Dauerparty-Zone Berlin Ballermann an der Spree

Die deutsche Hauptstadt verkommt zum Tummelplatz des Party-Pöbels, zum Mallorca des Ostens. Der Charme der Metropole geht dabei verloren, klagt SPIEGEL-ONLINE-Autor Reinhard Mohr - sogar die lärmtolerante kreative Bohème bläst bereits zur Flucht vor den Partytouristen.


Irgendjemand muss den Leuten vor Jahren eingeflüstert haben, dass Draußensitzen die einzig coole Existenzform des Cafégängers ist, ja der eigentliche Sinn und Lebenszweck des modernen Menschen.

So sitzen sie auch an diesem eher schaurigen Julitag mit ihrem "Latte" rund um den Kollwitzplatz im Berliner Viertel Prenzlauer Berg, draußen natürlich - an den kleinen französischen Tischchen, die an Paris erinnern sollen, an Südfrankreich und Italien. Bei Kälte und Nieselregen helfen Heizsonde und Decke, das mediterrane Lebensgefühl zu stützen.

Vor ihnen türmen sich Berge von Brunch und Lunch. Was genau, weiß man nie so exakt, denn hier gehen die Tageszeiten unmerklich ineinander über. Eigentlich wird die ganze Woche durchgebruncht, und selbst am Abend hört es nicht auf. Man könnte glatt die Nacht durchbrunchen.

Die sagenhafte Kunde vom Dauerbrunch im Prenzlberg hat längst schon die internationale Straßenmusikantenszene erreicht, und so defilieren die Trompeter und Quetschkommodenquäler, die Klarinettisten und Saxofonisten, die Gitarristen und Flötisten ab dem späten Mittag durchs Revier.

Manchmal kommen sie sich dabei akustisch gegenseitig ins Gehege, und so entsteht zuweilen eine absurde Kakophonie. Ganze Combos marschieren trompetend durch die Straßen, darunter nicht selten zehn-, zwölfjährige Steppkes.

"Das ist der Musikstrich der Roma und Sinti", kommentiert ein Fernsehschauspieler trocken.

Der neueste Trend: Solokünstler, deren Instrumente nicht ganz so durchschlagend wirken, bringen ihren Verstärker gleich mit und plazieren sich schon mal mitten auf dem Kinderspielplatz oder unter den Balkonen der angrenzenden Mietshäuser. Auch nach 23 Uhr findet sich immer noch ein einsamer Wanderkünstler, der ganz autonom die Nachbarschaft beschallt.

Diese brutale Fastenzeit zwischen den Kneipen

In der Zwischenzeit hat sich freilich auch der Geräuschpegel der Draußensitzer deutlich erhöht, und jedes zusätzliche alkoholische Getränk verstärkt die Lachsalven schwäbischer Touristinnen, die zu Hause die Polizei rufen würden, wenn sich auch nur ein einziger Maulwurf schmatzend durch den perfekt gerupften Vorgarten graben würde.

Aber klar: Tagsüber mussten sie auf wackeligen Leihfahrrädern das anstrengende Programm "Berlin on Bike" abstrampeln. Da darf man nachts schon mal die Sau rauslassen.

Das muss man den englischen Jugendlichen gar nicht erst sagen, die bis weit nach Mitternacht zu Hundertenrund um den Hackeschen Markt marschieren. Wichtigstes Utensil ist hier nicht wie sonst der Stadtplan oder die Digicam, sondern die halbvolle Bierflasche. Ihr Inhalt muss die brutale Fastenzeit zwischen zwei Kneipen überbrücken, bevor die Glasflasche ordnungsgemäß an der Bordsteinkante zerschellt.

"Pub crawls" nennt man diese modernen Kreuzzüge mit Frühbucherrabatt, an deren heiligen Stätten nicht gebetet, sondern getrunken wird, bis der Arzt kommt. Oder die Polizei, die die Nachbarn gerufen haben - reaktionäre Spießer und ignorante Spaßbremsen also, die auf ihrer Nachtruhe wenigstens von Mitternacht bis 6 Uhr bestehen.

Da aber müssen sie die Wandlung Berlins zum Mallorca des Ostens verschlafen haben. Und nicht nur sie.

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Wenn im kommenden Herbst die großen Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls beginnen, werden die Blicke zurückgehen in jene Zeit, da sich der Osten Berlins noch Grau in Grau präsentierte, die Oranienburger Straße eine trostlose Ruinenlandschaft war und der Hackesche Markt eine urbane Wüstenei.

Dann kam die Freiheit so plötzlich wie unverhofft und mit ihr die Euphorie des Neuanfangs. "Wahnsinn" wurde zum Wort des Augenblicks, und Freiheit war mehr als ein Begriff aus dem Sozialkundeunterricht.

Als im Frühjahr 1999 die Bundesregierung ihren Sitz in die offizielle Hauptstadt verlegte, war Berlin, ewige Stadt des Werdens, immer noch im Umbruch. Man raunte von der neuen Kunstszene, forschte abends nach der Subkultur und zog sich die riesige Love Parade durch den Tiergarten rein, auch wenn sie bereits zum TV-kompatiblen Massenspektakel avanciert war.

Immerhin: Es vibrierte noch was. Der Sound von Berlin war mehr als ein Mythos des Berliner Tourismus-Marketings.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
Betonia, 16.07.2009
1. ***
Es kommen Touristen nach Berlin und lassen ihr Geld hier und dann ist das auch nicht in Ordnung? Und wer dem Speisenangebot im Ausland nicht traut und sich kostengünstig verpflegen möchte, der bestellt eben Pizza. Sollen etwa nur noch angegraute flüsternde und abstinente Museumstouristen nach Berlin kommen?
Karapana 16.07.2009
2. naja
da hat sich aber jemand in Fahrt geschrieben. Ganz so schlimm wie es hier rüberkommt ist es wohl nicht. Ich würde mal sagen Berlin ist eine ziemlich normale Stadt und Touris sind eben Touris.
turbopalco 16.07.2009
3. ...
und was schlägt der werte autor vor? touristen abschaffen? straßenmusikanten einsperren? damit man in feierlicher stille die erhabenheit des pariser platzes genießen kann? da scheint weniger berlin von der entwicklung überrollt worden zu sein, als vielmehr der autor. ich wohne selber seit vielen jahren in einem der von ihnen genannten kieze und genieße die musik, die (internationale) fröhlichkeit und die unbeschwertheit. also lieber autor, etwas weniger griesgrämig und genießen sie die lebendigkeit der berliner straßen (oder ziehen sie nach reinickendorf, da findet sich bestimmt die ein oder andere omma zum gemeinsamen jammern).
Ein netter Netter 16.07.2009
4. die Lärmtolerante, kreative Boheme
"die Lärmtolerante, kreative Boheme"...ich finde es ehrlich gesagt gar nicht so schlecht, wenn mal die Toleranzgrenzen dieser unsäglichen Mitte-Hipster ausgetestet werden. Die sind nämlich gar nicht so tolerant wie sie immer tun, sondern nur verkappte Spiesser. Sonst würden sie nicht alle gleich rumlaufen und die gleichen vorgefertigten Sätze und Denkweisen mit sich rumtragen.
tgrob 16.07.2009
5. Hamburg Reeperbahn
In Hamburg das selbe Bild: "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" kommen 16-19 jährige im Vollsuff entgegen, gefolgt von kichernden Kegelclub aus NRW ("Rita, schau mal ein Dildo!"), stark Übergewichtige in der Polyester-Abendgaderobe (Frau) oder legere das bunt karierte Hemd aus der Hose mit versteckter Plauze (Mann) aus Schwaben, die x-millionste Bauchladengruppe zum Junggesellenabschied , auch hier alle im Vollsuff. Wie schön war die Zeit, als St. Pauli noch verrucht war und man in seine Clubs ging. Inzwischen ist es ein Ballermann auf der Strasse. Um 3h früh springt man über Scherben (soll ja jetzt ein Ende haben) und minderjährige Jugendliche schlafen in irgendeiner Ecke den Rausch aus, während die Polizei eine Massenschlägerei kontrollieren muss. Da weicht der Hamburger schon gerne auf neue Örtlichkeiten aus.
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