Tod von Fotograf David Hamilton Der alte Mann und die Mädchen

Kitschige Bilder junger Mädchen machten ihn weltberühmt. Im letzten Monat erhoben nun einige seiner Modelle Vergewaltigungsvorwürfe gegen David Hamilton. Nun ist der Brite tot.

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Scheue Augen, die verschämt in die Kamera schauen, dazu Weichzeichner und Naturlicht, so präsentierte David Hamilton seine Modelle der Welt - und mit ihnen sein weibliches Ideal. "Nymphen" nannte er sie, Vladimir Nabokov hätte wohl "Lolitas" gesagt.

Junge Mädchen, gerade in die Pubertät gekommen, waren ihm am liebsten vor der Kamera. Blonde und rothaarige, die in seinen Augen am besten zu seiner Pastellfotografie passten. In den Siebzigerjahren wurde David Hamilton mit diesen Bildern berühmt, die mit ihrer Softporno-Optik während der sexuellen Revolution niemanden so recht verschrecken wollten.

Später, um den Jahrtausendwechsel, häuften sich die Stimmen, die Hamilton nicht mehr nur Kitsch und Geschmacklosigkeit vorwarfen, sondern latente Pädophilie. Man könne ihn sicherlich als "schmutzigen alten Mann" bezeichnen, schrieb Sarah Boxer 1998 in der "New York Times". Sein Film "Age of Innocence" sei voll von Mädchen, die sich verträumt Finger in ihre Münder oder in ihre Höschen steckten. "Alle wirken willig und beinahe alle haben exakt die gleichen kleinen Brüste."

"Ganz einfach unanständig"

Immer genauer wurden die Werke des Briten analysiert. Die Halbnacktaufnahmen junger Mädchen, weltweit millionenfach in Buchform verkauft. Seine Filme, allen voran "Bilitis", in dem er 1977 in bewegten Bildern seine "Lolita"-Ästhetik auf die Leinwand brachte.

Im Juli 2005 wurden im Rahmen einer Durchsuchung auch Hamiltons Bilder im Besitz eines Pädophilen entdeckt. Die Bilder Hamiltons seien "ganz einfach unanständig", urteilte ein britischer Staatsanwalt. Die Inhalte könne man nicht als Kunst beschreiben; sie seien klar sexueller Natur.

"Meine Arbeit hat nichts mit der Vulgarität unserer derzeitigen Epoche zu tun", verteidigte sich Hamilton 2015 in einem Interview mit dem Promimagazin "Gala". Danach wurde es still um den Briten, der den größten Teil seines Lebens in Frankreich verbracht hatte. Bis er vorletzte Woche auf einmal wieder im Rampenlicht stand - als das Buch "La consolation" erschien.

Medienlynchmobs und Medikamente

In dem Band beschreibt die französische Moderatorin Flavie Flament, wie sie als 13-Jährige am Rande eines Foto-Shootings von einem Fotografen vergewaltigt wurde. Einem internationalen Fotografen.

BUCHCOVER: La Consolation/ Flavie Flamant
JC Lattès

BUCHCOVER: La Consolation/ Flavie Flamant

Auch drei weitere Frauen meldeten sich, die nach eigenen Aussagen ebenfalls von dem Fotografen missbraucht wurden. In einer Talkshow sagte die heute 42-Jährige, dass es sich bei dem Täter um Hamilton gehandelt habe. Sie habe seinen Namen nicht genannt, aus Angst, verklagt zu werden. Doch das Bild, das Hamilton damals von ihr aufgenommen hatte, prangt auf dem Umschlag von "La Consolation".

Hamilton bestätigte zwar, dass er Flament fotografiert habe, er habe sich jedoch nichts Anstößiges zuschulden kommen lassen. "Es ist klar, dass die Anstifterin des Medienlynchmobs auf der Suche nach ihren 15 Minuten Ruhm ist, indem sie mich in ihrem Roman diffamiert", sagte Hamilton. Er werde rechtlich gegen Flament vorgehen.

"Er ließ der Justiz keine Zeit"

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Nach Angaben des Rettungsdienstes wurde die Feuerwehr gestern Abend um 20:30 Uhr zu Hamiltons Wohnung in Paris gerufen. Der Fotograf hatte einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Eine Stunde später sei er für tot erklärt worden, in der Nähe seiner Leiche habe man Medikamente entdeckt.

Ein schwerer Schlag für Flavie Flament. Nach den Angaben ihrer Herausgeberin Karina Hocine waren die Taten im Falle Flaments zwar verjährt, bei anderen Opfern aber noch nicht. Nach dem französischen Gesetz beträgt die Verjährungsfrist bei minderjährigen Vergewaltigungsopfern 20 Jahre nach Erreichen der Volljährigkeit. Am Dienstag teilte die französische Ministerin für Frauenrechte, Laurence Rossignol, mit, dass sie Flavie Flament beauftragt hat, sich gemeinsam mit einem Strafrechtsexperten mit dieser Frage zu befassen.

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Tod von David Hamilton: Weichzeichner der jungen Mädchen

"Man sagte uns, es sei ein Suizid gewesen", so Hocine. "Natürlich sind wir hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Empörung, weil er der Justiz keine Zeit ließ, ihre Arbeit zu tun". Flament selbst sagte, das Entsetzen über diese Neuigkeit könne niemals die Qualen der schlaflosen Nächte der Opfer auslöschen.

cnn/AFP/AP/dpa



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