Theaterfestival für Kleinkinder: Popeln, prügeln, pöbeln

Von Elisabeth Wellershaus

Theaterfestival für Kleinkinder: "Musst du noch mal Pipi?" Fotos
David Buchholz

Mit Zweijährigen ins Theater? Ja, klar! Das Berliner FRATZ Festival zeigt mit internationalen Inszenierungen, dass es auch für Kleinkinder adäquate, moderne Stücke gibt - es muss ja nicht immer Aschenputtel sein.

Kleinkindtheater - bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, was das sein sollte. Hysterischer Frühbildungswahn vermutlich. Theater mit inhaltlichem und ästhetischem Anspruch für Zweijährige, wie das Berliner FRATZ Festival "für sehr junge Zuschauer" es bieten will? Das schien mir irgendwie überzogen. Doch immer mehr Berliner Spielorte nahmen Kleinkinderstücke ins Programm. Deshalb schnappte ich mir an einem verregneten Nachmittag meinen Sohn und brach auf, um mit dem Stück "Weiße Wäsche" (das auch während des FRATZ Festivals gespielt wird) das Theater aus gänzlich neuer Perspektive zu entdecken.

Im "Theater ohne Namen" räkelte sich ein erstaunlich entspanntes Publikum auf Sofas, Treppenstufen und dem Foyerfußboden. Eine Meute Zwei- bis Dreijähriger popelte, pöbelte, prügelte und amüsierte sich bereits vor Vorstellungsbeginn. Allein die Eltern wirkten angespannt: "Musst du noch mal Pipi?", "Hast du Hunger?", "Wo ist denn eigentlich deine Schwester?" Erst als eine junge Akkordeonspielerin ins Foyer kommt, beruhigen sich die Erwachsenen. Sie folgen einer hypnotisierten Kinderschar und der Musikerin ins Theater. Minuten nach dem Beginn von "Weiße Wäsche" ist es still im Saal.

Ehrfurchtsvolles "oh" und "da"

Schon die Einstiegsszene mutet wunderbar surreal an: Vor komplett weißer Bühne steht die Akkordeonspielerin im französischen Schulmädchenlook und schlägt traurig schöne Töne an. Weiße Wäsche weht leicht zwischen ein paar knorrigen Birkenstämmen, und ein paar Wäscheklammern wandern wie von Zauberhand über die Leine. Davor ein zerknüllter Wäschehaufen, der langsam anfängt, sich zu bewegen. Erst eine Hand, dann ein Bein, dann zwei weit aufgerissene Augenpaare und schließlich zwei ganze Menschen, die zum Vorschein kommen: ein Schauspieler und eine Schauspielerin in ebenfalls weißer Wäsche. Was die beiden die nächste Dreiviertelstunde über tun werden, hat überraschenderweise nichts mit dem didaktischen Haudrauf eines Kasperles zu tun. Vielmehr geht es in "Weiße Wäsche" ums vorsichtige Erkunden des anderen; um flüchtige Begegnungen, surreale Verwandlungen und leise Ironie. Um eine derart zerbrechliche Zwischenmenschlichkeit letztlich, dass auch die Kleinsten fast nie laut werden, sondern das Geschehen höchstens mit ehrfurchtsvollem "Oh" und "Da" kommentieren.

Das ist kein Zwergen-Klamauk, hier geht es um mehr. Denn diese Art der Inszenierungen will Theater neu verhandeln. Zumindest ernsthaft den Versuch unternehmen, Dramaturgie und Inhalte auf einen Nenner für Klein und Groß zu bringen. "Den Kindern ist dabei deutlich mehr zuzutrauen, als wir oft denken", sagt die Künstlerische Leiterin Dagmar Domrös nach der Vorstellung. "Die nehmen auch Theater mit ernstem Hintergrund ganz selbstverständlich an." Mit den Erwachsenen sei es schwieriger. Anscheinend gibt es noch immer Eltern, die ihr Geld zurückverlangen, wenn sie merken, dass der Kasperl nicht kommt. "Der Gedanke, dass auch die Jüngsten Interesse an Poesie und Ästhetik haben, ist in Deutschland eben noch immer recht neu", sagt Silvia Brendenal von der Schaubude, die als Vorreiterin des Kleinkindtheaters gilt.

In Skandinavien, den Niederlanden oder Frankreich ist es ganz anders - dort gehört Theater für die Jüngsten längst zum Bildungskanon. Vielleicht setzt das FRATZ Festival auch deshalb verstärkt auf Experimentelles aus dem Ausland. "Weiße Wäsche", das im Rahmen des Festivals an zwei Nachmittagen gespielt wird, stammt aus der Schweiz. Die zauberhaft skurrile Installation "White", in dem eine komplett weiße Bühnenwelt aus den Fugen gerät, weil die Schauspieler einfach ihre Vorlieben für Buntes nicht in den Griff bekommen, ist die norwegische Adaption eines vielfach ausgezeichneten schottischen Stücks. Und das ambitionierte Stück "Sleep", eine Einladung für Kinder ab sechs Monate, sich in gedämpfter Atmosphäre mit den Ritualen des Zubettgehens zu beschäftigen, stammt aus Polen.

Doch auch in Deutschland wird man langsam neugierig. Die Initiative "Theater von Anfang an" hat in vergangener Zeit diverse Kooperationen zwischen Theatern und Kindergärten angestoßen. Viele Kulturkritiker diskutieren derzeit unser Verständnis von kultureller Bildung. Der bekannte Autor Pius Knüsel jedenfalls will in einem Vortrag während des FRATZ-Festivals erörtern, wie Kultur nachhaltig wirken kann. Kleinkindtheater als pädagogische Chance? Oder doch nur Frühbildungswahn? Vielleicht auch von Letzterem etwas. Aber das macht es nicht weniger spannend.


FRATZ Festival. 21.-25. April 2013 an sechs verschiedenen Spielorten in Berlin.

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sfb 17.04.2013
Zitat von sysopDavid BuchholzMit Zweijährigen ins Theater? Ja, klar! Das Berliner FRATZ Festival zeigt mit internationalen Inszenierungen, dass es auch für Kleinkinder adäquate, moderne Stücke gibt - es muss ja nicht immer Aschenputtel sein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/das-fratz-festival-in-berlin-zeigt-theater-fuer-kleinkinder-a-894683.html
Wieso, das gibt es doch schon längst, unter dem Namen "Regietheater". „Inzwischen kann ja am Theater jeder machen was er will, aber in der ganzen Welt wird das deutsche Regietheater (http://www.tagesspiegel.de/kultur/peter-stein-deutsches-regietheater-wird-in-der-ganzen-welt-verlacht/1039364.html) inzwischen verlacht.“ Wohl weil sich zu viele Erwachsene ins Publikum verirrt hatten.
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