Theaterpremiere in Wien: Erfolgreich mit der Probenmasche

Von Laura Hamdorf

Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann mag es gewaltig und provisorisch. Jetzt inszeniert er in Wien einen Stoff, der beides hergibt: "Das Trojanische Pferd". Ein Mythos, der alle Grenzen sprengt - und der deshalb lieber Probe bleiben soll.

"Das Trojanische Pferd": Premiere am Burgtheater in Wien Fotos
Reinhard Werner

Heute schon einem Trojaner begegnet? Vielleicht Ärger gehabt mit einem Schadprogramm auf dem Computer? Oder dem Falschen die Tür aufgemacht - sah nett aus, entpuppte sich aber als Nervensäge?

Jedes Kind kennt den Mythos von Troja: Es ist der älteste, verschriftlichte Mythos Europas. Eine Stadt bittet ihre eigene Zerstörung zur Tür herein - allen Warnungen zum Trotze. Das hölzerne Pferd fanden die Trojaner schön, es machte sich gut als Geschenk der unterlegenen Kriegsgegner aus Griechenland, als Denkmal des eigenen Sieges. Stattdessen wurde es zum Denkmal der Zerstörung Trojas: Nachts kletterten griechische Helden aus dem Holzbauch und schlugen los.

Das trojanische Pferd steht für menschliche Ignoranz, für selbstverschuldete Selbstzerstörung. Und das bis heute. Grund genug, den Mythos in neuer Fassung auf die Bühne zu bringen, findet Matthias Hartmann. Der Regisseur und Intendant des Wiener Burgtheaters gilt seit seiner jüngsten Inszenierung als Spezialist für scheinbar unaufführbare Stoffe. Diese Inszenierung war Tolstois Romanepos "Krieg und Frieden", ein 1600-Seiten Werk, das er nicht bloß zusammenfasste, sondern um neue Dimensionen ergänzte: Dem russischen Adel aus dem frühen 19. Jahrhundert stellte er Koksnasen und Partyfotografen zur Seite.

Hartmann probte die Tolstoi-Adaption nicht die üblichen sechs Wochen, sondern zwei Jahre. Erfolgreich ging er mit einer öffentlichen Probe auf Gastspielreise. Als er sich endlich zur Premiere entschloss, zeigte auch diese keine fertige Inszenierung - unter anderem daran erkennbar, dass die Souffleuse als Babuschka verkleidet auf der Bühne hockte.

Ein respektloses Splitterwerk

Für "Das Trojanische Pferd" probte das Team kompakte zwei Monate, aber der Probencharakter der Produktion werde sich bis zur Premiere halten, berichtet die Dramaturgin Amely Joana Haag, die mit Hartmann schon die Stückfassung von "Krieg und Frieden" erarbeitet hatte. "Wir wollten nicht wieder eine öffentliche Probe ankündigen, das hätte man uns womöglich als Masche ausgelegt", sagt sie, "aber wir sind dem Probencharakter dennoch wieder sehr ähnlich."

Einerseits hat Hartmann zu viel Ehrfurcht, als dass er dem Werk ein vollendetes Pendant auf der Bühne gegenüberstellen könnte. Andererseits pflückt er beliebig die schönsten Teile zu einer Collage zusammen. Die Fassung vereint mehr als 20 Quellen: von Homers "Ilias" bis zu Christa Wolfs "Kassandra". Dabei sprechen die Hauptpersonen durch die verschiedenen Autoren, Odysseus zum Beispiel durch Walter Jens und Kassandra durch Christa Wolf. Das forciert Kontroversen, das lässt einen Dialog entstehen über knapp 3000 Jahre Literaturgeschichte. "Anfangs sind wir verrückt geworden, weil wir den Anspruch hatten, die Erzählung vollständig auf die Bühne zu bringen. Das Stück ist jetzt ein Splitterwerk aus Akzenten, die wir gesetzt haben. Es ist wie der Blick durch ein Kaleidoskop der Erinnerung auf ein Mosaik", sagt Haag. Eine Spieldauer von vier Stunden sei bei diesem Stoff kaum zu vermeiden.

Die Toten sind immer schlauer

Die Erinnerung gehört zum Konzept des Stücks. Alle Personen sind bereits tot und wollen sich im Hades die Geschichte Trojas in Erinnerung rufen. Wie schon in "Krieg und Frieden" lässt Hartmann seine Figuren zu Erzählern werden, die ab und zu das Erzählte nachspielen. Dadurch versucht er dem Epos gerecht zu werden und hebt das Stück auf die Ebene der Reflexion - das macht die Tragödie auch in der Gegenwart nachvollziehbarer.

Und das ist auch nötig. Gerade heute, da das trojanische Pferd nicht nur in Form von Computerviren oder ungeliebtem Besuch lauert, sondern weitaus größere angsteinflößende Formen annimmt: "Die Verdrängung und Blindheit der Trojaner begegnet uns bis heute: Wir schlagen die Zeitung auf und lesen von Atomkraftwerken oder anderen Bedrohungen, doch kaum einer reagiert", sagt Haag.

Wie im Troja-Mythos würden die Rufe der Seherin Kassandra überhört.


"Das Trojanische Pferd". Premiere am 4. Mai 2012 im Kasino des Burgtheaters. Weitere Termine am 5., 6., u. 12. Mai. Karten unter +43 (0)1 513 1 513 oder beim Burgtheater

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