Wowereits Flughafen-Debakel: Liebe Berliner, baut lieber Luftschlösser

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Warum wirft Berlin vier Milliarden für einen Großflughafen raus, wenn vier Minuten eines neuen David-Bowie-Songs viel mehr bringen? Pläne, eine Weltmetropole zu bauen, sind hier oft gescheitert. Als Baugrund für Luftschlösser und Landebahn für Träume ist die Stadt dagegen ungeschlagen.

David Bowie und Berlin: Stadt der Helden Fotos
Corbis

Ein Bau in Rekordzeit - und das in Berlin: Es dauert nur vier Minuten, dann ist er fertig, der Palast der Erinnerung, den David Bowie errichtet in "Where Are We Now", seinem ersten neuen Song seit zehn Jahren. Vom legendären New-Wave-Club Dschungel singt er, von der Nürnberger Straße, von seiner West-Berliner Zeit im Schöneberg der späten Siebziger, in der er die Alben "Low", "Heroes" und "Lodger" aufnahm. Die Plätze im Song sind real. Und doch geht es Bowie nicht darum, die Stadt von damals und heute nüchtern zu kartografieren. Er beschreibt Sehnsuchtsorte.

Es hätte ihn nie nach Berlin verschlagen, wäre die Westhälfte der Stadt in den Jahren der Teilung nicht ein einziger Sehnsuchtsort gewesen, eine Projektionsfläche, deren Brachen sich mit Luftschlössern jeder gewünschten Größe bebauen ließen. Und Discotheken wie der Dschungel waren im Pop, dieser Ersatzreligion für Vorstadtjugendliche, schon immer die Plätze, in denen abendliche Hirngespinste Gestalt anzunehmen schienen, als befände man sich geradewegs auf dem Weg ins biblische Emmaus.

David Bowie - Where Are We Now?
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Wie dem Engländer Bowie erging es damals Zehntausenden westdeutschen Jugendlichen, die sich in Kreuzberg und Schöneberg in Wolkenkuckucksheimen verloren. Nach dem Ende der Teilung erweiterte sich die Fläche bis hinters Ostkreuz, dank der Billigflüge von Easyjet wurde Berlin zum Sehnsuchtsort für ganz Europa. Heute scherzt man im Berghain, dem Club, der es an Bedeutung mit dem früheren Dschungel aufnehmen kann: "Tausche fünf Spanier gegen einen Joint". Und Traditionalisten wie Wolfgang Thierse müssen sich darauf einstellen, dass sie beim Bäcker statt der bevorzugten Schrippen nicht einmal mehr schwäbische Wecken, sondern Bocadillos angeboten bekommen.

Aber läge Thierses Heimatkiez in einer normalen Stadt, hätten die vielen Neu-Berliner auch in Biberach oder in Bilbao bleiben können. Zumal Berlin nicht einmal schön ist wie Rom oder Paris, sondern, wie es der große West-Berliner Feuilletonist Wolf Jobst Siedler ausgedrückt hat, "zu den hässlichsten Hauptstädten Europas gehört". So eine Ernüchterung angesichts realer Gegebenheiten erlebt man an vielen Sehnsuchtsorten: Auch die USA, lange Zeit das Traum- und Einwanderungsland schlechthin, irritieren Neuankömmlinge immer wieder dadurch, dass das Land vielerorts wirkt wie ein heruntergekommener Ostblockstaat.

Symbolträchtiger Einsturz

Pop- und Jugendkultur sind nur die Avantgarde der gesellschaftlichen Entwicklung. Spätestens seit Berlin im Jahr 1999 Sitz des Bundestags wurde, haben auch die Verwalter der bezifferbaren politischen Utopien die Stadt für sich entdeckt. Die Schlösser der Bundes- und Landespolitiker werden jedoch nicht aus Luft, sondern aus Beton gebaut: Kanzleramt, Hauptbahnhof, neue Ministerien, Botschaften und sogar eine Stummel-U-Bahn sind entstanden, angetrieben von dem Wunsch, den Traum von der Weltmetropole in Stein zu fassen.

Doch bisher ist dieser Traum noch immer geplatzt. Die Nazis phantasierten von Berlin als "Germania" und hegten gigantische Umbaupläne. Die SED ließ "Hauptstadt der Republik" auf Verkehrsschilder schreiben, betonierte den Alexanderplatz und errichtete einen - längst wieder abgerissenen - Palast. Die Alliierten spendierten im Westen symbolträchtig eine Kongresshalle, die - ebenso symbolträchtig - 1980 einstürzte.

Fast scheint es, als ob auf dem märkischen Sandboden, auf dem die Stadt gebaut wurde, nur Luftschlösser dauerhaft stehen bleiben. Die riesige Attrappe, die 1993 für einen Wiederaufbau des Stadtschlosses warb, wäre also ein viel passenderes Sinnbild gewesen für das Ewig-Provisorische, das Berlin auszeichnet. Stattdessen unternimmt der Bund nun den Versuch, mit Francesco Stellas Humboldtforum neopreußische Größe zu suggerieren.

Was soll dieser Rückgriff auf die Repräsentationsarchitektur vordemokratischer Zeiten und damit ihre Heroen? Wenn es Berliner Helden gibt, die der Welt kein Leid gebracht haben, dann doch solche wie in David Bowies Hit "Heroes": "Ich - ich glaub' das zu träumen", singt er in der deutschsprachigen Version. Und wenn die Stadt Berlin, in der man manchmal glaubt, dass kaum jemand einem handfesten Broterwerb nachgeht, irgendwie funktioniert, dann doch nur als Landeplatz für Träume.

Eines Großbaus wie dem Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld, der sich zum mehrere Milliarden teuren Debakel ausgewachsen hat, hätte es dafür nicht bedurft.

Schließlich ist Berlin berühmt für Schöneberg - und nun verrufen für Schönefeld.

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