DDR-Kunst Der Künstler und der Funktionär

Gerhard Schröder hat sich noch nie darum geschert, was die Welt von den Künstlern hält, die er verehrt. Gestern hielt der Bundeskanzler a.D. eine Rede zum 85. Geburtstag von Willi Sitte - einem der größten Künstler der DDR und zugleich einem ihrer höchsten Funktionäre.

Von Miriam Schröder


"Glückwunsch Willi", beginnt Gerhard Schröder jovial. Der Ex-Bundeskanzler ist ins Ständehaus zu Merseburg gekommen, um Willi Sitte, den großen alten Maler des sozialistischen Realismus, zum 85. Geburtstag für sein Lebenswerk zu ehren. "Der tiefe Humanismus" habe ihn beeindruckt, als er Sittes Bilder zum ersten Mal sah - im Westen, auf der Documenta von 1977. In seinen Werken habe Sitte Krieg und Unterdrückung an den Pranger gestellt, zeige sich Mitleid mit den Gequälten und Begeisterung für den Freiheitskampf. Das habe Schröder einst den persönlichen Zugang zum "sozialistischen Realismus", dem offiziellen Malstil der DDR, geöffnet, den, wie er sagt, "nicht das System Sitte aufgezwungen, sondern Sitte dem System aufgezwungen" habe.

Laudator Schröder, Maler Sitte: "Tiefer Humanismus"
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Laudator Schröder, Maler Sitte: "Tiefer Humanismus"

"Sitte und das System der DDR" ist ein Thema, das heute dennoch nur am Rande auftaucht. Die Politprominenz aus Sachsen-Anhalt, die Merseburger Bürger, dazu viele Künstler und Künstlerfreunde aus ganz Deutschland, sie alle wollen Willi Sittes Werk feiern. "Die Leistung eines Künstlers darf man nicht mit der billigen, tagespolitischen Elle messen" sagt Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und erntet tosenden Applaus dafür. Gerhard Schröder wird später ein Museum einweihen, das die Stadt Merseburg gebaut hat, um den Zeichnungen und Bildern des Künstlers aus über 60 Jahren einen Platz in der Öffentlichkeit zu geben.

Selbstverständlich ist das nicht. Sittes Bilder, zu DDR-Zeiten auch im Westen bekannt und begehrt, wurden nach der Wende aus den meisten Museen verbannt. Als das "Germanische Nationalmuseum" vor fünf Jahren eine große Sitte-Ausstellung plante, regte sich im Vorfeld so viel öffentlicher Widerstand, dass der Künstler am Ende selbst seine Einwilligung zurückzog. Die Berliner Nationalgalerie nahm Sitte für die Ausstellung "DDR-Kunst" wieder auf - was wiederum jene Künstler erboste, die in der DDR zwar malten, aber nicht ausstellen durften. Denn Willi Sitte ist nicht nur einer der prominentesten Maler der DDR, er war auch einer ihrer höchsten Funktionäre. 14 Jahre war er Präsident des Verbands bildender Künstler, drei Jahre Mitglied im Zentralkomitee der SED.

"Missliebige Kunst unterdrückt"

Wer in der DDR als Künstler etwas werden wollte, kam an Sitte nicht vorbei. Der Verbandspräsident entschied, wer die DDR im Ausland repräsentieren durfte. Privaten Kunsthandel gab es kaum, Ausstellung und Verkauf waren staatlich organisiert - und stark reglementiert. Ausstellungen wurden nicht genehmigt oder wieder geschlossen, wenn die Kunst Systemkritik enthielt - manchmal aber auch nur, weil der Künstler kein Parteifreund war. "Sitte hat seine Macht missbraucht, um missliebige Kunst zu unterdrücken" sagt Paul Kaiser, Kulturwissenschaftler aus Dresden. Der Künstler Hans-Hendrik Grimmling, dessen Ausstellungen einst geschlossen wurden, kann nicht begreifen, dass Sitte sich nach 1990 nie vom DDR-Regime distanziert hat. "Ich bekenne mich zu dem Staat, also bekenne ich mich zu den Toten", sagt Grimmling.

Die Opfer des DDR-Regimes, das Sitte mit seinen Bildern stärken wollte, spielen bei der Geburtstagsfeier und in der Willi-Sitte-Galerie keine Rolle. Keine Schautafel, kein Film erzählt vom Wirken des Funktionärs. Claus Pese, Mitglied des Kuratoriums und Initiator der gescheiterten Ausstellung von 2001, wiegelt ab: "Wir stellen erst aus und diskutieren dann."

Wie viel Diskussionsbedarf es immer noch gibt, zeigt Willi Sitte selbst. Der kleine alte Mann ist aus seinem Rollstuhl aufgestanden, um eine Medaille entgegenzunehmen. Im Zweiten Weltkrieg war Sitte von der Wehrmacht desertiert und hatte sich italienischen Partisanen angeschlossen. Vertreter einer antifaschistischen Veteranenorganisation preisen heute seinen "Kampf für Frieden und Freiheit" im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung.

Als man Sitte später das Mikrofon reicht, fehlen ihm erst die Worte. Dann beklagt er, dass die Universität Halle, an der er über 30 Jahre lang gelehrt hat, ihm nicht erlaubt, seine Bilder dort auszustellen. "Das erinnert mich an vergangene Zeiten", sagt Sitte und dann bricht es aus ihm heraus: "Ich weiß nicht, warum!"



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