Design-Festival in Berlin: Ich züchte Stühle, was sonst?

Von Daniel Sander

Mobile Küchen, ein Spielplatz zum Selberbauen, auf Feldern wachsende Stühle - das Berliner DMY International Design Festival stellt ab Mittwoch originelle Ideen für eine bessere Welt in der Zukunft vor.

DMY Design-Festival: Schwerkraft war gestern Fotos
Jolan van der Wiel/ dmy-berlin

Vielleicht sieht so der Garten von morgen aus: Vorne links wachsen die Erdbeeren, in der hinteren rechten Ecke das Männertreu, und in der Mitte, da gedeihen die Stühle. Denn warum sollte man sich noch teure Sitzgelegenheiten kaufen oder gar bauen, wenn man sie auch anpflanzen kann? Und dass man das kann, beweist der Berliner Designer Werner Aisslinger - einfach an den richtigen Stellen im Beet ein paar schnell wachsende Bambus- oder Weidenzöglinge gesetzt, dann ein Stahlkorsett in der gewünschten Stuhlform drüber gestellt. Danach muss man sich nur noch zurücklehnen und seinen neuen Möbeln beim Wachsen zusehen.

Aisslingers "Chair Farm" ist eine von den unzähligen Ideen für eine bessere Welt, die es vom 6. bis zum 10. Juni beim DMY International Design Festival auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin zu besichtigen gibt. Über 500 internationale Designer, Unternehmen, Hochschulen und Stiftungen präsentieren dort ihre neuen Projekte, und die meisten wollen dort nicht nur ihre todschicken neuen Sofas vorführen, sondern einen Einblick in das Design der Zukunft geben. "Kein Designer kommt gerade daran vorbei, sich mit Nachhaltigkeit und Ökologie zu beschäftigen", sagt der DMY-Chef und Festivalgründer Jörg Suermann. "Und das soll das Festival auch zeigen. Designer sind heute keine einfachen Schönmacher - sie müssen immer mehr auch Forscher sein."

Das DMY Festival begann 2003 als kleine und eher improvisierte Nebenveranstaltung des damaligen Designmai, einer großen Leistungsschau von Berliner Designern. Suermann hatte die Idee, dazu ein kleines Festival zu organisieren, das vor allem jungen und unbekannten Berliner Designern wie ihm selbst ein Forum bieten sollte - das Designmai Youngsters, daher das Kürzel DMY. "Ich habe damals einfach 20 Freunde eingeladen und sie gebeten, einen Eimer Farbe mitzubringen, dann haben wir auf kleiner Fläche unsere Sachen gezeigt und abends Partys gefeiert."

Man begann, eine Teilnahmegebühr zu verlangen und das Festival zu professionalisieren, wurde immer größer und hörte auch dann nicht auf, als 2007 der Designmai eingestellt wurde. Mittlerweile bespielt das Festival über 20.000 Quadratmeter auf dem früheren Flughafen in Tempelhof, im vergangenen Jahr waren 32.000 Besucher da. Neben den Jungen und Unbekannten zeigen sich heutzutage auch etablierte Namen, und auch die großen Marken sind dabei. So ist Mercedes der Hauptsponsor, die Ikea-Stiftung verleiht einen Preis für das beste Nachwuchs-Design. Nebenbei laufen Symposien und Workshops, in der ganzen Stadt richten Galerien, Museen und Studios ihre Satelliten-Ausstellungen aus. Nachts wird, ganz im Sinne der Gründerväter, gefeiert. "Wenn man will, kann man sich über fünf Tage 24 Stunden lang mit dem Festival beschäftigen", sagt Suermann. "Manche versuchen das auch. Am Sonntag sieht man dann am Ende immer einige kreidebleiche Designer über die Gänge schleichen."

DMY soll heute für "daily, monthly, yearly" stehen, als Design-Plattform, die das ganze Jahr über auf der ganzen Welt junge deutsche Designer präsentiert - auf der Mailänder Möbelmesse etwa, wo in diesem Jahr auch schon Werner Aisslingers Stühle gezeigt wurden, aber auch in Asien und Lateinamerika. Das Festival soll dann einmal im Jahr die ganze Welt des Designs zusammenbringen. Als besonderen Coup richtet es in diesem Jahr zum ersten Mal auch den "Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" aus, den das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie jedes Jahr im Herbst vergibt und recht unbescheiden als "Preis der Preise" bewirbt. Die 75 nominierten Projekte werden am Mittwoch bekanntgegeben und sind dann im Rahmen des Festivals bis Sonntag in den früheren Flughafenhangars zu besichtigen.

Wem das zu etabliert ist, der kann den zehn Nominierten für die Festival-eigenen DMY-Awards zujubeln - eine Auszeichnung für Projekte, die laut Suermann ganz besonders das Profil des Festivals widerspiegeln sollen: "Wie sind eine für jeden zugängliche Innovationsplattform, keine klassische Messe für Fachbesucher", sagt er. "Und es geht um internationalen Austausch".

Bau dir deinen Spielplatz!

So ist zum Beispiel der Niederländer Jólan van der Wiel mit seinen "Gravity Stools" nominiert, die sich weigern, das Konzept der Schwerkraft einfach hinzunehmen. Aus einer Pfütze mit einer Metall-Kunststoffmischung lässt van der Wiel mit Hilfe von Magneten drei Hockerbeine nach oben wachsen. Ausgehärtet und umgedreht sieht das Ganze dann aus wie ein bizarrer Sitzpilz und soll auch so benutzt werden. "Imagination Playground" des ebenfalls nominierten US-Architekten David Rockwell ist so etwas wie ein Spielplatz zum Selberbauen: ein großer Haufen blauer Schaumstoffteile (biologisch abbaubar, versteht sich), die sich in unendlicher Anordnung zum persönlichen Spielplatz zusammensetzen lassen. Das österreichische Design-Büro chmara.rosinke hat es mit seinem Projekt "Mobile Gastfreundschaft" in den Wettbewerb geschafft - eine schlichte, fahrbare Holzküche, die mit ebenso mobiler Tisch- und Stuhlgarnitur zum spontanen Open-Air-Dinner einlädt.

Was davon in der Zukunft einmal den Weg ins Möbelhaus schafft, werden die Jahre zeigen. Im besten Fall müssen sie den Umweg ja gar nicht nehmen und wachsen gleich im Hausgarten, wie die Stühle von Werner Aisslinger. Ein bisschen unbequem sehen die heute noch aus. Aber vielleicht fällt ihm ja bald ein, wie man dazu die passenden Polster anpflanzt. Da hinten, neben den Radieschen vielleicht.


DMY International Design Festival. 6. - 10. Juni; www.dmy-berlin.com

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