Neue intellektuelle "Bewegung" Endlich richtig wichtig

Schwierigkeiten mit Geflüchteten dürften die wenigsten der Künstler und Journalisten haben, die sich momentan nationalkonservativ gerieren. In der Suppenküche anstehen müssen sie auch selten. Was erzürnt sie so?

Getty Images

Eine Kolumne von


Fast monatlich scheint sich wieder ein deutscher Intellektueller zur neuen Rechten zu bekennen. Irgendein Historiker, Journalist, Regisseur oder Schriftsteller veröffentlicht einen Artikel, schreibt ein Buch, hält eine Rede und warnt das Volk vor - na? Richtig. Nicht vor der künstlichen Intelligenz, dem Insektensterben, dem Kohleabbau, der Vollverblödung durch die Dauernutzung von Social Media, sondern vor dem Verlust der deutschen Werte. Der deutschen Heimat. Des Deutschen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Es sind Leute, die bisher angenehm von ihrer Arbeit und dem System von Filmförderung, Literaturpreisen, okay bezahlten Artikeln und Vorträgen gelebt haben, und dies auch noch mit allen Gliedmaßen, einer Wohnung, ohne Kriegserlebnisse und Bombenangriffe - was hat sie so wütend werden lassen?

Nach dem Ausschluss möglicher Ursachen (private Probleme mit den Nachbarn, Zugverspätungen, nur dreifach Grippeimpfung erhalten) bleiben zwei Gründe für das neu erwachte Interesse am Nationalen. Der erste ist, dass hier nicht Überzeugungen den Weg an die Öffentlichkeit suchen, sondern sich einige im vorauseilenden Gehorsam an einer angenommenen neuen Regierungsmehrheit schubbern.

Oder, dass die vornehmlich männlichen Menschen, meist in der zweiten Lebenshälfte befindlich, Opfer einer großen Kränkung sind. Wie fast alle künstlerisch oder intellektuell Schaffenden, hatten sie sich mehr von ihrem Leben versprochen.

Der große, der internationale Durchbruch hat sich nicht eingestellt. Der große, der internationale Durchbruch, der meistens Erfolg in Amerika meint, hat sich nicht eingestellt, weil sie aus einem schwachen Land stammen, aus einem Land der Schuld, wenn man den aktuellen Einfluss Deutschlands auf die populäre Weltkultur betrachtet.

Es wird kein Wunder mehr passieren

Das Gefühl, dass die eigene Leistung nicht gebührend gewürdigt wird, und die Einsicht, dass die Macht, die Welt zu verändern, überschaubar ist, führt zu einer Kränkung, die oft mit dem Begreifen des eigenen Verfalls einhergeht. Es wird kein Wunder mehr passieren.

Einer eigenen Logik folgend denken die gefühlt Zukurzgekommenen vielleicht, dass ein großdeutsches Reich Amerika nie gebraucht hätte. Es wäre Amerika geworden! Und sie wären nicht Männer, deren Körpergröße langsam zurückgeht, sondern Personen mit einer Reichweite wie Phillip Roth, Quentin Tarantino. Oder Susan Sonntag. Nun - die vielleicht nicht.

Ob die Intellektuellen die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung in der globalisierten Welt nicht verstehen,oder sie bewusst manipulativ simplifizieren, ist egal. Die wenigsten sind vermutlich von Schwierigkeiten mit Geflüchteten betroffen, sie haben keine Wohnungsnot, stehen nicht bei der Suppenküche an, sie haben nur so ein Gefühl, dass sie endlich etwas beeinflussen können.

Kaum einer der heutigen Werteretter hat sich, meines Wissens, früher dafür eingesetzt, dass Juden vor Angriffen und Übergriffen geschützt wurden. Keiner ist mir als Kämpfer für die Rechte und Freiheiten von Frauen und Homosexuellen bekannt. Als Pro-Quote- Verfechter, freiwillig für die Tafeln arbeitender, keiner.

Alle lebten äußerlich betrachtet behaglich, wenngleich mit sich. Damit muss man klarkommen. Sie lebten nicht in einer rot-grünen Diktatur, sondern in einem wohlhabenden, neoliberalen Land, das seiner Bevölkerung weitgehend die Einhaltung der Menschenrechte garantiert.

Das kann die Vermutung nahelegen, dass es den neuen Sprachrohren nicht um das Wohl des Landes, das Wohl der Einkommensarmen, den Schutz der Heimat geht, sondern schlicht darum, aus ihrem überschaubaren künstlerischen Randgruppendasein auszubrechen, um endlich von einer erträumten Mehrheit gehört zu werden.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
postmaterialist2011 14.04.2018
1. Wie wahr, wie wahr !
Danke Sybille Berg. Ich habe manchmal den Eindruck die neuen Rechten haben irgendwie alle von der gleichen Panzerschokolade genascht, oder haben bei der Resthirnabsaugung begeistert "hier" gerufen. Menschen wie Sarrazin, die aus ihrer Verachtung für "normale" Menschen schon früher keinen Hehl gemacht haben (ein beobachteter Klamottenkauf und ein Restaurantbesuch vor seinen Thesen führten damals schon zu Fremdschämen), haben mit den Flüchtlingen und deren vermeintlicher, mangelnde Kultur plötzlich ein Thema gefunden, das ihnen Anerkennung und Jubel ( wenn auch nur von den Abgehängten und Enttäuschten) bringt. Meist kurz vor 60 stellen diese Männer fest, dass sie zwar oftmals viel Geld gemacht haben , aber sie eigentlich komplett irrelevant sind. Kaum Freunde, distanzierte Familie, da läuft man dann halt bei PEGIDA und wütet gegen die Ärmsten der Armen. Schlimm wie weit es nur 73 Jahre nach dem Krieg schon wieder gekommen ist und wie wenig gerade diese älteren Kameraden aus der deutschen Geschichte gelernt haben. Ich bin definitiv kein Merkelfan, aber kein Ausspruch von ihr unterstütze ich überzeugter als ihr "Wir schaffen das" !
dasfred 14.04.2018
2. Hauptsache, Mann wird wahrgenommen
Eine Woche Echo Diskussion, die sich nur noch um zwei Dumpfbacken Provokateure drehte, zeigt doch überdeutlich, womit man im Kulturbetrieb oben schwimmt. Mit allgemeinen Altersweisheiten kommt der weiße Mann nur noch auf einen Preis fürs Lebenswerk, sobald der Sensenmann am Horizont erscheint. Wer zu Lebzeiten noch in die Schlagzeilen will, muss provozieren. Und zwar so dumm und primitiv, dass selbst die Kulturredaktion der Bild-Zeitung einen kleinen Skandal wittern kann. Die weisen Männer sind nur noch weiße Männer, die von der Angst beseelt sind, dass eine neue Wertewelt sie einfach fortspült, um Platz zu machen für die jungen Hippen. Sie sind selbst zu lange im Kulturgeschäft, um nicht zu wissen, wie sie sich wieder ins Gespräch bringen. Leider sind diese Menschen nicht davor geschützt, von ihrem neu entdeckten Nationalgefühl in Altersstarrsinn zu verfallen. Machen wir uns als weniger Gedanken drüber, das sich einige nicht in Stille zurückziehen können, sondern eher, wie man ihnen die letzten Jahre noch ein erfülltes Leben bieten kann, ohne ihnen das Gefühl der Ausgrenzung zu geben.
desertking 14.04.2018
3. Rechts und intellektuell...
Na, ja. Das ist ja schon ein Widerspruch. Wer Menschen auf Grund von Herkunft oder Aussehen bewertet, der hat doch im Leben recht wenig verstanden. Das mit dem Erfolg hingegen dürfte stimmen. Gewisse Katzenkrimi-Schreiber wurden ja auch erst wunderlich, als es mit dem immergleichen Büchern nix mehr wurde. Und so verdient man mit Hass eben Geld. Broder, Herman, Pirinçci - wer hört denen denn noch zu außer Rechtsextremen? Da muss man sich dann eben anpassen und liefern, was der Mob will. Denn das ist einfach und braucht recht wenig Talent oder Kreativität. Irgendwer wird schon Schuld haben - Homosexuelle, Frauen, Ausländer, Muslime usw. Das einfach zusammenschmieren in immer wieder anderer Form und schon hat man ein gesichertes Einkommen.
friedrich_eckard 14.04.2018
4.
Der Text enthält ja sicherlich viel Richtiges. Den Verdacht, dass sich da einige für den Fall einer Machterrrgrrreifung durrch die Krrräfte derr nationalen Errrneuerrrung schon einmal vorsorglich auf die richtige Seite schlagen wollen habe ich ja auch schon seit einiger Zeit. Alles schon einmal dagewesen... Man muss aber doch nicht immer und bei jeder Gelegenheit auf "den Männern" herumhacken, mindestens in diesem Sachzusammenhang spielt nämlich mindestens eine Frau eine... herausgehobene und wenig angenehme Rolle. Die "Erklärung 2018", die Frau Berg sicherlich, ohne sie zu nennen, im Auge gehabt hat, hat nämlich Frau Vera Lengsfeld initiiert. Der ist nun zu Zeiten der DDR unseligen Angedenkens wirklich sehr übel mitgespielt worden, und ich konnte ihr bisher persönlich nie so richtig böse sein, weil ich ihre masslosen antilinken Rundumschläge, an die man sich über die Jahre ja schon gewöhnt hatte, unter "Traumabewältigung" einzuordnen mir angewöhnt hatte. Jetzt ist allerdings Schluss mit Verständnis: den Rutsch in die braune Brühe, den sie in letzter Zeit der Öffentlichkeit vorführt, entschuldigt auch ihre Biographie nicht. Dies nur als ein Beispiel, es gibt noch mehr. Ergebnis und Siegerehrung: ich denke, sehr geehrte Frau Berg, dass in dieser Auseinandersetzung die Front nun gerade nicht entlang der Linie "Frauen / Männer" verläuft.
Licht aus ! 14.04.2018
5. Danke !
nach Ihrer Einschätzung (Ü 65) zähle ich ja vermutlich zu den komischen Typen, die jetzt allenthalben wieder um die Ecke kommen. Aber weit gefehlt! Schon lange kotzt es mich an, wenn ich - auch aus nächster Nachbarschaft - dieses unsägliche rechtskonservative Geseiere vermeintlich Intellektueller (meistens, leider!) Männer hören muss. Und es stimmt wohl: die Erkenntnis, in jeder Hinsicht bestenfalls Mittelmaß zu sein, ist natürlich betrüblich. Das kompensiert man dann am Stammtisch, sprich: Talkshow oder mit Unterschrift auf Pamphleten, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Spannend wird werden, wie weit sich diese sog. Wertkonservativen noch den offen rechts agierenden Politikern etc. anbiedern werden und womöglich gar Gefolgschaft leisten. Wer Ohren hat, der höre und wir sollten nicht sehenden Auges schon wieder solchen Rattenfängern folgen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.