"Das Jahrhundert des Design" Dem Toast beim Bräunen zusehen

Das Design dient der visuellen Spaßgesellschaft vor allem als Selbstinszenierung - das zeigt eine Ausstellung in Karlsruhe, die vom Hula-Hoop-Reifen bis zum Handstaubsauger das "Jahrhundert des Design" beleuchtet.

Von Birgit Stallmann


Gläserner Toaster "La casa prossima futura" (Philips Design, 1999)
Foto: Philips

Gläserner Toaster "La casa prossima futura" (Philips Design, 1999)

Der zukünftige Mensch, glaubt die Firma Philips, findet es unterhaltsam, frühmorgens in Pantoffeln und Morgenrock in einer vollelektronischen Küche zu hocken und zu beobachten, "wie der Toast gebräunt wird." In dem "raffinierten Zuhause" der Unternehmens-Vision versprechen gläserne Toaster und Wasserkessel echte Erlebnisse und wahren Morgenmuffel-Lifestyle. Es bleibt abzuwarten, ob "sprachgesteuerte" Küchenschürzen oder Bildtelefone in Vibratorform eines Tages den Olymp des Design erklimmen oder bereits in wenigen Jahren als naive Kuriositätenstückchen belächelt werden.

"Vielfalt und Schicksal" alltäglicher Dinge sind Thema der Ausstellung "Das Jahrhundert des Design" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Es geht den Organisatoren weniger um ein künstlerisches Renommierprojekt als um das wahre Leben in unzähligen Haushalten der letzten hundert Jahre.

Handstaubsauger "Baby Daisy" mit Blasebalg (unbekannt, um 1908)
Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Handstaubsauger "Baby Daisy" mit Blasebalg (unbekannt, um 1908)

Designobjekte im 20. Jahrhundert, das sind für den Museumschef Peter Schmitt nicht nur gefeierte Kultgegenstände mit Museumswert, sondern auch banale und vergessene Dinge des alltäglichen Lebens. In einer Geste aus Nostalgie und kindlicher Begeisterung steuert er auf einen verbeulten Aluminiumkoffer aus der Nachkriegszeit zu. Abgewetzte Etikette bezeugen Reisen nach Jugoslawien und Belgien mit der Firma Bemex und einen Aufenthalt in irgendeinem "Holiday Club" dieser Welt. Hölzerne Staubsauger, wie "Baby Daisy" von 1908, Skier aus dem Jahre 1906, die aussehen wie Dachlatten, die erste "Vampyrette" von AEG aus den Dreißigern sowie unzählige Toaster, Lampen, Stühle und Heizlüfter bis in die neunziger Jahre legen Zeugnis ab über gelungenes und missratenes Alltagsdesign aus dem Jahrhundert der Dingkultur.

"Wie viele Dinge braucht der Mensch?", lautet die zentrale Frage der Ausstellungsmacher. Die vollgestopfte Wunderkammer gibt zahlreiche Antworten. Schmetterlingshocker von Sori Yanagi, der "Schneewittchensarg" im Braun-Design und Tütenlampen prägen neben Hula Hoop in Capri-Hosen die fünfziger Jahre. Rote Kugelradios, Hängesessel aus Plastik und das aufblasbare Zanotta-Sofa "Blow" vereinen Mondlande-Feeling und neue Lockerheit in den Sechzigern. Mit höhlig-bunten Wohnlandschaften und "Eistütenstühlen" aus Kunststoff protestiert Verner Panton gegen den nüchternen Funktionalismus der offiziellen Design-Lehre.

Fernseher "Linea I" (Rodolfo Bonetto, Hersteller: Autovox, 1969)
Foto: Kunstmuseum Düsseldorf

Fernseher "Linea I" (Rodolfo Bonetto, Hersteller: Autovox, 1969)

Die Generation der Siebziger gibt sich gern spätfunktional, gefällt sich im klassenlosen "Golf 1" und liebt ordnungsstiftende Piktogramme jeglicher Machart. Luigi Colani, der "Kinski des Design", macht mit seinen Events schließlich das Design zum medial aufbereiteten Skandalereignis.

Die Achtziger rebellieren im schrillen "Memphis"-Design von Ettore Sottsass gegen die moralische Doktrin der "Guten Form". "Form follows Fun", heißt nun das Credo, das die Spaßgesellschaft den moralinsauren Bauhaus-Puristen und Anhängern der untadeligen Ulmer Schule entgegenschleudert. Es gibt Ausstellungen mit Namen wie "Wohnen von Sinnen" (Düsseldorf, 1986), und Einkaufswagen werden in Punk-Attitüde zu Stühlen umgesägt und umgebogen.

Die Neunziger schließlich entdecken mit "Twingo" und "Smart" die neue Niedlichkeit, den Bad Taste von Plüsch und Kitsch und vor allem das Retro-Fun-Design vom "VW Beetle" bis zur unsäglichen Lava-Lampe.

Zwischen den schrankartigen Tischapparaten der "Kaiserlichen Deutschen Reichs-, Post- und Telegrafenverwaltung" um 1905 und futuristischen Handys im Minimal Design prunkt ein klobig-rundes Holztelefon à la Rudolf Steiner. "Das", freut sich Schmitt und reckt sich hinauf, "das ist das hässlichste Stück der Sammlung!" Er weiß selbst nicht, ob er das unförmige Gerät aus den Siebzigern der "Produktlinie Telefon" oder doch lieber dem Thema "Sport" zuordnen soll. Denn ein halbstündiges Telefonat mit dem kiloschweren Hörer dürfte ebenso schweißtreibend gewesen sein wie heute ein Hantelkurs im Fitness-Studio.

Das Jahrhundert des Design, vom 20. April bis 2. Juli 2000 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, anschließend zeigt das Kestner Museum in Hannover die Ausstellung als Expo-Beitrag

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