DDR-Ausstellung Mit denen war kein Staat zu machen

Bilder und Stürmer: Eine Berliner Ausstellung zeigt Fotos und Filme von Künstlern, die in der DDR lebten und arbeiteten - nicht als brave Staatsbürger, sondern als Kreative mit militanter Dennoch-Haltung.


"Die Übergangsgesellschaft" heißt eine Komödie von Volker Braun, die gar nicht komisch ist. Schon 1982 hat Braun sie geschrieben, in der DDR, und sein Stück handelt von Stagnation und Agonie im Land des "real existierenden Sozialismus", für das keine gesellschaftliche Utopie mehr in Planung war.

Damals hat Braun noch nichts vom Untergang dieses Staates 1989/90 wissen können, aber er hat im voraus schon so genau die Stimmung der Vorwendezeit beschrieben, dass die Kuratoren Matthias Flügge und Thomas Heise den Titel für ihre Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste bei ihm entliehen: "Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980-1990".

Fotografien und Filmmaterial zeigt die Ausstellung, von Künstlern, die in der DDR lebten und arbeiteten: Kurt Buchwald, Ulrich Burchert, Christiane Eisler, Angela Fensch, Arno Fischer, Thomas Florschuetz, Frank Gaudlitz, Thomas Heise, Matthias Leupold, Sven Marquardt, Roger Melis, Dietrich Oltmanns, Helga Paris, Rudolf Schäfer, Erasmus Schröter, Gundula Schulze-Eldowy, Maria Sewcz, Karin Wieckhorst und Ulrich Wüst.

In deren Bildern, so Flügge, gehe es "um die Inkubationszeit der Wende in den Köpfen dieser Menschen. Um ihre Selbstbehauptung, Resignation, Lebensumstände, Freiheiten und Zwänge, um Szenen und Porträts aus einem Land, das nicht mehr existiert aber keinesfalls verschwunden ist".

Also keine Bilder vom Mauerfall, von Demonstrationen oder vom katastrophalen Zustand des Landes, sondern Fotografien, die das Klima in der kreativen Szene wiedergeben, das aus Melancholie, Trotz, einer oft militanten Dennoch-Haltung, Mut und Fatalismus gleichermaßen bestand - Voraussetzungen für den späteren Aufbruch.

Natürlich gab es keine Aufträge für die Fotografen in der DDR, sie wählten ihre Themen und Aufgaben selber. Sie dokumentierten oft den Alltag, den eigenen und den von Menschen in ihrer Umgebung, sie zeigten die Erkenntnis der eigenen Situation und die Reaktionen darauf, zum Beispiel ein aufkommendes Gemeinsamkeitsgefühl unter Gleichgesinnten und die Entwicklung einer solidarischen Haltung untereinander, die später zur Revolte führte.

Ulrich Wüst hat 1986/87 seine Besucher und Gäste fotografiert, alle schauen in die Kamera. Thomas Florschuetz und Helga Paris zeigen Porträts von Freunden und Bekannten - nicht alle der Fotografierten waren wirklich Freunde, Sascha Anderson zum Beispiel, der Stasi-Spitzel, ist gleich mehrmals zu sehen.

Viele der Bilder kennt man nicht, wie das Fotoprotokoll der Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst mit 54 Aufnahmen von Klaus Hähner-Springmühl, einem "einflussreichen Bohemien und Künstler der unabhängigen DDR-Szene" in seiner Wohnung in Karl-Marx-Stadt. Oder die Fotos des Dichters Wolfgang Hilbig, den Dietrich Oltmanns 1983 in dessen Heimatort Meuselwitz und der vom Kohlebergbau völlig verwüsteten Umgebung fotografiert hat.

Überraschend ist die kleine Bildserie "Im Kino" von Matthias Leupold, die er 1983 mit Freunden inszeniert hat. Inmitten eines unbeteiligten Publikums steht ein Mann, der zuerst mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt, auf dem zweiten Bild mit weit aufgerissenem Mund in den Raum schreit und sich auf dem dritten Foto eine Pistole an die Schläfe hält. Hier hat einer nicht mehr mitgemacht.

Zu den Unangepassten zählten auch die Punks in den Serien von Christiane Eisler (1982-1986) oder die erotisch posierenden Personen auf den Bilder von Sven Marquardt, der heute als Türsteher im Berliner Szeneclub "Berghain" arbeitet.

Bilder aus der Arbeitswelt sind zu sehen, (von Roger Melis und Frank Gaudlitz), Arno Fischer hat "Passanten unter den Linden am 2. Oktober 1990" fotografiert, Rudolf Schäfer zeigt innerhalb seiner Serie "Reproduktion" von 1983 auch berührende Porträts toter Menschen, und zu den Bildern von Gundula Schulze-Eldowy (von 1982) sind ihre Interviews mit Menschen auf der Straße zu hören.

Im letzten Raum hat der Dokumentarfilmregisseur Thomas Heise eine Installation mit Fotos und Filmsequenzen aufgebaut - von einer Lesung mit Heiner Müller und dem zuhörenden Ulrich Mühe bis zur die Vopo-Bewerbung (1985) von verblendeten Jungendlichen.

So wie in dieser Ausstellung sieht man die DDR nicht oft.

Hier ist nicht der offizielle Staatsbürger zu sehen, sondern Menschen, die mit ihrem Staatssystem nicht mehr einverstanden waren, die sich innerlich lossagten - und das sowohl als Autoren subjektiver Bilder als auch als Porträtierte zum Ausdruck brachten.


Ausstellung "Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980-1990". Berlin. Akademie der Künste, Pariser Platz. Bis 11. Oktober.

Mit Begleitprogramm: z.B. am 14. Juli, 20 Uhr, Gespräch mit Marcel Beyer, Katja Lange-Müller und Thomas Rosenlöcher über "Die Nacht, in der die Mauer fiel".



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
jothaka 14.07.2009
1. Bitte mal korrigieren.
Im letzten Raum hat der Dokumentarfilmregisseur Thomas Heise eine Installation mit Fotos und Filmsequenzen aufgebaut - von einer Lesung mit Heiner Müller und dem zuhörenden Ulrich Mühe bis zur die Vopo-Bewerbung (1985) von verblendeten Jungendlichen.
saul7 25.07.2009
2. Durchaus sinnvoll
Halte eine solche Ausstellung für sinnvoll, da sie einen nicht unwesentlichen Aspekt der deutschen Vergangenheit widerzugeben versucht.
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