Daumenkino Die Bilder lernen wieder laufen

Ein Leipziger Brüderpaar setzt alles daran, den Mythos der bewegten Mini-Bilderbücher wieder aufleben zu lassen. Mit einem bunt gemischten Sortiment aus Raritäten, Blödeleien und zeitgeschichtlichen Titeln wollen die Jungverleger der Urform des Kinos zu neuer Popularität verhelfen. SPIEGEL ONLINE zeigt ein paar Kostproben.

Von Nicole Adolph


Michael und Holger Schack
SCHACKS

Michael und Holger Schack

Die Kinoindustrie boomt - doch die Urform des Films ist mittlerweile weitgehend in Vergessenheit geraten: das Daumenkino. Michael und Holger Schack wollen die Erfolgsgeschichte fortschreiben, deren Grundstein das Berliner Brüderpaar Max und Emil Skladanowsky im Jahr 1890 gelegt hat.

Die beiden Künstler haben damals das Bioskop erfunden, ein Gerät zur Filmprojektion, das Bilder zunächst eher stolpern als laufen ließ. Im Berliner Wintergarten, einem zu dieser Zeit berühmten Variété-Theater, führten sie ihre "lebenden Bilder", hauptsächlich abgefilmte Jahrmarkt-Attraktionen und Straßenszenen, vor.

Zu dieser Zeit wurde das Vorführen von Filmen in mehreren Ländern - darunter Italien, Frankreich und Großbritannien - fast synchron erfunden. Den Durchbruch schafften schließlich die französischen Brüder Lumière. Als Geburtsstunde des Kinos gilt der 28. Dezember 1895, als die Söhne eines Foto-Fabrikanten aus Lyon im Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris mit ihrem Kinematographen die erste Vorführung vor zahlendem Publikum gaben.

Daumenkino "Froschkönig"
SCHACKS

Daumenkino "Froschkönig"

Den Skladanowskys blieb es verwehrt, als Schöpfer des Kinos in die Geschichte einzugehen - sie spezialisierten sich stattdessen auf ihre Daumenkinos. Die Bilderbücher gehörten bis in die zwanziger Jahre zu den Lieblings-Spaßartikeln auf Jahrmärkten. Das beliebteste Motiv war damals der Kampf eines Boxers gegen ein Känguruh - der Boxer verlor.

Das historische Boxer-Daumenkino haben die Brüder Schack zwar nicht in ihrem Sortiment. Dafür haben sie ein bunt gemischtes Angebot an Mini-Büchlein, die man seit zwei Wochen auch als Animationen im Internet anschauen kann. Da gibt es Titel über die Liebe, Sternzeichen und Sportarten wie Fußball, Skateboard und Tennis. Auch Außerirdische, Weihnachten, Morgenmuffel und Froschkönige rufen auf jeweils etwa 60 Seiten die Illusion von fließender Bewegung hervor. Daneben kann man sich in etwa acht Sekunden durch Daumenkinos zum Thema Menschenrechte und zu Christos Reichstags-Verhüllung blättern.

Zwölf der derzeit 80 Titel in ihrem Daumenkino-Sortiment haben die Schacks von eigenen Autoren produzieren lassen, die restlichen Geschichten kaufen sie aus aller Welt zusammen - von Italien bis in die USA. Bis Anfang nächsten Jahres wollen die Jung-Verleger ihr Angebot auf etwa 200 Titel ausweiten. Neben Sammlerserien aus den USA, Kanada und Italien ist eine Daumenkino-Serie mit Ausschnitten aus dem neuen Werner-Film "Volles Roää" geplant.

Um 1890: Max Skladanowsky führt eines seiner Abblätterbücher dem staunenden Publikum vor
SCHACKS

Um 1890: Max Skladanowsky führt eines seiner Abblätterbücher dem staunenden Publikum vor

"Wir wollen den Mythos Daumenkino unbedingt wiederbeleben", sagt Holger Schack, der selbst leidenschaftlicher Sammler ist und seine bewegten Bilderbücher schon bis nach China liefert. Am Erfolg des Projekts zweifelt Schack keine Sekunde: "Ich glaube, dass es eine Art Retrotendenz gibt, bei der sich die Leute auf das Kleine, Feine und Niedliche zurückbesinnen."



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