DDR-Fotograf Arno Fischer "Ans Abhauen habe ich nie gedacht"

Ein Riss in einer Brandmauer machte ihn berühmt: Das Bild von Berlin in der Nachkriegszeit wurde entscheidend durch die Fotos Arno Fischers geprägt. Im seen.by-Interview spricht der Fotograf über seine Arbeit in der DDR, sozialistische Frauen und Maulwurfshügel, die wie Gesichter aussehen.


Frage: Herr Fischer, wer hat Ihnen eigentlich das Fotografieren beigebracht?

Fischer: Niemand, ich hatte keinen Lehrer. Ich sage auch heute noch, dass ein Studium nicht viel nützt, wenn nicht alles schon im Kopf vorbereitet ist. Fotografie ist eine technische Möglichkeit für einen schöpferischen Menschen sich auszudrücken. Das ist die Kunst.

Nachkriegsimpression von Arno Fischer: Ostberlin 1956
Arno Fischer

Nachkriegsimpression von Arno Fischer: Ostberlin 1956

Frage: Sie sind studierter Bildhauer. Hatte das Einfluss auf Ihre Fotografie?

Fischer: In der Bildhauerei war ich gut im Relief, also in Kompositionen, die im wesentlichen zweidimensional waren. Das erkennt man in einigen meiner Fotografien wieder, zum Beispiel im Buch "Der Garten": Eispfützen oder Maulwurfshügel, die wie Gesichter aussehen.

Frage: Ihre Fotos haben das Bild vom Nachkriegs-Berlin geprägt. Woher kam damals Ihr Bedürfnis zu dokumentieren?

Fischer: Die Begegnung mit "Family of Man" von Edward Steichen (eine bedeutende Fotoausstellung über die Würde des Menschen, die Ende der fünfziger Jahre um die Welt ging, A. d. R.), gab damals den Anstoß. Auch bei dem berühmten Buch "The Americans" von Robert Frank dachte ich, das ist deine Fotografie. Ich arbeitete damals sehr intensiv an meiner Serie "Situation Berlin" und war immer für die Schwachen und gegen jegliche Art von Aufmärschen, egal ob in Ost oder West. Mich haben die gesellschaftlichen Gegensätze interessiert.

Frage: Nach dem Mauerbau 1961 wohnten Sie im Ostteil Berlins. Wie erging es Ihnen dort?

Fischer: Ich wohnte in Weißensee und hatte einen guten Job. Ich hatte nicht die Absicht abzuhauen, auch wenn wir die Situation als nicht richtig empfunden haben. Ich bin sehr viel in der Sowjetunion und in den anderen Ostblockstaaten herumgefahren und habe für Magazine Bilder - auch Modeaufnahmen - gemacht.

Frage: Wie haben Sie sich damals Ihren künstlerischen Freiraum bewahrt?

Fischer: Propagandafotografie musste ich nie betreiben. Ich machte oft Reportagen für die "Freie Welt", das Zentralorgan für die Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Das war eine gut gemachte Zeitschrift, auch wenn sie nicht kritisch war. Sie war aber auch nicht einfach nur vordergründig. Ich habe Land und Leute zum Beispiel in Murmansk fotografiert. Hauptsächlich Porträts. Und nebenbei sind meine eigenen Aufnahmen entstanden.

Frage: Sie haben zusammen mit Ihrer Frau, der Fotografin Sibylle Bergemann, auch Clubs für die sogenannte "Gesellschaft für Fotografie" geleitet.

Fischer: Wir hatten uns dort eine Art Nischengesellschaft eingerichtet, mit zehn oder zwanzig Leuten um uns herum, die eigentlich nur Fotografie machen wollten. Natürlich war auch die Stasi immer dabei, das war uns bewusst. 1975 kam der Bildhauer Ludwig Engelhardt, ein ehemaliger Studienkollege, der den Auftrag hatte, ein Marx-Engels-Denkmal zu bauen. Er bat mich um Hilfe. Es ging darum, die Geschichte der Arbeiterklasse darzustellen. Für mich war es die erste Möglichkeit, Kunst mit Fotografie zu verbinden.

Frage: Auch mit dem Dokumentarfilmregisseur Peter Voigt haben Sie zusammengearbeitet.

Fischer: Mit ihm habe ich ein Fotoarchiv aufgebaut. Dafür mussten wir viel recherchieren. Wir sind nach West-Berlin gefahren, nach Hamburg zum "Stern", nach Moskau, Prag, Paris, Amsterdam und zu Magnum nach New York. Die Arbeit wurde vom Kulturministerium gefördert.

Frage: Aber Sie sind immer zurückgekommen.

Fischer: Ans Abhauen habe ich nie gedacht. Ich habe es den Leuten, die nicht zurückgekommen sind, sogar eher übelgenommen, weil sie uns im Stich gelassen haben.

Frage: Sie sprachen vorhin von ihrer Hauptstadtserie "Situation Berlin". Warum wurde sie damals nicht veröffentlicht?

Fischer: Die Edition Leipzig wollte das Buch publizieren. Aber bei der Herbstmesse 1961 waren meine Bilder ausgestellt, darüber stand "Situation Berlin". Die Abnahmekommission kam vorbei und einer meinte: 'Genossen, Berlin ist keine Situation mehr!' So war das Buch erledigt.

Frage: In den sechziger Jahren haben Sie maßgeblich die Bildsprache der Mode- und Kulturzeitschrift "Sibylle" geprägt. Wie passte das zusammen? Mode hat ja immer auch viel mit Oberfläche und Inszenierung zu tun, steht also im Gegensatz zur dokumentarischen Fotografie.

Fischer: Nach einem Chefredakteurswechsel konnte ich dort eigene Fotoserien vorbereiten. Ich habe Motive gesucht, wollte die Atmosphäre einfangen, habe Mädchen von der Straße als Models genommen. Ich wollte nicht die sozialistische, sondern die normale Frau darstellen. Den sozialistischen Realismus mochte ich gar nicht.

Frage: Heute unterrichten Sie an der Fotoschule Ostkreuz. Wie arbeiten Sie mit Ihren Studenten?

Fischer: Meine Studenten machen alle ihre eigenen Sachen. Sie kommen mit ihren unterschiedlichen Projekten, die wir auf dem Tisch ausbreiten. Ich mache drei Stapel: spitze, gut, raus. Oft kennen meine Studenten ihre Qualitäten gar nicht, und ich helfe Ihnen zu erkennen, wo ihre Bilder anfangen zu schwingen.

Frage: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen knipsen und hinsehen?

Fischer: Beim Knipsen hält man nur eine Erinnerung fest. Wenn jemand anfängt mit der Gestaltung, dann beginnt das Schöpferische, auch wenn daraus noch keine Kunst entspringt. Es muss der unwiderstehliche Drang da sein, etwas festzuhalten.

Frage: Ihr aktuelles Buch "Der Garten" steht ganz im Gegensatz zu dem, was Sie früher gemacht haben. Nicht raus auf die Straße, sondern rein in den Garten, ins Private also.

Fischer: Die Polaroids zeigen meist Unspektakuläres: Wurzeln, Steine, Verblühtes - Momentaufnahmen der Vergänglichkeit. Ja, das sind sehr melancholische Bilder. Sie sind in den vergangenen 30 Jahren entstanden.

Das Interview führte Anna Wander, seen.by


Arno Fischer: "Der Garten", erschienen bei Hatje Cantz, 2008
Ausstellung: Galerie Robert Morat, Hamburg, 24. Januar bis 14. März 2009
Arno Fischer: "Situation Berlin - Fotografien 1953-1960", erschienen bei Nicolai



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