Das bedrohte Wort Malefiz

Das Benefiz ist ein geläufiger Begriff für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Aber wer verwendet noch das schöne Wort Malefiz? Der uralte Begriff aus der Welt des Verbrechens ist nicht nur selten geworden, er ist beinahe ausgestorben und nur noch bei Brettspielern bekannt.

Von Bodo Mrozek


Noch im 20. Jahrhundert gehörte es zum guten Ton, dass sich die Familie stundenlang um ein Stück bedruckter Pappe versammelte. Pädagogen hatten den Brettspielen einen erzieherischen Nutzen zugeschrieben. Vermutlich wollte man den Kindern jener Zeit das Stillsitzen auf kindgerechte Weise näher bringen oder sie als Vorbereitung auf Schule, Beruf und Liebesleben schon einmal an Niederlagen gewöhnen. In jedem Fall galt das Totschlagen von Zeit mit Hilfe von Würfelspielen als gelungene Form der Freizeitgestaltung. Das Malefiz-Spiel reanimierte 1959 nicht nur ein uraltes Wort, auch stellte es einen Höhepunkt der analogen Spielkultur dar.

Malefiz-Spiel: Höhepunkt der analogen Spielkultur - in den Sechzigern
Ravensburger

Malefiz-Spiel: Höhepunkt der analogen Spielkultur - in den Sechzigern

Schon die Gestaltung war eine Provokation. Auf Spielbrett und Pappkarton versammelte sich ein Quartett merkwürdiger Gestalten. Links droht ein finster dreinblickender Mann mit gezogenem Revolver und eindrucksvoll gezwirbeltem Schnurrbart: halb Cowboy, halb Räuber Hotzenplotz. Daneben posiert eine Dame, die mit nichts als einem schwarzen Büstenhalter bekleidet scheint, vielleicht aber auch mit einem Cocktailkleid. Das raffiniert platzierte Spielbrett verdeckt diesen feinen Unterschied dezent und lässt so der Phantasie freien Lauf. Die Blicke der beiden geben zu weiteren Spekulationen Anlass. Diesen wilden Gesellen hatte man einen familientauglichen Großvater nebst hochgeschlossener und züchtig beschleifter Enkeltochter zur Seite gestellt.

Schockierende Erotik

Auf der Nürnberger Spielwaren-Messe 1960 schockierte die Gestaltung des Familienspiels zunächst das Publikum. Doch die Mischung aus Exotik und Familie traf den Nerv der Zeit: Mehr als fünf Millionen Exemplare wurden nach Verlagsangaben verkauft, mittlerweile ist eine digitale Version im Netz spielbar. Erfunden hatte es der Bäckerei-Angestellte und spätere System-Analytiker Werner Schöppner. Vorbild war vermutlich das indische Nationalspiel Pachisi. Das Ziel besteht darin, seinen Mitspielern Steine in den Weg zu legen. Die von Schöppner vorgeschlagenen Namen "Sperrenknacker" oder "Die roten Stopper" wurden vom Verlag allerdings verworfen. Der Titel Malefiz soll auf einen Ausruf der Ehefrau des Verlegers Otto Maier beim Probespielen zurückgehen: "Du bist doch ein echter Malefiz!"

Ob der Erfolg des Spiels mit seinem altertümlichen Namen zu tun hat, ist nicht gesichert. Wohl aber dessen Herkunft aus dem Lateinischen. Maleficium bezeichnete dort ein Verbrechen oder eine Verfehlung. Das Wort Malefiz verfolgen Sprachhistoriker bis ins Oberdeutsche des 14. Jahrhunderts zurück. Schon 1304 wird das Wort in Tirol erwähnt und noch 1607 wird es im Stadtrecht von Lenzburg in einem Atemzug mit "thodschleg und diebstal" genannt. Im Deutschen Rechtswörterbuch steht es für "ein Kapitalverbrechen, einen einzelnen schweren Rechtsbruch". Hohe Gerichte hießen lange Zeit Malefizgerichte, das Adjektiv malefizisch bezeichnete schwere Vergehen gegen Anstand und Sittlichkeit.

"thodschleg und diebstal"

Noch im 20. Jahrhundert findet man in den Wörterbüchern den Malefikanten oder Malefikus (Verbrecher) und die Malefizsache (Gerichtssache). Das erste "Vollständige Orthographische Wörterbuch der Deutschen Sprache" von Konrad Duden nennt 1880 den Malefiz sowie den Malefikanten. Noch 1996 erfährt man aus dem Duden, dass ein Malfizkerl ein Draufgänger ist. In der aktuellen Ausgabe sucht man ihn zwischen Malediven und Malen jedoch vergeblich. Zwar gibt es noch den Benefiz (Wohltätigkeitsveranstaltung), doch der Malefiz wurde mangels Gebrauch entfernt.

Märchenkennern dürfte es dennoch ein Begriff sein. Bei den Brüdern Grimm war Malefiz der Name der bösen Fee, die Dornröschen den Tod wünschte. Erst die Kräfte der guten Fee milderten diese Wirkung ab in einen hundertjährigen Schlaf. Und wäre es nicht möglich, dass auch das schöne Wort Malefiz noch nicht gestorben ist? Vorstellbar wäre immerhin, dass es nur einen hundertjährigen Schlaf schläft – getarnt als Name eines Spieles. Bis eines Tages ein mutiger Prinz vorbei reitet und das Wort wach küsst. An Bedarf dürfte es nicht mangeln: Es gebe sicher mehr Anwendungsmöglichkeiten als für das Wort Benefiz.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.