S.P.O.N. - Der Kritiker Der Pesthauch des Konformismus

Das unverschämte Interview von Markus Lanz mit Sahra Wagenknecht ist Ausdruck eines aggressiven Konformismus, der das gesamte ZDF durchzieht. Die Petition gegen den Moderator ist nur der gerechtfertige Aufschrei gegen das, was eigentlich das demokratische Fernsehen sein sollte.

Moderator Markus Lanz: Immer auf der Seite der Mehrheit
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Moderator Markus Lanz: Immer auf der Seite der Mehrheit


Markus Lanz hat sich wie ein wildgewordener Kleinbürger benommen, er war unhöflich, aufdringlich und laut, er war grenzüberschreitend und dabei von einem vorgetäuschten Willen zur politischen Härte und Aufklärung getrieben. Er beleidigte nicht nur seinen Gast Sahra Wagenknecht, er desavouierte gleich auch noch sein Studiopublikum, er unterbrach Wagenknecht mit kindischer Penetranz und nannte sie dafür am Ende "frech", was im geschmacksverstärkten Gebührenfernsehen ja ein Moment der tragischen Schönheit und der Wahrheit hätte sein können; alle Masken unten, alle Menschen nackt - wenn dieser Auftritt nicht viel zu armselig und damit auf unangenehme Weise erhellend gewesen wäre. Eine Art rhetorischer Zangenübergriff von Lanz gemeinsam mit Hans-Ulrich Jörges, der das Wort "Stuss" so heftig hervorstieß, dass es wie eine Form der Schnappatmung wirkte.

So weit also nichts Neues aus der Vorhölle des deutschen Fernsehens. Und es wäre auch das ganz normale ZDF-Donnerstagabend-Fiasko geblieben, ein bisschen Verwunderung über die Farce, die einem dort geboten wird, ein bisschen Verärgerung über das Geld, dass sie dafür bekommen, ein bisschen vorgespielte Zerknirschung aus dem Apparat heraus, wenn es nur um Markus Lanz gegangen wäre. Aber die Wut, die sich an diesem einen symptomatisch missglückten Interview entlud, ist ja eben mehr als die Wut auf einen Moderator, der verlässlich versagt. Es ist die Wut auf einen Sender und auf ein System, das einen wesentlichen Teil seiner Zuschauer seit Jahren mit Verachtung straft und diese Verachtung nun in Form einer zornigen Online-Petition zurück bekommt.

Man kann nun klüglich anmerken, dass das eine Art digitaler Mob sei, der sich hinter der Petition zusammenrotte. Man kann kulturkritisch räsonieren, dass das Fernsehen halt so ist, und wer sich hineinbegibt, kommt eben darin um, man kann etwas schwachbrüstig sagen, dass man halt seine Fernbedienung benutzen und umschalten soll - was aber alles an den zentralen Fragen vorbei geht, die hier aufgeworfen werden. Fragen ganz grundsätzlich danach, was wir vom Fernsehen erwarten, Fragen nach Qualität, nach Selbstverständnis, nach dem, was wir unter Politik verstehen und von der Politik wollen. Fragen aber vor allem mal wieder nach der Legitimität eines Senders, der mittlerweile eine Serie von sauber missglückten Auftritten hingelegt hat, von Marietta Slomka über Claus Kleber bis eben hin zu Markus Lanz. Ein Sender auch, der sich gerade in dieser Woche durch eine bräsige Arroganz ausgezeichnet hat, als es darum ging, dass das ZDF eine eigene Verfilmung des Lebens von Anne Frank plant, gegen den expliziten Willen des letzten Cousins von Anne Frank und des für das Erbe verantwortlichen Anne-Frank-Fonds, die eine eigene Verfilmung planen, an der wiederum das ZDF nicht mitwirken wollte.

Homogenisierung von Geschmack

In diesem Fall ist das ZDF nun einmal rasch eingeknickt, in einem Telefonat mit dem Anne-Frank-Fonds hat der Intendant Thomas Bellut erklärt, dass sein Sender das Projekt nicht weiter verfolgen werde. Ginge es nicht um den Holocaust, so die Vermutung, hätte sich das ZDF wohl genauso bossig verhalten wie sonst, wenn es darum geht, kleinere Produzenten unter Druck zu setzen. Es gibt eben eine Herrscherallüre, die sich über die Jahrzehnte herausgeprägt hat, Jahrzehnte des Beschmusens mit der Macht, des Kuschens vor der Macht, des heßlinghaften Höflingstums. Und das Ergebnis sehen wir jetzt: Ein Moderator, der sich über den "Minderwertigkeitskomplex" einer tatsächlich im demokratischen Kontext problematisch kleinen Opposition lustig macht, und zwar in der Gewissheit, dass er, der schneidige Lanz, der Fragen stellt, wie andere Bungee-Jumping betreiben, auf der Seite der Mehrheit steht.

Denn das war der Kern, das Motiv, das eigentlich Verstörende an dem Auftritt von Markus Lanz - die Art und Weise, wie er sein Denken als das Denken der Mehrheit und als das einzig vernünftige und mögliche und wahre Denken präsentierte, alles auf die Spitze getrieben in der bekenntnishaften und zwanghaft wiederholten Quatschfrage an Sarah Wagenknecht: Für Europa oder gegen Europa, sind Sie für oder gegen Europa, sagen Sie schon, im Ernst, ernsthaft, kommen Sie schon, für oder gegen Europa!? Was sich anhörte wie: Sind Sie für uns oder gegen uns? Machst du mit oder bist du ein Verräter?

Was sich hier zeigt, ist ein aggressiver Konformismus, der das Programm und das Denken dieses Senders durchzieht und letztlich im öffentlich-rechtlichen Dauergerede über die Quote wieder auftaucht - denn das Wort Quote ist ja nur ein anderes Wort für Mehrheit, ist die Quantifizierung von Qualität und die forcierte Homogenisierung von Geschmack. Und es hat weniger mit dem emanzipatorischen Aspekt von Masse zu tun, wie von öffentlich-rechtlicher Seite gern angeführt wird, und mehr, wie es Lanz im Grunde vorbildlich entlarvend vorgeführt hat, mit dem forschen, fordernden, "frechen", wie Lanz sagen würde, Umgang mit allen, die sich nicht aufs ZDF-Niveau begeben wollen und die sich nicht damit zufriedengeben wollen, dass das Fernsehen verloren ist.

Der Protest und die Petition gegen Markus Lanz sind damit vor allem ein Aufschrei gegen Stil, Inhalt und Zustand dessen, was eigentlich das demokratische Fernsehen sein sollte.

Lanz-Momente
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Markus Lanz moderierte "Wetten, dass..?" ins Quotentief: Die Februar-Ausgabe der Samstagabendshow wollten nur 5,85 Millionen Menschen sehen. Ein historisches Tief. ZDF-Intendant Thomas Bellut ließ sich kurze Zeit später mit den Worten zitieren, er wisse nicht, wie lange es die Sendung noch geben werde.

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Lanz ist sich selten für etwas zu schade. Im März 2013 bekam er beispielsweise eine Schokoladen-Dusche ab.

ZDF

Ein besonders umstrittener Auftritt von Markus Lanz war sein Gespräch mit Sahra Wagenknecht: Mit der Phrase "Da muss ich einmal einhaken" unterbrach der Moderator Anfang des Jahres seinen Gast wiederholt und mit einer inhaltlich nicht nachvollziehbaren Penetranz.

Zuschauerin Maren Müller aus Leipzig startete daraufhin die Online-Petition "Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr!" - und hatte nach wenigen Tagen mehr als 60.000 Unterschriften (siehe Screenshot von openpetition.de). In ihrer Begründung ist nachzulesen, dass sie auch politisch motiviert ist: Sie wirft Lanz vor, vor allem mit linken Politikern ein Problem zu haben.

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Markus Lanz bei der Oktober-Ausgabe von "Wetten, dass..?": Für seine Moderation des Samstagabend-Klassikers musste der ZDF-Mann viel Kritik einstecken - und sinkende Einschaltquoten hinnehmen.

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Eigentlich erstaunlich, denn skurrile Momente gab es zuhauf bei Markus Lanz.

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Halbnackter Protest im TV-Studio: Zwei Femen-Aktivistinnen haben die Talkshow von Markus Lanz gestürmt. Es war nicht der erste Moment in einer Lanz-Sendung, in der sich die Zuschauer gefragt haben dürften, was da los ist.

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So sicherlich auch bei seinem Jahresrückblick "Menschen 2013". Auf dem Bild zumindest guckt Dieter Hallervorden recht irritiert hinter dem Sofa hervor.

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Und noch ein Beispiel: Erst im November 2013 gab es bei "Wetten, dass..?" ein bizarres Zungenspiel zu beobachten. Anlass war eine Wette: Der Kandidat will die Zahnpasta, die seine Freundin vorher benutzt hat, beim Zungenkuss erschmecken.

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Auch Lanz selbst sorgt für Tiefschläge. Hier sieht man ihm in der wohl schlechtesten "Wetten, dass..?"-Ausgabe beim Limbotanzen. Er wäre am liebsten selbst aus dem Studio gerannt, erzählte Lanz im Dezember 2013 dem Magazin "Stern".

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Weitere skurrile Highlights: Der schottische Schauspieler Gerard Butler schüttet sich in der Show vom Juni 2013 Eiswürfel in seine Hose - und Lanz lacht sich im Hintergrund kringelig.

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Dauer-Werbesendung? TV-Moderator Stefan Raab durfte bei Lanz einen von ihm entwickelten Duschkopf ausgiebig anpreisen.

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Zusammen mit den Köchen Alfons Schuhbeck (l.) und Alexander Herrmann (r.) schnallte er sich auch schon ein Sixpack-Imitat um.

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Den Gästen blieb ebenfalls wenig erspart. US-Schauspieler Tom Hanks musste im November vergangenen Jahres in der ZDF-Show plüschige Katzenohren tragen.

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Hinterher lästerte Hanks über die quälend langwierige Familiensendung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 502 Beiträge
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Seite 1
Benko 24.01.2014
1. Bingo
Unglaublich das erst ein Georg Dietz kommen muss um den ersten sachlich korrekten Artikel zur Situation zu schreiben. Danke für den Beitrag, genauso ist es. Und wer die penetrante Sendung von Lanz öfters mal gesehen hat weiß, dass es sich bei der Episode um keinen Einzelfall gehandelt hat.
mayryn 24.01.2014
2. aus tiefer Seele Zustimmung
Herr Diez, ich möchte mich nachdrücklich für diesen Kommentar bedanken, Sie sprechen mir zutiefst aus der Seele. Ich selbst habe ein Schreiben an das ZDF geschickt und mich auch an der Petition beteiligt, nicht, weil ich möchte, dass dem Herrn Lanz gekündigt wird, sondern weil ich in tiefer Sorge um die Pfeiler unserer Demokratie bin, wenn ich sehe, wie mit einer ohnehin schon minmalen Opposition umgegangen wird. Diesen ganzen intellektuell tieffliegenden, neutralitästverletzenden und niveaulosen Stil im Umgang miteinander möchte ich mindestens in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender nicht sehen müssen.
gantenbein3 24.01.2014
3. Wow!
Zitat von sysopDPADas unverschämte Interview von Markus Lanz mit Sahra Wagenknecht ist Ausdruck eines aggressiven Konformismus, der das gesamte ZDF durchzieht. Die Petition gegen den Moderator ist nur der gerechtfertige Aufschrei gegen all das, was demokratisches Fernsehen sein sollte. Das undemokratische ZDF: Markus Lanz und Sahra Wagenknecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/das-undemokratische-zdf-markus-lanz-und-sahra-wagenknecht-a-945361.html)
Ab heute bin ich Ihr Fan, Georg Diez! (bis zum nächsten Mal, ganz bestimmt)
nh47 24.01.2014
4. Man, Herr Dietz, Sie haben es auf den Punkt gebracht!
Ich dachte schon, ich erkenne meinen SPIEGEL nach 52 Jahren fleissgen lesens nicht wieder. Das nenne ich Kommentar! Ich danke Ihnen.
DenkZweiMalNach 24.01.2014
5. Diktatur der Meinungsmacher
Erster guter SPON Artikel über Lanz. Weil er das Über benennt, dass das, was sich an der Oberfläche noch als Demokratie gibt, längst zu einer Art Diktatur geworden ist. Abweichende Meinungen oder Ideen? Sofort ist die Inquisition zu Stelle. Nicht umsonst forderte Lanz penetrant ein "Bekenntnis" zu (seinem) EU-Europa. Und dafür zahlen wir nicht nur den 10. Teil als Steuern wie damals die Bauern.
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