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Das Testament des Monsieur Mantin: Zeitreise ins Dornröschen-Haus

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Im französischen Moulins verfügte ein Gentleman, dass seine Villa nach seinem Tod 100 Jahre lang verschlossen bleiben solle, um dann als Museum wiedereröffnet zu werden. Jetzt hat die kuriose Zeitkapsel ihre Türen geöffnet - und gewährt tiefe Einblicke in das Leben eines exzentrischen Sammlers.

Nach 100 Jahren Schlaf: Das Erbe des geheimnisvollen Louis M. Fotos
Jérôme Mondière

Zum Glück war der Prinz, der Dornröschen wachküsste, kein Historiker. Sonst hätte er womöglich vor lauter Freude über die seit einem Jahrhundert unberührten Möbel, Kleidungsstücke und Kunstgegenstände in dem Schloss die schlummernde Tochter des Hauses links liegen gelassen und sich erst einmal ausgiebig über die kunsthistorischen Schätze gefreut. Und zum Glück liegt im Maison Mantin in der zentralfranzösischen Kleinstadt Moulins keine Prinzessin, die erst einmal gerettet werden muss. So konnten sich die Historiker und Museumskuratoren ganz auf die Einrichtung des Hauses konzentrieren, als es nach einem hundertjährigen Dornröschenschlaf wieder erwachte.

In diesen Schlaf versetzt hat das Herrenhaus allerdings keine dreizehnte Fee, die aus Geschirrmangel nicht zu einer Taufe geladen wurde, sondern sein einstiger Besitzer, der exzentrische Multimillionär Louis Mantin. Der verfügte in seinem Testament, dass sein Haus nach seinem Ableben für hundert Jahre verschlossen bleiben solle, um dann als Museum wieder geöffnet zu werden. Kinder, die seinen letzten Willen hätten anfechten können, gab es keine. Und so schlummerte das Maison Mantin einen hundertjährigen Dornröschenschlaf.

In dieser Zeitkapsel überdauerte nun die Einrichtung des Junggesellen - und gewährt heute einen tiefen, authentischen Einblick in sein Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals war sein Haus mit allem ausgestattet, was moderne Technologie an Annehmlichkeiten zu bieten hatte. Mantin beleuchtete seine Räume mit elektrischem Licht und konnte sogar schon seine Toilette mit fließendem Wasser reinigen - in jenen Tagen ein ungeheurer Luxus.

Ausgestopfte Frösche im Degenduell

Aber wer war Louis Mantin? Was verrät seine Einrichtung über sein Leben? Nun, offensichtlich war er ein Sammler. Im oberen Stockwerk befinden sich seine diversen Horte. Ausgestopfte Vögel sammelte er ebenso wie steinzeitliche Öllampen, ägyptische Artefakte oder mittelalterliche Vorhängeschlösser. Mantins Geschmack spiegelt hervorragend die Kuriositätenkabinette wider, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert beliebt waren. Schon gleich in der Vorhalle des Hauses bleckt den Besucher ein ausgestopfter Wolf an, der mit Sinn für Dramaturgie auf einem gotischen Schränkchen plaziert ist. Mantin aber nutzte den Platz auch, um dort, dem Wolf zu Pfoten, seinen Zylinder abzulegen, wenn er nach Hause kam.

Heute ist es unmöglich, nachzuvollziehen, woher der Franzose seine Bilder, Skulpturen, archäologischen Objekte oder antiken Möbel bezog. Ein Teil stammt sicherlich schon aus dem Besitz seines Vaters. Doch wird er auch vieles selbst auf seinen Reisen gekauft oder in Einzelfällen mit Museen getauscht haben. Dabei ging es ihm wohl eher nicht nach Wert oder ästhetischen Gesichtspunkten: Mantin sammelte eklektisch, was ihm eben gerade gefiel. So erklärt sich auch eines der seltsamsten Objekte seiner Sammlung. Es ist eine Glaskugel, in der zwei ausgestopfte Frösche so präpariert sind, dass sie sich mit Miniaturdegen ein Duell liefern. Während der eine Frosch hilflos auf dem Rücken liegt, rammt ihm der andere seine Waffe direkt in den Bauch.

Doch wer nun vermutet, es mit der Behausung eines schrulligen, technikverliebten Junggesellen zu tun zu haben, irrt. Eines der Geheimnisse der Villa Mantin ist der sogenannte Damensalon. In diesem Zimmer ist alles rosarot und lieblich gehalten. Polstermöbel und Wände sind mit blumigen Stoffen bespannt - hier hat ganz offensichtlich kein Mann gelebt.

Was der Besucher heute auf ersten Blick nicht mehr erkennt: Der Salon war in Wirklichkeit ein Schlafzimmer. Doch die verräterische Liegestatt entfernten die Kuratoren dezent vor Eröffnung des Museums und deklarierten das Zimmer zum harmlosen Aufenthaltsraum. Dieser Raum gehörte Louise-Gabrielle Alaire, Mantins Geliebter. Geheiratet hat er sie nie - denn sie gehörte schon einem anderen Mann. Mantin und Alaire lebten ihre Beziehung geschützt vor den Augen der Öffentlichkeit nur in den Räumen der Villa oder in Mantins Landhaus in Moutier aus.

Besessen von Tod und Vergängnis

Viele Sorgen scheint der Franzose sonst jedenfalls nicht gehabt zu haben. Zumindest keine finanziellen. Dabei begann sein Leben eher unspektakulär. Geboren im Jahr 1851 in Moulins im Département Allier, startet er zunächst eine Beamtenlaufbahn und arbeitet in verschiedenen französischen Provinzen. Als Mantin 30 Jahre alt ist, stirbt sein Vater und hinterlässt ihm das Familienerbe. Nun verfügt Mantin über die nötigen Mittel, sich sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Bald beauftragt er den Architekten René Moreau, ihm eine Villa zu bauen - auf einem Grundstück, auf dem einst ein Palast der Bourbonen-Familie stand. 1893 beschließt er, genug gearbeitet zu haben, und sich lieber den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Mantin wird Ritter der Ehrenlegion, tritt dem Orden des Dragon d'Annam und dem tunesischen Orden des Nichan Iftikhar bei. Wahrscheinlich gehörte er auch einer Freimaurerloge an.

1896 schließlich ist sein neues Heim bezugsfertig. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, das Leben darin zu genießen. Er konnte noch sein detailliertes Testament aufsetzen, bevor er 1905 im Alter von nur 54 Jahren verstarb. "Darin erklärt er, er möchte, dass die Leute von Moulins in 100 Jahren sehen können, wie das Leben eines kultivierten Gentleman seiner Zeit aussah", sagt Kuratorin Maud Leyoudec. "Als Junggeselle ohne Kinder war er besessen von Tod und Vergängnis. Dies war sein Weg, sich unsterblich zu machen."

Fast wäre sein Plan letztlich doch nicht aufgegangen. Denn das verstaubte Anwesen mit seinen Schätzen zu restaurieren und in ein Museum zu verwandeln, war nicht gerade billig. Nach Ablauf der 100-Jahres-Frist zierte sich die Stadt in der Auvergne, mit den Arbeiten zu beginnen. Doch Mantin hatte mit einer Klausel vorgesorgt. Solle die Stadt seinen Wunsch nicht erfüllen, falle das Haus an seinen nächsten noch lebenden Verwandten. Das ist heute seine Großnichte Isabelle de Chavagnac.

Die wollte das Haus zwar gar nicht haben - drohte jedoch der Stadt, es zurückzufordern, wenn die Restaurierungsarbeiten nicht umgehend beginnen würden. 3,5 Millionen Euro und fünf Jahre später erstrahlt Mantins Heim wieder im Glanz der Kristalllüster und antiquarischen elektrischen Glühbirnen: Die Arbeiten wurden Ende 2010 abgeschlossen. Mantin würde sich freuen - aber der schläft für immer, ohne die Aussicht, wachgeküsst zu werden. Er ruht auf dem Friedhof von Moulins - unter einer Pyramide.

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1. der reine Wahnsinn
albert schulz 08.02.2011
Ich bin tief gerührt von dieser aufregenden und unvergleichlich romantischen Geschichte voller Abenteuer, schöner Frauen, Tod und letzlich Verderben. Meine Handtücher sind durchnäßt von meinen Zähren, und ich sehe mich außerstande, die unvergleichlichen Tatbestände schon jetzt zu diskutieren. Bei dem Dudler "Eurovision-Kandidat pinkelt gegen Geldautomaten" wäre es mir erheblich leichter gefallen.
2. Schön ....
stefanaugsburg 08.02.2011
Herrlich, ich liebe solche 'schrulligen' Sachen, davon gibt es leider immer weniger. Erinnert mich in Ansätzen an die Altbauwohnung in Leizig, die 30 Jahre oder so verschlossen gewesen war. Wobei es dort sicherlich weniger edel als in der Villa des französischen Gentleman ausgesehen hat. :-) http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E22FD94725C3448A182889BEE472F8E73~ATpl~Ecommon~Sspezial.html
3. Ich staune
Smoke 08.02.2011
Ich staune, dass es in den vergangenen hundert Jahren nicht zu Plünderungen gekommen bzw. dass das Dach keinen Schaden genommen hat. Muss so ein Haus nicht irgendwie gewartet werden, dass die Bausubstanz nicht verfällt?
4. Dornröschen
rengo 08.02.2011
Vielen Dank Frau Franz für diesen skurrilen, wunderbar geschriebenen Artikel!
5. Raub + Schaden = Versicherung
albert schulz 08.02.2011
Zitat von SmokeIch staune, dass es in den vergangenen hundert Jahren nicht zu Plünderungen gekommen bzw. dass das Dach keinen Schaden genommen hat. Muss so ein Haus nicht irgendwie gewartet werden, dass die Bausubstanz nicht verfällt?
Wartungen sind eine Erfindung der schrulligen Deutschen. Die streichen auch alle paar Jahre ihre Häuser. Einem Franzosen kommt das spanisch vor. Frost gibt es nicht, und bei schrägen Dächern läuft das Wasser nach unten. Auf das äußere Aussehen ihrer Gebäude geben die Romanen wenig. Vermutlich weil sie meist drinnen sind. Im Bericht steht kein Wort von wertvollen Gegenständen, die das Plündern oder den Raub lohnenswert hätten erscheinen lassen.
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