drink Party" verklärten Schankwirte und Alkoholindustrie eine Droge zum populären Genussmittel.

Doch das Phänomen ist keineswegs neu. Schon in älteren Wörterbüchern der Jugendsprache finden sich die Begriffe "vorlöten" und "Druckbetankung". Hiermit war nichts anderes als die planvolle Aufnahme von Alkohol zum Zwecke der Stimmungssteigerung gemeint.

Bereits in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam unter Teenagern eine zweifelhafte Kulturpraxis in Mode, die unter dem Begriff "Schrotflinte" (in anderen Regionen auch "Handgranate") firmierte: Hierzu wurde eine Bierdose unten angebohrt, das Loch an den Mund gesetzt, und mit dem Abreißen des Verschlusses entleerte sich unter hohem Druck der Doseninhalt innerhalb weniger Sekunden in den Hals des Trinkers: eine Praxis, von der vernunftbegabte Menschen nur abraten können.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das soeben erschienene Listenbuch von Adriano Sack und Ingo Niermann "Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen" (Eichborn Berlin, 192 S., 14,90 Euro). Das ungewöhnlich gut informierte Kompendium unterscheidet die Alkoholanwendung nicht grundsätzlich von anderen Drogen. Es versammelt auch eher exotische Arten der Aufnahme von Rauschmitteln und kann schon jetzt als Standardwerk gelten.

Denn fest steht, dass ein ordentlicher Vollrausch seit Jahrhunderten als Initiationsritual in der abendländischen Kultur gilt. Dies beweisen auch die in Jahrhunderten gewachsenen ritualisierten Trinksitten der Studenten. Auch die Wechselwirkung zwischen Alkoholkonsum und Wirtschaftskonjunktur wäre eine Untersuchung wert.

Das so genannte Kampftrinken hat gerade in wettbewerbsorientierten Kulturen einen hohen Stellenwert. In Korea etwa rangiert als populärer Volkssport noch vor dem Kampfsport Taekwondo das so genannte Bomb-Drinking: Ein kleines Glas Reisschnaps wird in einem großen Bier versenkt. Reihum muss nun jeder eine solche Bombe in einem Zug hinunterstürzen, die Mitstreiter applaudieren derweil. Wer nicht mitmacht, wird sozial geächtet. Die Wirkung ist verheerend, das Ritual barbarisch. Aber technologisch und kulturell liegt Korea ziemlich weit vorne.

Vielleicht passt die Diskussion um das Alkoholverbot ja ganz gut in unser Land und unsere Zeit. Es wird nicht lange dauern, da werden wir unser Bier in der Öffentlichkeit nur noch ganz amerikanisch aus braunen Papiertüten trinken dürfen. Gastwirte werden mit langen Gesichtern an ihren Mineralwasser-Zapfanlagen stehen und sich die Zeiten zurück wünschen, in denen nur das Rauchen verboten war.

Der fast vergessene Begriff Prohibition feiert zur großen Freude der Wort-Archäologen plötzliche Auferstehung, und Adriano Sack und Ingo Niermann veröffentlichen das große Buch der Softdrinks. Aber vielleicht wäre das denn doch eine utopische, ja unglaubwürdige Voraussage. Und schließlich sind wir ja auch irgendwie dafür, dass - aber das stand alles schon in der leider notwendigen Vorbemerkung.



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