Eine Kolumne von Silke Burmester
Verehrte Powidl-Paten!
Nein, nein, nein, ihr Österreicher habt es nicht leicht!
Der die das Deutsche ist immer überall, und kaum hat man es durch den ein oder anderen Krieg in seine Schranken verwiesen, kommt es durch die Ritzen gekrochen. Da nützen auch die Berge nichts, die sich zwischen unseren Ländern aufgebaut haben. Ein Berg ist für einen Deutschen kein Hindernis, sondern eine Herausforderung. Die gilt es zu überwinden und mit ihr das auszubreiten, was den Deutschen deutsch macht: Nein, nicht sein Bier, sondern seine Sprache.
In seinem 32. Infobrief in diesem Jahr weist selbst der "Verein Deutsche Sprache" darauf hin, dass "das Hochdeutsche aus dem Norden" in Österreich auf dem Vormarsch (Obacht, Kriegssprache!) sei und österreichische Begriffe verdränge. Der gemeine Österreicher sagt immer öfter "Tomate" zum Paradeiser und nennt den schönen Erdapfel schlicht "Kartoffel". Und als wäre die Niederlage in der Küche nicht genug, muss auch Gott seinen Hut nehmen und wird immer seltener mit einem herzhaften "Grüß Gott" beim Namen genannt. Auch behüten soll er immer seltener, das "Pfüat di" wird durch ein barbarisches, heidnisches "Tschüs" ersetzt.
Ein Umstand, der schon die von euch Österreichern und uns Norddeutschen gleichermaßen ungeliebten Bayern dazu brachte, an der Ordnung der Welt zu zweifeln. Und eine Passauer Schulleiterin dazu bewog, ihre Schule zur "Hallo- und Tschüs-freien Zone" zu erklären.
Schuld an dem Dilemma sind neben den Deutschen - natürlich - die Medien. Wer sonst? Internationale Fernsehfilme, Serien und Romane würden ins Hochdeutsche übersetzt, ohne dass die geläufigen Austriazismen verwendet würden. Lustigerweise bin ich gerade gestern Abend bei meiner Gutenachtlektüre "Claudine in Paris" über die "Stiege" gestolpert und dachte: "Ah, sieh mal an, zumindest in der Ausgabe von 1958 hat man noch Österreicher Bücher übersetzen lassen."
Worte, uncharmant wie Peitschenhiebe
Aber, es stimmt schon, eine österreichische Fassung von "Shades of Grey" etwa, in der es dann heißen würde: "Hau mi, tritt mi, nenn mi a Viech" oder "Waast, wo mei Krachlederne is?" ist nicht auf dem Markt.
Stattdessen überall diese derbe, harte Sprache. Worte, uncharmant wie Peitschenhiebe knallen auf die Ohren ein und rumpeln ihren Weg aus den Mündern der Österreicher heraus. Treppe! Tüte! Blumenkohl! Stuhl! Lappen! Dass der Österreicher da noch einen Fuß vor den anderen setzen kann, grenzt an ein Wunder. Wie viel schöner klingt doch die "Stiege", das "Sackerl", der "Karfiol", der "Sessel", der "Fetzen".
Diese schönen Wörter am Leben zu erhalten, haben Sie, verehrter Powidl-Pate sich zur Aufgabe gemacht. Powidl, für die dummen Deutschen unter meinen Lesern, ist das Wort unserer Nachbarn für Zwetschgenmus. "Powidltatschkerln" etwa, sind so Teigdinger mit Zwetschgenmus, die man unbedingt verzehren sollte, kommen sie denn des Weges. Aber zurück zu unseren Helden der Gegenwart, denjenigen, die sich als Paten der bedrohten Wörter anbieten. Sie übernehmen es, trotz ihrer beruflichen Verpflichtungen, ihren familiären Aufgaben wie Einkaufen, Hausaufgaben kontrollieren und demente Eltern pflegen, das Wort, dessen Pate sie sind, so häufig wie möglich zu benutzen. Was an sich schon eine Aufgabe ist. "Auf einer Homepage", so heißt es auf einer Seite im Internet, "können Erlebnisse und Begegnungen mit bedrohten Wörtern eingetragen werden."
Als käme die Armee gleich hinterher
Natürlich wäre es spannender von den "Erlebnissen und Begegnungen" mit den bösen deutschen Wörtern zu lesen, aber man kann nicht alles haben.
Auch wir Deutschen sind in der Pflege bedrohter Wörter aktiv. So ist es mir als Hamburgerin etwa wichtig, das Wort "Tschüsing" nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Oder etwa den Sonnabend, den es gegen die üblen Einflüsse der Süddeutschen zu verteidigen gilt, deren Samstag sich in Hamburg ausgebreitet hat, wie das Drüsige Springkraut aus Indien in der Bundesrepublik.
Aber, und das ist der Unterschied, und deswegen unterstütze ich Ihr Tun, liebe Powidl-Paten, im Gegensatz zu Ihnen, treten wir die Schlacht lediglich gegen das Vergessen an. Nicht aber, wie Sie, gegen jemanden, der noch heute in fremden Ländern auftritt, als käme die Armee gleich hinterher.
Einen Einwand allerdings müssen Sie mir gestatten: "die Jean"! Wie blöd ist das denn?! Ist ja schließlich nur eine Hose, sagen Sie, wenn man nachfragt, was das soll. Und jetzt muss man im Sinne des Kulturgutes "Jeans" doch mal sagen: Welch ein Glück, dass die Western, die Sie so sehen, in Deutschland synchronisiert wurden. Ich stell mir das so vor: Kommt 'n Cowboy des Wegs und sagt: "Guck mal, ich hab ne neue Jean." Da schmeißt man sich doch weg! Also wir hier in Deutschland schmeißen uns weg.
Aber wir sagen ja auch nicht "das Cola".
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