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16. Juli 2009, 14:54 Uhr

Dauerparty-Zone Berlin

Ballermann an der Spree

Die deutsche Hauptstadt verkommt zum Tummelplatz des Party-Pöbels, zum Mallorca des Ostens. Der Charme der Metropole geht dabei verloren, klagt SPIEGEL-ONLINE-Autor Reinhard Mohr - sogar die lärmtolerante kreative Bohème bläst bereits zur Flucht vor den Partytouristen.

Irgendjemand muss den Leuten vor Jahren eingeflüstert haben, dass Draußensitzen die einzig coole Existenzform des Cafégängers ist, ja der eigentliche Sinn und Lebenszweck des modernen Menschen.

So sitzen sie auch an diesem eher schaurigen Julitag mit ihrem "Latte" rund um den Kollwitzplatz im Berliner Viertel Prenzlauer Berg, draußen natürlich - an den kleinen französischen Tischchen, die an Paris erinnern sollen, an Südfrankreich und Italien. Bei Kälte und Nieselregen helfen Heizsonde und Decke, das mediterrane Lebensgefühl zu stützen.

Vor ihnen türmen sich Berge von Brunch und Lunch. Was genau, weiß man nie so exakt, denn hier gehen die Tageszeiten unmerklich ineinander über. Eigentlich wird die ganze Woche durchgebruncht, und selbst am Abend hört es nicht auf. Man könnte glatt die Nacht durchbrunchen.

Die sagenhafte Kunde vom Dauerbrunch im Prenzlberg hat längst schon die internationale Straßenmusikantenszene erreicht, und so defilieren die Trompeter und Quetschkommodenquäler, die Klarinettisten und Saxofonisten, die Gitarristen und Flötisten ab dem späten Mittag durchs Revier.

Manchmal kommen sie sich dabei akustisch gegenseitig ins Gehege, und so entsteht zuweilen eine absurde Kakophonie. Ganze Combos marschieren trompetend durch die Straßen, darunter nicht selten zehn-, zwölfjährige Steppkes.

"Das ist der Musikstrich der Roma und Sinti", kommentiert ein Fernsehschauspieler trocken.

Der neueste Trend: Solokünstler, deren Instrumente nicht ganz so durchschlagend wirken, bringen ihren Verstärker gleich mit und plazieren sich schon mal mitten auf dem Kinderspielplatz oder unter den Balkonen der angrenzenden Mietshäuser. Auch nach 23 Uhr findet sich immer noch ein einsamer Wanderkünstler, der ganz autonom die Nachbarschaft beschallt.

Diese brutale Fastenzeit zwischen den Kneipen

In der Zwischenzeit hat sich freilich auch der Geräuschpegel der Draußensitzer deutlich erhöht, und jedes zusätzliche alkoholische Getränk verstärkt die Lachsalven schwäbischer Touristinnen, die zu Hause die Polizei rufen würden, wenn sich auch nur ein einziger Maulwurf schmatzend durch den perfekt gerupften Vorgarten graben würde.

Aber klar: Tagsüber mussten sie auf wackeligen Leihfahrrädern das anstrengende Programm "Berlin on Bike" abstrampeln. Da darf man nachts schon mal die Sau rauslassen.

Das muss man den englischen Jugendlichen gar nicht erst sagen, die bis weit nach Mitternacht zu Hundertenrund um den Hackeschen Markt marschieren. Wichtigstes Utensil ist hier nicht wie sonst der Stadtplan oder die Digicam, sondern die halbvolle Bierflasche. Ihr Inhalt muss die brutale Fastenzeit zwischen zwei Kneipen überbrücken, bevor die Glasflasche ordnungsgemäß an der Bordsteinkante zerschellt.

"Pub crawls" nennt man diese modernen Kreuzzüge mit Frühbucherrabatt, an deren heiligen Stätten nicht gebetet, sondern getrunken wird, bis der Arzt kommt. Oder die Polizei, die die Nachbarn gerufen haben - reaktionäre Spießer und ignorante Spaßbremsen also, die auf ihrer Nachtruhe wenigstens von Mitternacht bis 6 Uhr bestehen.

Da aber müssen sie die Wandlung Berlins zum Mallorca des Ostens verschlafen haben. Und nicht nur sie.

Wenn im kommenden Herbst die großen Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls beginnen, werden die Blicke zurückgehen in jene Zeit, da sich der Osten Berlins noch Grau in Grau präsentierte, die Oranienburger Straße eine trostlose Ruinenlandschaft war und der Hackesche Markt eine urbane Wüstenei.

Dann kam die Freiheit so plötzlich wie unverhofft und mit ihr die Euphorie des Neuanfangs. "Wahnsinn" wurde zum Wort des Augenblicks, und Freiheit war mehr als ein Begriff aus dem Sozialkundeunterricht.

Als im Frühjahr 1999 die Bundesregierung ihren Sitz in die offizielle Hauptstadt verlegte, war Berlin, ewige Stadt des Werdens, immer noch im Umbruch. Man raunte von der neuen Kunstszene, forschte abends nach der Subkultur und zog sich die riesige Love Parade durch den Tiergarten rein, auch wenn sie bereits zum TV-kompatiblen Massenspektakel avanciert war.

Immerhin: Es vibrierte noch was. Der Sound von Berlin war mehr als ein Mythos des Berliner Tourismus-Marketings.

Erbitterter Streit in Kreuzberg

Im Sommer 2009, weitere zehn Jahre später, sieht die Diagnose etwas anders aus. Weite Teile im Osten Berlins, vor allem Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, sind zum täglichen Rummelplatz mutiert. Mehr als ein Hauch von Ballermann 6: Das ist Malle in Mitte, Ibiza an der Spree. Fehlt nur noch der Sangria-Eimer mit den bunten Riesenstrohhalmen und der Miss-Wet-T-Shirt-Contest.

20 Jahre nach dem Mauerfall ist Berlin weniger soziales Laboratorium als bierseliges Touristenparadies.

Die Oranienburger Straße beherbergt inzwischen nicht nur einen klassischen und fast schon weltberühmten Straßenstrich, hochhackig und eng geschnürt - sie ist auch ein ausufernder Touristenstrich geworden, den Einheimische und ortskundige Szenegänger systematisch meiden. Dasselbe gilt für den Hackeschen Markt und die gleichnamigen Höfe, die nahezu komplett von der Tourismusindustrie annektiert worden sind. Den Rest erledigen Trommler, Trompeter und Feuerschlucker.

Auch in den umgebenden Straßen haben sich Schnellrestaurants und Klamotten-Labels für den Touri-Bedarf breit gemacht. Das letzte große Traditionslokal der Nachwendezeit, das "Schwarzenraben", hat vor Jahresfrist kapituliert. Selbst in den noch existierenden Restaurants mit Qualitätsanspruch taucht immer häufiger und gerne scharenweise jener Touristen-Typus auf, dem Cola und Pizza schon der Himmel auf Erden sind.

Selbst im erztoleranten, Multikulti-gestählten Kreuzberg tobt ein erbitterter Streit zwischen Nachbarn und Vergnügungssüchtigen aus aller Welt, die sich die idyllisch gelegene und verkehrsberuhigte Admiralbrücke über dem Landwehrkanal als Dauer-Partyzone ausgesucht haben. Bis zum frühen Morgen feiern hier Hunderte von Nachtschwärmern lautstark bei Bier und Musik.

Wie flächendeckend das Phänomen ist, zeigt sich auch am Kurfürstendamm nahe Kranzler-Eck, wo ebenfalls veritable Miniorchester lautstark übers Trottoir paradieren, als habe Dieter Bohlen zum Open-Air-Casting "Deutschland sucht den Superlärmi" gerufen.

Die Stadt unterminiert ihre eigenen Werbebotschaften

Gewiss: All dies markiert auch einen märchenhaften ökonomischen Erfolg, der gerade in Krisenzeiten willkommen ist. Die glatte Verdoppelung der Touristenzahlen seit 1999 auf jetzt fast acht Millionen Gäste und 18 Millionen Übernachtungen jährlich katapultiert Berlin auf Platz drei der europäischen Metropolen. Nur London und Paris ziehen noch mehr Besucher an. Wenn das kein "Weltniveau" (Erich Honecker) ist.

Natürlich ist es ebenfalls ein zutiefst begrüßenswerter Umstand, dass am Brandenburger Tor keine SA- und Nazi-Truppen mehr marschieren oder Grenzsoldaten der DDR mit Schießbefehl die sozialistische Wacht an der Mauer halten, sondern Jugendliche aus aller Welt ihre Muffins und Bagels mampfen, während sie der peruanischen Panflötencombo zuhören, die den gesamten Pariser Platz beschallt.

Aber hier beginnt eben auch das Problem. Es ist der Preis, der offenbar für diesen Fortschritt gezahlt werden muss: Der Zauber des Ortes wird geflutet und zugedröhnt, abgefüllt und voll gestopft. Adieu Erinnerung, Wehmut und Transzendenz - willkommen Remmidemmi!

Gerade der architektonisch wieder vollendete Pariser Platz ist zum Tummelplatz des globalen Lärmterrorismus geworden, der mit Musik nichts mehr zu tun hat. Jede Dorfkirmes hat mehr Charme als dieses besinnungslose Gedröhn und Geplärre rund um die Uhr.

Dabei geht es gewiss nicht um den Untergang des Abendlandes, aber um das Ende einer Ära, in der die jüngste Geschichte die Gegenwart noch unmittelbar herausforderte, formte und veränderte. Nun ist sie beinahe zur perfekt konsumierbaren Kulisse geworden.

Nicht zuletzt die famose PR-Kampagne "Be Berlin/Sei Berlin!" will aus diesem lebendigen Prozess der Veränderung Berlins seit dem Mauerfall einen Verkaufsschlager machen, marxistisch gesprochen: attraktive Ware, schön abgepackt und exportierbar in alle Welt.

Derart aber wird auf Dauer gerade jener Mythos des Brüchigen und Spannungsvollen unterminiert, der zum globalen Verkaufsargument geworden ist.

Ähnlich wie an den ehemaligen Traumstränden von Bali und Thailand, in einstigen Fischerdörfern oder pittoresken mittelalterlichen Stadtzentren vollzieht sich nun ein ästhetischer Ausbeutungsprozess, der aus dem Flair des Ortes die lukrativen Ameisenstraßen des Massentourismus baut. So ähnelt etwa die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain mehr und mehr der weinseligen Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein.

Gerade für Berlin gilt: Außer den Top-Sehenswürdigkeiten wie Brandenburger Tor und Museumsinsel soll die berüchtigte "Kiezkultur" zum Kapital gemacht werden, mit dem man weltweit hausieren geht. Inzwischen aber ergreifen einige von denen, die für diese kreative Kultur stehen, schon die Flucht vor dem Ansturm der erlebnishungrigen Massen.

Die erfolgreiche Hutmacherin Fiona Bennett zum Beispiel, zu deren Kunden auch Brad Pitt, Christina Aguilera und Katie Holmes gehören. Ende Juli will sie nach zehn Jahren ihren Laden in Mitte (Große Hamburger Straße) schließen. Ihr reicht es, auch wenn New Yorker Freunde, die gerade zu Besuch sind, Berlin "faszinierend" finden. "Ich strecke jetzt meine Fühler ins Ausland aus", sagt die gebürtige Engländerin.

Dieses Motto hat sie Johann Wolfgang von Goethe entlehnt: "Wer sich den Gesetzen nicht fügen will, muss die Gegend verlassen, in der sie gelten."

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