Mega-Kunstevent "DAU" In Berlin soll eine Mauer gebaut werden

Ab Oktober soll es in Berlin wieder eine Mauer geben - aber nur als Rahmen für das Mega-Kunstevent "DAU". Dahinter steckt der russische Regisseur Khrzhanovski mit dem wohl irrsten Filmprojekt der Geschichte.

Orlova

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Wichtig zu wissen: Alles, worum es im Folgenden geht, kann noch am Veto der Berliner Behörden scheitern. Die Absperrung eines weitreichenden Areals entlang Unter den Linden inklusive Staatsoper ab dem 12. Oktober; die Errichtung einer Betonmauer rund um dieses Areal; das Ausstellen von kostenpflichtigen Visa, um das Sperrgebiet zu betreten; die Auftritte von internationalen Kunststars wie Marina Abramovic oder Carsten Höller; die Vorführung der Filme und Serien, die der russische Regisseur Ilya Khrzhanovski innerhalb von drei Jahren an einem Set gedreht hat, auf dem er ein Moskauer Forschungsinstitut aus den Jahren 1938 bis 1968 mit Originalmaterialien und Requisiten nachgebaut hat und auf dem die Darsteller während dieser Zeit gelebt haben; und schließlich der Abriss der Mauer am 9. November 2018.

"In Arbeit", sagt Thomas Oberender vom Veranstalter Berliner Festspiele, seien die Genehmigungen für das Riesenprojekt, das mittlerweile den Namen "DAU" trägt. Gemeinsam mit Unterstützern wie Tom Tykwer, Geldgebern wie Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg und zwei direkt Beteiligten, nämlich der Filmproduzenten Susanne Marian und dem Kameramann Jürgen Jürges, skizziert Oberender am Dienstag die Grundzüge von "DAU" und klärt die wegen des Mauerbaus auf Hochtouren laufende Berliner Presse über die Details von Bau und Fall des neuen Schutzwalls auf.

Keine Premiere an der Volksbühne

Dieser soll 2018 nicht mehr vor Faschismus behüten, sondern vor WLAN und Handyempfang. Ohne Ablenkung durch ihre Smartphones sollen sich die Besucherinnen und Besucher durch das Sperrgebiet bewegen, Filme gucken, Performances beiwohnen und wissenschaftlichen Vorträgen zuhören. "Immersiv" soll die "DAU"-Erfahrung sein, weshalb wohl Oberender als Verantwortlicher des Festivals "Immersion" spontan mit aufgesprungen ist.

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"DAU": Erste Einblicke in das Großereignis

Eigentlich sollte "DAU" nämlich schon viel früher und an einem anderen Ort kommen. Sowohl der langjährige Volksbühnenchef Frank Castorf als auch ein Nachfolger Chris Dercon waren in Kontakt mit Khrzhanovski - jeweils vergebens. Gescheitert sein soll es je nach Quelle entweder daran, dass sich das Gebiet um den Rosa-Luxemburg-Platz, an dem die Volksbühne liegt, nicht rund um die Uhr hätte absperren lassen können - oder dass alte Castorf-Verbündete intrigiert haben, um Dercon den spektakulären Intendanzauftakt zu vermiesen.

Nun soll "DAU" aber wirklich kommen. Weil es so wichtig für die Stadt sei, wenn sie so etwas Großes, Aufregendes mitten in ihrem Zentrum endlich mal wieder zustande bekäme. Das ist die Kernbotschaft der Pressekonferenz. Ihr Ziel scheint nicht so sehr zu sein zu informieren, als moralischen Druck auszuüben: Am Donnerstag sollen die wichtigsten Entscheidungen in den Behörden fallen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Sollten diese die zentralen Genehmigungen verweigern, stünde nicht nur Berlin doof da. Im November soll "DAU" in Paris aufschlagen, Anfang 2019 in London. Eine Mauer soll nur in Berlin gebaut werden, trotzdem sind die drei Stationen miteinander verbunden: Berlin steht laut Veranstaltern für Freiheit, Paris für Gleichheit und London für Brüderlichkeit.

Warum die Auswahl dieser Städte und warum ihre Verknüpfung mit den Schlagworten der französischen Revolution kann auf den Podium keiner überzeugend erklären. Paris und London wären Partnerstädte von Berlin und außerdem habe man dort schon Kooperationspartner gehabt, lautet die pragmatische Erklärung von Produzentin Marian.

"DAU" in Berlin - wer darf rein?
    Für das Event wird es keine regulären Karten zu kaufen geben. Stattdessen müssen sich Interessierte auf der Website "dau.xxx" eintragen, um sich für die Vergabe eines "Visum" genannten Tickets zu registrieren. Visa werden für vier verschiedene Zeitfenster erteilt: für zwei, 24 oder 72 Stunden sowie für die gesamte Laufzeit. Die Kosten sollen zwischen 15 und 45 Euro betragen. Wie viele Besucher pro Tag und Stunde auf das Areal gelassen werden können, ist noch unklar.

Wie so vieles bei "DAU" scheinen sich Spielstätte und Slogans zufällig ergeben zu haben. Eigentlich sollte es sich nämlich nur um ein einzelnes Spielfilmprojekt handeln. Nach dem internationalen Erfolg seines Debütfilms "4" wollte der damals 30-jährige Khrzhanovski als nächstes das Leben des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lew Landau, Spitzname "Dau", verfilmen. Auf der Grundlage eines Drehbuchs des gefeierten Schriftstellers Wladimir Sorokin und mit russischen und deutschen Fördergeldern versehen, machte sich Khrzhanovski 2005 an die Arbeit.

Eine Schauspielerin, 400 Laien

Dazu gehörte der originalgetreue Nachbau des "Instituts für Physikalische Probleme der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften", das die UdSSR von 1938 bis 1968 betrieb und an dem auch Landau einige Jahre tätig war. Als die Nachbildung des Instituts, statt in Moskau im ostukrainischen Charkiw, abgeschlossen war, nahm "DAU" eine radikale Wende. 400 Menschen zogen in die zwei Fußballfelder umfassenden Kulissen des "Instituts" ein, ohne Handys, Tampons, Internetzugang, dafür mit Haarschnitten, Kleidung, Maschinen, Möbeln aus den Jahren 1938 bis 1968.

Gefilmt wurde fortan ohne Drehbuch. So entstand eine Art Dokudrama, dessen Drehzeit irgendwann die Zweijahresgrenze überschritt und erst 2011 abgeschlossen wurde. Die Titelrolle spielte nach wie vor der griechische Dirigent Teodor Currentzis, als Landaus Ehefrau Kora war Radmila Shchegoleva dabei - die einzige professionelle Schauspielerin in der Masse von Laien, die sich auf das filmische Sozialexperiment einließen.

Nicht immer wurde während dieser Zeit gedreht, und wenn, dann nur mit einer Kamera, bei der nach 13 Minuten die Filmrolle wechseln musste. Oftmals ruhte die Kamera, weil noch passende Requisiten beschafft werden mussten. Augenzeugen berichten, dass Drehs zum Beispiel unterbrochen wurden, weil Schrauben für die Reparatur von defekten Fahrzeugen, die im Bild zu sehen waren, nicht aus dem richtigen Filmjahr stammten. Mit rund 700 Stunden Filmmaterial, aus dem 13 Filme und drei Serien geschnitten wurden, ist die Ausbeute deshalb nicht so unermesslich, wie man meinen könnte.

Missbrauch? "Absolut nicht!"

Manisches Zentrum des Institutslebens war Khrzhanovski, dem eine ähnliche sexuelle Freigiebigkeit wie Lew Landau selbst nachgesagt wird. In der einzigen offiziellen Reportage vom "DAU"-Set berichtete der "GQ"-Reporter Michail Idov von sexuell aufgeladenen Bewerbungsgesprächen, die Khrzhanovski mit jungen Frauen abhielt und die diese als unangenehm bis unerträglich erlebten.

Zu diesen und anderen Vorwürfen des Missbrauchs kann man Khrzhanovski nicht befragen. Der mittlerweile 43-Jährige hält sich dem Vernehmen nach in Berlin auf, nimmt an der Pressekonferenz aber nicht teil. Er wolle den Eindruck entgegentreten, dass es sich bei "DAU" um das Werk eines einzelnen Künstlers, sagt an seiner Stelle Tom Tykwer. Und auf die Frage nach den Missbrauchsvorwürfen antwortet Kameramann Jürges, der statt der zunächst geplanten drei Monaten am Ende fast drei Jahre mit "DAU" und Khrzhanovski zu schaffen hatte: Es hätte keine Übergriffe und keinen Missbrauch gegeben. "Absolut nicht!"

Regisseur Ilya Khrzhanovsky mit Künstlerin Marina Abramovic 2012 in Berlin
Getty Images

Regisseur Ilya Khrzhanovsky mit Künstlerin Marina Abramovic 2012 in Berlin

Die Missbrauchsvorwürfe sind nicht das einzig Erklärungsbedürftige an "DAU". Wie der Berliner "Tagesspiegel" recherchiert hat, stammen die Gelder für das Riesenprojekt vom russischstämmigen Unternehmer Sergei Adonjew. Erst als Zuckerhändler, dann als Investor im Telekom-Bereich kam der im Russland der Jahrtausendwende zu seinen Millionen.

Neonazis treten die Kulissen ein

Ohne das Wohlwollen Putins wäre so ein Aufstieg wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Mittlerweile verfügt Adonjew jedoch über einen bulgarischen Pass und lebt in London. Bei "DAU", so Produzentin Marian, wäre er nicht zuletzt eingestiegen, um dem russischen Staat seine Fördergelder zurückzuzahlen und damit die Unabhängigkeit des Projekts zu sichern. 6,6 Millionen Euro soll allein das Berliner "DAU"-Event kosten.

Wo Khrzhanovski selbst politisch zu verorten ist, lässt sich noch schwerer sagen. Der Umstand, dass er einen Trupp von Neonazis anheuerte, um nach Drehende die Kulissen des "Instituts" kurz und klein zu treten, stimmt skeptisch. Gleichzeitig haben seine Mitstreiter und Mitarbeiter auf der Pressekonferenz am Dienstag nicht ganz freiwillig den Eindruck vermittelt, dass hinter "DAU" in seiner jetzigen Form weder ein politisch noch künstlerisch vollkommen zu Ende gedachtes Konzept stecken.

Genaueres wird man aber erst sagen können, wenn "DAU" am 12. Oktober die Mauer schließt und seine Türen öffnet. Nein, falls "DAU" das tut.

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insgesamt 4 Beiträge
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konterspieler 28.08.2018
1. Ein Tiefpunkt des Event-Wahns
und eine als "Kunst" getarnte Verhöhnung der Mauer-Toten, für die es einige Mahnmale in Berlin gibt!
madcostelloartist 28.08.2018
2. Tolles Projekt
Wünsche gutes Gelingen und viel Erfolg für die Kunstperformance. Wie wohl die DDR-Regierung damals mit dem Phänomen Internet umgegangen wäre, wenn es diese Technik bereits in den 1970er und 1980er Jahren gegeben hätte?
dchaskel 28.08.2018
3. Des Kaisers neue Kleider
Ich kenne den Begriff "DAU" nur aus der IT Welt als "Dümmsten anzunehmenden User". Das scheint mir hier passender als den Physiker für den nächsten Schwachsinn an den Haaren herbei zu ziehen. Berlins Mitte soll also wieder mal in Geiselhaft genommen werden, sind wir ja gewöhnt, von abendlichem Sackhüpfen, Modemessen oder schlichter Bierkonsum, kein Projekt, was nicht wirksam die Hauptmagistralen oder Kernzonen der Stadt blockiert. Warum macht der Herr Regisseur das nicht einfach auf dem Tempelhofer Feld oder im Brandenburger Umland und mauert sich selbst mit vielen gleichgesinnten und selbsternannten Aktivisten ganz wichtig ein. Ich bin hier geboren und lebe seit fast 60 Jahren in Berlin, das diese Mauer braucht wie einen Kropf. Just my 2 cents und LG. :-)
Knossos 29.08.2018
4. Vitamin B-enefit
Für Künstler verhält es sich seit frühen Zeiten des Kalten Krieges so, daß ihr Schicksal unabhängig von der Güte ihres Werkes davon abhängt, ob Kontakte zustande kommen, oder nicht. Wenn nicht, können sie bis ans Ende ihrer Tage in feuchten Kellern husten, oder müssen das Schaffen aus trivialen Gründen des Lebensunterhalts an den Nagel hängen, um sich abseits der Muse zu verdingen. Bei Ihnen fängt es mit dem Talent an und hört mit der Vernetzung auf. Für den Kunstbetrieb selbst verhält es sich umgekehrt. Dort sind Segnungen von Vernetzung bis Mondänität im Überfluß gegeben. Die Beigabe von Talent derweilen so randomisiert, wie sonst das Schicksal von Künstlern. Paradox dekadenter Zustand, der sich an oben beschriebenem Beispiel exemplarisch verdeutlicht. Hier wird zuerst über Zutaten an Kapital, Promotion und Vertrieb verfügt, und dann Kunstschaffen simuliert. Also extravagante Logistik fabriziert, um mit obligatorisch bombastischem Großmanöver à la "Kunst" ohne Sinn & Zweck zu enden. Wenn die Stadt Berlin erlaubt, daß Material und Aufwand sinnlos eingesetzt werden, um als Müll und vertane Arbeit aufzugehen, mit denen benötigter Wohnraum hätte geschaffen werden können, dokumentiert sie, wo Belange der Bürgerschaft rangieren. Genau genommen, hat sie es bereits, in dem sie sinnbefreit Schäden an öffentlichem Grund und Verkehrsbehinderung überhaupt in Erwägung zieht. Vor allem aber entspricht dieses Projekt einem Appell an den Zeitgeist, asoziales Schwarzes Loch eines Sinn-, Qualifikations-, und Proporzbefreiten "Kunst"betriebes endlich zu begraben, und Begabte und Kreative aus Kellern zu holen. Auch eben, weil Kunst Spiegel kultureller Entwicklung ist, sollte sie rationale Entsprechung von Befähigung und Effekt an Stelle aktuell trendiger Beliebig- und Sinnlosigkeit sein. Kinder reichen Hauses und Günstlinge mögen sich derweil eine Nobel-Boutique kaufen lassen, statt sich als Geist- und Talentlose ausgerechnet den Schal des Schöpferischen umzuhängen. Drama neokonservativer, soziopathischer Einfalt und Bildungsmisere, welch kreative Leere sich zum Leonardo der Moderne berufen fühlt.
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