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Ein Fachwerkhaus als Bühne: Mittendrin, aber nicht dabei

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Das Haus Mittelgasse: Luftschnapper, Schwiegertöchter, Nervenkranke Fotos
Heinz Holzmann

Eine Theatertruppe bespielt ein Fachwerkhaus in der nordhessischen Provinz: Durch "Das Haus Mittelgasse 14" geistern acht Schauspieler und nehmen die Besucher auf eine Zeitreise mit.

Es ist eine weite Reise: mit dem ICE von Hamburg nach Kassel, mit der Bummelbahn von Kassel nach Melsungen, mit dem Anrufsammeltaxi von Melsungen nach Spangenberg, einem Städtchen im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis. Dort angekommen, geht die Reise aber erst richtig los. Es ist eine Zeitreise. Sie führt hinein in ein jahrhundertaltes Fachwerkhaus im Altstadtkern: das Haus Mittelgasse 14.

Der Regisseur Bernhard Mikeska hat zwei Kolleginnen um sich geschart, Christina Rast und Yana Thönnes, und gemeinsam mit ihnen einen Theaterparcours durch dieses Haus entwickelt. Erbaut um 1700, ist es nach mehreren Erweiterungen eines der größten Fachwerkhäuser in Spangenberg: 18 Räume auf drei Stockwerken. Im 19. und 20. Jahrhundert war eine Kohlehandlung im Haus, nach Eröffnung der Bahnstrecke Berlin-Koblenz eine Spedition, vorübergehend ein Bierverkauf. Nach 1945 lebten mehr als ein Dutzend Menschen aus drei Generationen hier. In einem Fremdenzimmer kamen sogenannte Luftschnapper unter: Urlauber aus dem Ruhrpott, die sich im Luftkurort Spangenberg von der Großstadt erholen wollten.

Das Knarzen der Jahrhunderte

Das Haus hat viel erlebt, und so erlebt auch derjenige viel, der es betritt. Manche Räume sind unrenoviert, andere sind im Stil vergangener Jahrzehnte eingerichtet, mal bröckelt der Putz, mal wellt sich nur die Tapete. Die Treppe jedoch knarzt immer, weil auf jede Stelle, auf die man tritt, schon Menschen vor einem getreten sind, hundertfach, jahrhundertelang. Es ist, als hätten sich dem Haus die alten Geschichten eingeschrieben, als spukten die alten Bewohner noch durch die Räume. Das Haus als Erinnerungsspeicher.

Die Regisseure Mikeska, Rast und Thönnes haben diesen Speicher für ihr Theaterprojekt noch weiter aufgefüllt: Sie haben Interviews geführt, haben Geschichte und Geschichten des Ortes studiert, und lassen nun acht Schauspieler in acht Räumen acht Szenen spielen: Eine junge Frau versteckt sich im Kriechkeller davor, gegen ihren Willen verheiratet zu werden; ein Mann mittleren Alters trauert noch immer um eine große Jugendliebe, die ihm der Erste Weltkrieg raubte; eine Touristin mit feinen Handschuhen laboriert an einem Nervenleiden; eine Schwiegermutter weist die Braut auf dem Dachboden in die harte Hausarbeit ein; ein Schreiner blättert in einem Schwarz-Weiß-Familienalbum, während parallel ein Film läuft, in dem es heißt, der Schwalm-Eder-Kreis verliere jedes Jahr 1000 Einwohner. Bis 2030 werde die Einwohnerzahl um 44 Prozent schrumpfen, weshalb es Pläne gebe, Spangenbergs Kernstadt komplett zu musealisieren.

Im Sechs-Minuten-Takt schicken die Regisseure die Besucher auf den Parcours, so dass jeder Besucher alleine ist. Alleine mit sich. Alleine mit der jeweiligen Szene. Und alleine mit dem Haus. Man zieht an einer Glocke, es bimmelt, und eine hübsche, hochgewachsene Dame in hochgeschlossenem Schwarz öffnet die Tür, dirigiert einen mit Blicken auf einen Stuhl. Sie schaut auf einen herab: vielsagend. Sie sagt: nichts. So wie das Mädchen, das einen nach wenigen Minuten abholt, so wie all die anderen Mädchen und jungen Frauen, die den Besucher fortan durch den Parcours führen, von Raum zu Raum, von Szene zu Szene. Es ist schon verrückt: Das Haus lebt und es spricht, unentwegt, es ächzt und stöhnt bei dieser Rundreise, nur die Führerinnen, die sprechen nicht: Als wären sie gar nicht mehr lebendig, Geister aus der Vergangenheit.

Machtlos wie ein Historiker

In den acht Räumen begegnet der Besucher dann sprechenden Figuren, das schon, aber diese Figuren sprechen merkwürdig. Sie sprechen den Besucher an, aber sie sprechen nicht mit ihm. Sie fordern Reaktionen des Besuchers ein, sie reagieren manchmal sogar auf diese Reaktionen der Besucher, aber meist sprechen sie den Besucher doch wie einen Pappkameraden an. Sie meinen nicht ihn, sondern sehen in ihm jemand anderen: eine andere Figur.

Auf diese Weise überblendet die Produktion Gegenwart und Vergangenheit, Augenblicks-Erleben und Erinnerung: Die Figuren scheinen traumatisiert zu sein, in ihrer eigenen Welt festzustecken. Der Zuschauer wird zwar angespielt, aber er kann nicht mitspielen. Er ist machtlos, so machtlos wie der Historiker beim Blick zurück in vergangene Zeiten. Er kann versuchen, sich einzufühlen, einbringen kann er sich nicht. Die Zeitbarriere ist unüberwindbar. Es ist, als wäre die sogenannte vierte Wand, die sonst Bühne von Zuschauersaal trennt, direkt zwischen dem einzelnen Schauspieler und seinem Zuschauer aufgebaut. Er ist mittendrin, aber nicht dabei.

Das unterscheidet die Produktion ebenso wie andere Mikeska-Produktionen massiv von Mitmachformaten, etwa von den Performance-Installationen des Künstlerduos Signa. Man kann darin einen Mangel sehen. Aber auch eine besondere Qualität: Die Nähe saugt den Besucher emotional in die Szene; der direkte Blick des Schauspielers, Auge in Auge, klagt die Einfühlung geradezu ein. Und doch bleibt ein Rest reflektierender Distanz gewahrt.


"Das Haus Mittelgasse." Premiere am 2. August 2014. Weitere Vorstellungen am 08., 09., 10. August 2014, Tel. +49 171 93 76 332, tickets@dashaus-mittelgasse14.de, www.dashaus-mittelgasse14.de

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Tolles Projekt...
spontanistin 04.08.2014
... aber auch irgendwie ziemlich gruselig! Können intelligente und ambitionierte Künstler (die sogen. Intellektuellen) nicht auch mal was positiv Beglückendes inszenieren ohne gleich beim Musikantenstadl oder "Inmer wieder Sonntags" zu landen. Die letzteren Formate wären dann sicher bald überflüssig!
2. ...
Newspeak 04.08.2014
Zitat von spontanistin... aber auch irgendwie ziemlich gruselig! Können intelligente und ambitionierte Künstler (die sogen. Intellektuellen) nicht auch mal was positiv Beglückendes inszenieren ohne gleich beim Musikantenstadl oder "Inmer wieder Sonntags" zu landen. Die letzteren Formate wären dann sicher bald überflüssig!
Wer sagt denn, daß die Konfrontation mit etwas Verstörendem, Unheimlichen, emotional Herausforderndem nicht im Nachgang beglückend wirken kann? Immerwährende Harmonie gibt es, wie sie selbst anführen, in mehr als genug Formaten. Und offenbar sind diese auch schon perfekt. Oder meinten Sie, es müsse auch noch ein Zwischending geben? Harmonie + Lehreffekt. Aus meiner Sicht sind das aber die besonders langweiligen Dinge.
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