Theater-Casting in München Die Ware Schauspieler

Die Schauspielschüler der Otto-Falckenberg-Schule streben zum Wahren, Schönen und Guten - aber ihre Karrieren beginnen wie die einer Pop-Else im Privatfernsehen: mit einer Castingshow. Eine Theaterproduktion lupft den Vorhang.

Judith Buss

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Im Programmheft stehen die Handynummern der Schauspieler und ihre E-Mail-Adressen. Welche Augenfarbe sie haben, welche Stimmfarbe, wie groß sie sind. Welche Sprachen und Dialekte sie beherrschen. Wie in einem Bestellkatalog. Am Ende des Abends werden sich manche der Zuschauer die schönsten, orginellsten, besten aus diesem Katalog aussuchen. Die Schauspieler als Waren.

Es sind Absolventen der Otto-Falckenberg-Schule für Schauspiel und Regie, die sich in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele feilbieten, und die Zuschauer mit Bestell-Option sind Regisseure und Dramaturgen, Scouts und Agenten. Auf dem Programm steht das Intendantenvorsprechen, von den Schülern zärtlich Ivo genannt. Der Name hilft ein wenig über die harte Realität hinweg: Sie streben zum Wahren, Schönen, Guten, aber ihre Karriere beginnt mit einer Casting-Show.

Leuchtendes Solo

Normalerweise sitzen beim Intendantenvorsprechen nur Profis im Saal und einige Freunde der Schüler, die die Auftritte hochjubeln. In München hat der Regisseur Boris Nikitin, 36, das Schaulaufen nun auch für normale Zuschauer geöffnet und ihm einen Titel verpasst, wie einem eigenständigen Stück: "Das Vorsprechen". So wie Marcel Duchamp einst das Urinal, so setzt Nikitin das Intendantenvorsprechen in einen neuen Kontext. Er verpasst ihm einen neuen Rahmen. Ein theatrales Readymade.

Die Schüler spielen die Szenen, die sie an der Schule erarbeitet haben, so wie bei einem normalen Intendantenvorsprechen. Im Unterschied dazu hat Nikitin aber einige der etwa 40 bei der Premiere anwesenden Profis an Tischen platziert, die am Bühnenrand stehen, gut sichtbar für die übrigen Zuschauer. Diese begutachten die Schüler - und gleichzeitig begutachten sie die Profis beim Begutachten. Lachen sie, wenn man selber lacht? Klatschen sie? Wann machen sie sich Notizen?

"Heute ist das Publikum gemischt", steht auf einer Videoleinwand, "die Kriterien auch". Was unterstellt, dass Profis andere Kriterien haben als Laien. Aber ist das so?

Die Schüler sitzen rechts und links der Bühne auf Stühlen, jeweils fünf. Als erster tritt Merlin Sandmeyer nach vorne, zögernd, zaudernd, geht wieder zurück, greift sich seinen Stuhl, kippt dabei eine Flasche um, die neben dem Stuhl steht, stolpert beim zweiten Anlauf auf die Bühne, zieht sein Jackett aus, verheddert sich in einem Ärmel, setzt sich - und greift dann links von seinem Stuhl ins Leere. Die Flasche liegt noch außen.

Es ist ein leuchtendes Solo, voller Komik und Tragik, eine Slapstick-Nummer, die perfekt passt zur angespannten Prüfungssituation. Genauso wie der Text "Einige Nachrichten an das All" von Wolfram Lotz, den Sandmeyer danach spielt: "Ein gelungenes Dasein hängt von Unterhaltung ab", sagt er, "davon keine Leere aufkommen zu lassen".

Am Rand sitzen seine Mitschüler, hören das Lachen des Publikums und fragen sich vielleicht, was sich auch der Rezensent fragt: Wird Sandmeyers Leuchten sie in den Schatten stellen? Oder fällt, im Gegenteil, auch ein wenig Glanz auf sie ab?

Femme Fatale oder verhuschtes Liebchen?

Zwischen den Auftritten zeigt Nikitin auf der Leinwand immer wieder Interviewschnipsel, in denen die Schauspielschüler darüber nachdenken, wieso sie den Beruf ergreifen wollen - und wie sie ihre Chancen einschätzen. Es sind vermeintlich authentische Momente, in denen sie keine Rolle spielen. Sie spielen dennoch: sich selbst. In kaum einem Beruf ist das professionelle Rollen-Ich so schwer zu trennen vom privaten Ich.

Die Schauspielschülerin Maike Schroeter stakst auf die Bühne, auf High Heels, in enger schwarzer Leggins. Auch darum geht es hier, denkt man bei sich: um schöne Beine und herrliche Haare, so wie Schroeter sie hat, und während man das noch denkt und sich fragt, ob man das auch so hinschreiben darf, als männlicher Kritiker, legt Schroeter eine solch überwältigende Anzahl von Tempo- und Ton- und Temperaments-Wechseln hin, dass sich die Frage erübrigt. Die hat wirklich Talent.

Es kann durchaus eine kluge Strategie sein, bei einem Vorsprechen möglichst viele Facetten in kurzer Zeit zu zeigen: die Femme Fatale und das verhuschte Liebchen, den Bösewicht und den Melancholiker. Wer weiß schon, welche Stellen die Caster im Saal gerade zu besetzen haben. Das Vorsprechen erinnert daher ein wenig an die Medleys in einer Samstagabend-Show. Die Botschaft: Das kann ich alles - kauft euch das komplette Album!

Der Zwang, sich selbst anzupreisen, führt dazu, dass die Schauspielschüler nie komplett hinter ihren Rollen verschwinden. Es ist, wenn man so will, ein sehr zeitgemäßes Setting: Der Schauspieler im postdramatischen Theater ist immer auch ein Performer seiner selbst.

So offensiv wie Daniel Gawlowski geht kein anderer mit der Herausforderung um: Er sagt zunächst ein paar läppische Sätze zu sich selber, fast ohne Spannung, beiläufig. Er sei in Polen geboren, er sei in der deutschen Provinz nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen, er sei erst mit 21 das erste Mal im Theater gewesen. "Und ich bin extrem geil". Kawumm!

Gawlowski tänzelt lüstern über die Bühne, mit dem Po wackelnd, singt mit kieksender Stimme: "I'm sexy and I know it", lobt sich: "Geile Stimme, geiler Tänzer, geiler Körper", erzählt immer hochtouriger, immer alberner: "Mein Vater ist ja auch eine geile Sau, alle in meiner Familie, das ist ein riesig geiler Saustall" - um dann, als der komplette Saal johlt, in die Rolle eines verklemmten Pädophilen aus Franz Xaver Kroetz' Stück "Requiem für ein liebes Kind" zu fallen. Es ist unheimlich. Und unheimlich gut.

Wie groß die Leistung des Readymade-Regisseurs Nikitin an diesem Abend ist, lässt sich schwer bewerten, wie groß die Leistung der Schauspielschüler ist hingegen schon. Jede Wette, dass wir diese drei wiedersehen: Merlin Sandmeyer, Maike Schroeter, Daniel Gawlowski.

Und dazu Philipp Basener, der so herrlich näseln kann und dabei verdruckst in die Welt schaut, mit Augen, die immer größer zu werden scheinen, je länger man auf seine Ohren schaut. Allein für diese Ohren müsste man ihn engagieren. Basener ist der Schüler mit dem höchsten Wiedererkennungswert. Derjenige, dessen Porträtfoto man sich am nächsten Tag noch mal im Katalog anschaut. Ein Typ.


"Das Vorsprechen": Inszenierung von Boris Nikitin an den Münchner Kammerspielen. Weitere Vorstellungen 17. und 19. November. Karten unter Telefon 089/23396600.

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insgesamt 4 Beiträge
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Ballonmütze 06.11.2015
1. Talent
Im Prinzip ein interessanter Artikel. Allerdings steht die Frage nach dem Talent am Anfang. Dies wird mit der Aufnahmeprüfung festgestellt. Am Ende steht ein mühsam, über 8 Semester mit hohen Stundenzahlen an Unterricht, erlerntes Handwerk. Ich kenne die betreffenden Kollegen nicht, aber ich würde Frau Schroeter dies mal unterstellen. Es ist so, als würden sie über einem Mediziner nach dem 3. Staatsexamen, Interesse an Medizin bescheinigen.
jalu-2008 06.11.2015
2. Blöde Frage:
In welchem Job ist das jetzt gravierend anders? Vorstellungsgespräch, Probezeit, Bewertungsgespräche ... es ist ein ständiger Wettbewerb, aber muss man Menschen gleich mit "Ware" vergleichen?
Netzschwinger 06.11.2015
3.
Ein Intendantenvorsprechen mit einer Castingshow zu vergleichen verbietet sich meiner Meinung nach allein schon deswegen, weil es bei einer Castingshow hauptsächlich darum geht, Geld zu scheffeln. Über möglichst lange Zeit. Hier jedoch versuchen junge Künstler den Einstieg in einen Beruf zu finden, den sie ein Leben lang ausüben wollen. Und von dem Beruf zu leben, bleibt nur wenigen vorbehalten. Dazu braucht man neben dem Erlernten auch Glück und Durchhaltevermögen. Mir ist nicht ganz klar, was sie uns mit diesem Artikel sagen wollen.
danilp417 07.11.2015
4. Knallharter Wettbewerb in Kammer 2
Mir hat der Textausschnitt aus Kroetz "Requiem" den Hals zugeschnürt. Der ganze normale Wahnsinn drumherum bekam da plötzlich einen sehr hohen Unterhaltungswert für mich. Super - das Leben ist nicht fair...
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