Büchner-Festival in Gießen Woyzeck im Schutzanzug

Das Verhältnis zwischen Georg Büchner und seiner Studienstadt Gießen war äußerst gespannt. Zum 200. Geburtstag erfolgt die feierliche Versöhnung: Das Theaterfestival "Büchner international" zeigt acht Inszenierungen aus aller Welt - und eine Eigenproduktion.

Barney Simon

Der Jubilar selbst hätte daran wohl nicht geglaubt: Ein Festival in Gießen, anlässlich seines 200. Geburtstags. Georg Büchner schrieb im April 1834 an seine Familie: "Ich komme nach Gießen in die niedrigsten Verhältnisse, Kummer und Widerwillen machen mich krank." Damals graute dem Studenten vor der Rückkehr in die hessische Universitätsstadt. Weder die Lehrer noch die Kommilitonen konnte Büchner leiden, einen Dozenten verarbeitete er kurzerhand zum skrupellosen Doktor in seinem Dramenfragment "Woyzeck".

"Büchner hat Gießen und dessen Einwohner wirklich gehasst", sagt die heutige Intendantin des Stadttheaters, Cathérine Miville. Mancher Gießener nehme es dem 23-jährig verstorbenen Schriftsteller noch immer übel, abfällig über die Stadt geredet zu haben. "Aber wir Theaterleute haben ein anderes Verhältnis zu Büchner", fügt Miville an. "Wir sehen in ihm einen der geistigen Väter des 20. Jahrhunderts."

Diese Sichtweise spiegelt sich im Programm des Theaterfestivals "Büchner international" wider, das vom 22. bis 30. Juni am Stadttheater Gießen stattfindet, mit Gastspielen aus aller Welt. Inszenierungen aus ganz anderen Kultur- und Theaterkreisen, die in unterschiedlichen theatralen Formen mit Büchner umgehen: als Schauspiel, Musik- und Puppentheater, als Tanzchoreografie oder multimediale Performance. "Erst haben wir als Stadttheater geschluckt, in Anbetracht dieser Aufgabe", sagt Miville. "Aber die Idee war zu verlockend, als dass man sie hätte ausschlagen können." So begannen Miville und der Dramaturg Steffen Lars Popp im November 2011, weltweit nach Projekten zu suchen.

Aufgeboten wird alles, was das Stadttheater zu bieten hat

Dass in Gießen nun vor allem "Woyzeck" auf dem Programm steht, hatte Miville geahnt. "Dass es aber so viel mehr Einreichungen gab als für andere Stücke, hat mich überrascht", sagt sie. Gerade im Nachhall der Arabischen Revolution habe sie erwartet, dass sich mehr Regisseure mit "Dantons Tod" beschäftigen würden. Schließlich spielt das Drama vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, es geht um unterschiedliche Formen des Widerstands und die Frage, wie viel Gewalt legitim ist, um die gesellschaftlichen Umstände zu verbessern. Fragen, die zeitlos scheinen, wenn man nach Tunesien und Ägypten blickt oder dieser Tage in die Türkei.

Warum also so wenig "Danton"? "Ich denke, das hat mit der Sprachgewalt des Stückes zu tun", sagt Miville. "Woyzeck" hingegen werde global gespielt, das beweisen die eingeladenen Inszenierungen, etwa aus Japan und Südafrika. Rund 350 Stücke wurden eingereicht und aus diesen acht ausgewählt - fünf davon tragen den Woyzeck im Titel.

Im Johannesburg der fünfziger Jahre spielt die bekannteste Produktion von "Büchner international", der heimliche Star des Festivals und fast schon ein Klassiker: "Woyzeck on the Highveld" unter der Regie von Luc de Wit und dem südafrikanischen Videokünstler William Kentridge. Der formale Ansatz habe sie in diesem Fall gereizt, so Miville, die Verbindung von großen Holzfiguren der Handspring Puppet Company mit Schauspielern und animierten Zeichnungen. Die Produktion gehe eher auf den Ursprung der Kreatur des zum Erbsenfressen gezwungenen, seine Freundin mordenden Soldaten Woyzeck zurück. In der japanischen Inszenierung "Woyzeck Version Fukushima" tritt Büchners Anti-Held dagegen als Tepco-Angestellter im Schutzanzug auf, der in die Hölle der atomaren Verseuchung geschickt wird.

Eröffnet wird das Büchner-Festival am kommenden Samstag mit "Buch. Bühne. Büchner", einer spartenübergreifenden Eigenproduktion des Gießener Stadttheaters (Regie: Thomas Goritzki). Schauspiel, Tanz und Musiktheater, Chöre und Orchester: Man habe bei dieser Produktion "alles aufgeboten, was ein Theater wie unseres zur Verfügung hat", sagt Cathérine Miville.

Der Untertitel "Stationen einer Jagd" verweist auf die Idee des Stücks, den Vormärz-Schriftsteller als Phänomen zu begreifen, als von den Zwängen seiner Zeit getriebenes Wesen. "Ein ruheloses und rastloses Genie", sieht die Intendantin in Büchner, "das mit sich selbst verbrennt."

Rastlos war Büchner auch in Gießen. Kein Jahr, nachdem er im Brief über seine Studienstadt geschimpft hatte, war er schon auf dem Weg nach Straßburg. Er wurde steckbrieflich gesucht. Dass nun seine Stücke nach Gießen zurückkehren, ist ein versöhnlicher Zug der Geschichte.


Büchner international. 22.-30.6. am Stadttheater Gießen. "Buch. Bühne. Büchner" läuft am 22. und am 30.6., Tel. 0641/79 57 60.



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