Integrationsdebatte Wachstumsschmerzen eines Einwanderungslandes

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Soziologen oder Migrationsbeauftragten: Aladin El-Mafaalani erklärt in "Das Integrationsparadox", weshalb der Weg in die offene Gesellschaft wehtun muss.

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Müsste Aladin El-Mafaalani der deutschen Gesellschaft einen medizinischen Befund ausstellen, er würde wohl von Wachstumsschmerzen sprechen. Besorgten Bürgern, die aufgewühlt sind von den immer lautstarker ausgetragenen Disputen um die Themen Migration und Integration, würde er beruhigend die Hand auf die Schulter legen und Ihnen versichern: Ihr Land schreit, weil es wächst, das muss so sein, damit es zu einer starken, offenen und diversen Gesellschaft wird, die in einer komplizierten und globalisierten Welt bestehen kann.

Das neue Buch von El-Mafaalani, "Das Integrationsparadox", gehört tatsächlich in jede Hausapotheke. Nicht deshalb, weil die Analyse detailreich oder tiefenscharf wäre, sondern weil darin guter, gar nicht teurer therapeutischer Rat in Bezug auf den anstrengenden Reifungsprozess Deutschlands hin zu einem widerstandsfähigen und vielleicht sogar gerechten Einwanderungsland steht. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Soziologen oder Migrationsbeauftragten.

El-Mafaalani ist beides; zur Zeit arbeitet er im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit ihm. Seine neue Schrift, die an diesem Donnerstag erscheint, hat den kompakten, selbstgewissen Charme einer guten Packungsbeilage. Seine Grundthese, die er in aufmunternden Beispielen belegt, lautet: Gerade weil Deutschland auf gutem Wege ist, die Teilhabe möglichst vieler Bevölkerungsteile am gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen, wird zurzeit besonders heftig gestritten.

"Das Integrationsparadox" ist in den Druck gegangen, bevor CSU-Chef Horst Seehofer sein Grenzschließungstheater aufgeführt hat und bevor Twitter-User unter dem Hashtag #MeTwo ihre Rassismuserfahrungen geteilt haben. El-Mafaalani, selbst Einwandererkind der zweiten Generation mit syrischen Wurzeln, würde diese beiden gegensätzlichen politischen Sprechweisen wohl als Symptome ein und derselben positiven Entwicklung sehen: Deutschland ist vielfältiger geworden, das gibt Stunk.

Mitbestimmen, was auf den Tisch kommt

In seiner metaphernfreudigen Erzählung benutzt er leitmotivisch das Bild des Tisches, an dem immer unterschiedlichere Gruppen mit immer unterschiedlicheren Interessen Platz nehmen. El-Mafaalani, Jahrgang 1978, stellt dazu fest, dass die Vertreter der ihm nachgefolgten dritten Einwandergeneration sehr viel selbstbewusster sind. Sie wollten seiner Beobachtung nach nicht nur am Tisch Platz nehmen, sie wollten auch mitbestimmen, was auf den Tisch kommt.

Aladin El-Mafaalani
Wilfried Gerharz

Aladin El-Mafaalani

Ein Bild, das zugleich ungewollt die schwache Belastbarkeit einer solchen Gestaltungsebene mitliefert: Denn was ist, wenn eine mächtige Gruppe dieser Tischgesellschaft einfach ihren Platz verlässt, also das Gespräch einstellt? So war es, um ein plakatives Beispiel zu nennen, als Seehofer dem Integrationsgipfel fernblieb, weil dort auch die Journalistin Ferda Ataman sprach, deren vorherigen Ausführungen zu seiner Politik ihm nicht passten. Das von El-Mafaalani beschworene Tischgespräch findet also immer noch aus unterschiedlichen Machtpositionen statt. Man kann auch alleine am Tisch zurückgelassen werden: Unterhalt dich mal schön mit dir selbst!

Trotzdem hat der Autor recht, wenn er feststellt, dass die Ungleichheiten im gesellschaftlichen Diskurs umso mehr auffallen, je geringer sie werden. Er stellt klar, dass längst noch keine Chancengleichheit in Deutschland herrsche, dass die Bildungsteilhabe von Minderheiten aber über die letzten Jahrzehnte gestiegen sei. Das versetzt sie in die Lage, deutlicher auf Missstände hinzuweisen.

Wie El-Mafaalani mithilfe eines seiner vielen Paradoxa im Buch erklärt: "Mit der Verbesserung der Gesellschaft steigen die Erwartungen in sie." Noch mal anders, aber genauso paradox formuliert: "Mehr Menschen berichten über Diskriminierung, weil es immer weniger gibt." Soll meinen: Immer mehr Menschen nicht biodeutscher Herkunft können über Erfahrungen von Ausgrenzung sprechen, eben weil sie durch ihre zwischenzeitlich erlangte Teilhabe dazu bemächtigt sind. Das heißt Integration fördert das Sprechen über Missstände, selbst wenn diese in Teilen behoben sind. Siehe die #MeTwo-Debatte.

Drei plus im Fach Integrationspolitik

Trotzdem bleibt die Deutschland-Diagnose von El-Mafaalani nur gedrosselt optimistisch. Insgesamt stellt er eine Drei plus "im Fach Integrationspolitik" aus - und fügt ironisch hinzu, dass so eine Mittelnote natürlich nicht gehe "für eine Leistungsgesellschaft wie Deutschland". Wieder so ein Paradoxon: Der Anspruch an die Integrationspolitik sei schneller gestiegen als die reale Verbesserung.

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Gleichzeitig führt nach El-Mafaalanis Meinung auch eine gelungene Zusammenführung der Gesellschaft zu zeitweiligen negativen Nebenwirkungen: Integration verstärke den Rassismus in einer Gesellschaft, da Privilegien geteilt oder aufgegeben werden müssten. Die so schlichte wie einleuchtende Rechnung: Je mehr Integration, desto mehr Teilhabe für Minderheiten, desto mehr Mitsprache an Gestaltungsprozessen, desto mehr Gegenwehr.

Diese episodische Verhärtung im Aushandeln gesellschaftlicher Absprachen zeichnet El-Mafaalani auch anhand des Kopftuchstreits nach. Geradezu bissig stellt er fest, dass Kopftücher an Bildungsstätten zu seiner Schulzeit noch kein Problem gewesen wären. Die muslimische Reinigungskräfte hätten immer welche getragen. Zum Problem werde die Kopfverhüllung für einige Menschen erst jetzt, weil muslimische Lehrerinnen diese trügen. Das heißt, die Integration zieht neuen Streit über Integration nach sich.

Ein Streit, der laut El-Mafaalani unbedingt zu begrüßen ist. Seine Idee einer sich aus dem Disput erneuernden Gesellschaft ist dabei gar nicht neu. Vor allem die konflikttheoretischen Ansätze des einflussreichen Soziologen und glücklosen FDP-Politikers Ralf Dahrendorf schimmern in El-Mafaalanis Forderungen zum kalkulierten und kultivierten Auf-sie-mit-Gebrüll durch. In seinem Buch "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" hatte Dahrendorf 1965 dafür geworben, die damals noch junge, autoritär geprägte Bundesrepublik in einen debattengetriebenen Gestaltungsprozess zu überführen. Der Konflikt sollte Motor der gesellschaftlichen Veränderung sein.

Möglicherweise sind in den "alternativlosen" Merkel-Jahren Konflikte zu wenig offen ausgetragen worden, sodass sie jetzt umso schriller und schmerzhafter verhandelt werden müssen. Wenn es in nächster Zeit mal wieder besonders schlimm kommt, werfen wir einfach ein paar Seiten aus El-Mafaalanis politischer Hausapotheke ein.

Video: Arbeitsverbot für Flüchtlinge

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ttvtt 16.08.2018
1. liberale Gesellschaft
Es wird viel darüber gesprochen, dass das Deutschland liberaler werden muss. Das Paradoxe ist dabei, dass damit gemeint ist, die konservative Einstellung einiger muslimischer Einwanderer als unantastbar zu erklären.
Hank Hill 16.08.2018
2. Ich
habe einige Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. Nie habe ich eine Diskussion über das Thema Integration gesehen. Wenn man in Amerika leben will sind die Bemühungen zu 100% auf Seite des Zuwanderers. Der Erfolg ist einzig und allein von ihm abhängig. Die amerikanischen Bürger interessiert es einfach nicht ob man klar kommt oder nicht, obwohl sie in der Regel sehr hilfsbereit sind. Über die endlosen Diskussionen in deutschen Talkshows zu welchem Grad die Integration hier funktioniert oder nicht können sie nur lachen. Und natürlich gibt es auch in den USA Einwanderer, welche die Sprache nicht lernen und in ihrer Community bleiben. Aber die beschweren sich auch nicht, daß die anderen Amerikaner ihre Integration behindern. So eine Özil Debatte wäre ein Fall für Saturday Night Live oder eine ähnliche Comedy Show.
moritz27 16.08.2018
3. Erstens ist Deutschland
ein Einwanderungsland aber sehr ausgeprägt auch ein Zuwanderungsland geworden. Selbst wenn man das einfach mal ausblendet, kann man feststellten, dass die Parallelgesellschaften, die man auch in klassichen Einwanderungsländern findet, sich bei uns mindestens genau so bilden. Warum sollte ein sozialer Ablauf, der weltweit bisher immer gleich war, urplötzlich in Deutschland anders sein? Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir uns bisher noch nicht richtig daran gewöhnt haben und dass wir glauben auf dem Gebiet der Integration eine excellente, ja weltmeisterliche Leistung abliefern zu müssen. Da sind alle anderen Einwanderungsnationen viel entspannter.
Celegorm 16.08.2018
4.
Zitat von Hank Hillhabe einige Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. Nie habe ich eine Diskussion über das Thema Integration gesehen. Wenn man in Amerika leben will sind die Bemühungen zu 100% auf Seite des Zuwanderers. Der Erfolg ist einzig und allein von ihm abhängig. Die amerikanischen Bürger interessiert es einfach nicht ob man klar kommt oder nicht, obwohl sie in der Regel sehr hilfsbereit sind. Über die endlosen Diskussionen in deutschen Talkshows zu welchem Grad die Integration hier funktioniert oder nicht können sie nur lachen. Und natürlich gibt es auch in den USA Einwanderer, welche die Sprache nicht lernen und in ihrer Community bleiben. Aber die beschweren sich auch nicht, daß die anderen Amerikaner ihre Integration behindern. So eine Özil Debatte wäre ein Fall für Saturday Night Live oder eine ähnliche Comedy Show.
Allerdings wird in den USA auch von fast niemandem in Frage gestellt, ob jemand auch wirklich ein richtiger Amerikaner ist oder nicht. Egal wie jemand aussieht oder welche ethnischen Wurzeln hat und insbesondere unabhängig davon, ob Leute trotz ihrem US-Leben auch ihre italienische oder indische Kultur pflegen oder stolz auf ihre irische oder koreanische Herkunft sind. Selbst wenn man irgendwo in einer hohen Position sitzt. Anders gesagt: Es gibt effektiv eine gewisse Kleinlichkeit in Deutschland in der Frage, allerdings ist dies weniger bei den Einwanderern zu verorten als bei der Mehrheitsgesellschaft. Es sind ja primär Deutsche, die sich über angeblich zu wenig Integration beklagen, bei jeder ethnischen Konzentrierung gleich eine "Parallelgesellschaft" fürchten und am liebsten jeden ausbürgern würden, der er es wagt, auch in der dritten Generation noch seine türkischen oder griechischen Wurzeln zu pflegen. Darüber würden sich die meisten Amerikaner wirklich wundern..
MikeRubato 16.08.2018
5. Gute Analyse, aber die Grundfrage bleibt unbeantwortet
Die Grundfrage ist: Warum soll sich ein wohlhabendes, gut organisiertes Land wie Deutschland ungebildete und kulturfremde Neubürger in sehr großer Zahl ins Land holen und diese auch noch bei Sozialleistungen, (Bürger-)Rechten und Zugängen zu knappen Ressourcen (z.B. Bildung, Wohnraum, etc.) den eigenen Staatsbürgern gleich stellen bzw. in einzelnen Fällen sogar bevorzugen ? Mag man das bei "echten" Flüchtlingen noch humanitär oder mit internationalen Konventionen begründen können, versagt diese Begründung völlig bei den ca. 50% Neuankömmlingen, deren Aufenthalt eben gerade nicht durch solche Gründe gedeckt und somit illegal ist. Eine kleine, aber sehr lautstarke Gruppe, setzt sich dafür ein, dass quasi ALLE herkommen und bleiben dürfen; diese kleine Gruppe setzt sich unterschiedlich zusammen: Aus Protfiteuren (Vermieter, Billigarbeitskräfte-Suchende, Sozialindustrie inkl. Kirchen etc.), aus linken Systemveränderern, die durch den Zuzug auf die lang ersehnte Destabilisierung des "Systems" hoffen (sog. Seenotretter, Autonome, Teile der Linkspartei), und aus generellen Deutschlandhassern, die noch immer mit den schrecklichen 12 Jahren hadern und auf eine Verdünnung und Auflösung der deutschen Gesellschaft in einem vermeintlichen europäischen Paradies hoffen (Grüne, Teile der SPD, Teile der von 68er-Lehrern ausgebildeten Jugend). Zwischen den genannten Gruppen und der normalen Bevölkerung, die jeden Morgen aufsteht, zur Arbeit geht, die (eigenen) Kinder versorgt und in unserem Höchststeuerland die Steuern für den ganzen Migrationszirkus erarbeiten soll, da laufen die Konfliktlinien. Und da entstehen auch Wählerwanderungen. Klar, wer selbst als Migrantenkind in 2. Generation beamtenversorgt im Ministerium arbeitet, dem ist die deutsche Bevölkerung völlig egal, wie dieser Artikel wiederum zeigt. Dagegen und gegen die zuvor beschriebenen Interessengruppen lohnt es sich, Widerstand zu leisten: An der Wahlurne, mit Kirchenaustritten, mit Leserkommentaren, auf Demonstrationen, aber stets ohne Gewalt.
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