DDR-Vergangenheit: Wenn der Genosse mit der Genossin

Von Henryk M. Broder

Adrian Geiges machte als BRD-Genosse in den Osten rüber. Welche Anreize die DDR einem jungen West-Kommunisten bot, schildert das Ex-DKP-Mitglied in einem witzigen Buch. Es zeigt, dass der revolutionäre Kampfauftrag sogar bis ins Schlafzimmer reichte.

Wer in einer Kleinstadt im weinseligen Breisgau aufwächst und es dort zu einem "Bürgerschreck" und "stadtbekannten Rebellen" bringt, der hat seine Lektion fürs Leben gelernt, dem kann nichts passieren, das ihn aus der Bahn werfen würde. Dem stehen alle Wege offen.

So einer schafft es sogar, Berufsrevolutionär zu werden, auch wenn er eine Niete im Sportunterricht ist und stottert. Er muss nur der DKP und ihrer Nachwuchsorganisation SDAJ beitreten. Alles Übrige erledigt die Partei der Arbeiterklasse.

DDR-Symbole: Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes
DPA

DDR-Symbole: Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes

Adrian Geiges war gerade 19, als er den "Kampfauftrag" bekam, "die Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes" zu studieren, worauf er von Freiburg mit der Bundesbahn nach West-Berlin fuhr und dann mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße. Die Genossen Grenzer waren bereits "instruiert", der Gast aus der BRD wurde bevorzugt abgefertigt: "Genosse, herzlich willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik".

Was er dort erlebte, schildert Geiges in einem Buch, das diese Woche bei Eichborn erscheint. Und wer bisher immer noch glaubte, die DDR sei so gewesen, wie sie sich selbst darstellte, der wird hier, witzig und ironisch, eines Besseren belehrt.

Geiges, Deckname "Ratte", war einer von 150 "internationalen Studenten", die am 22. Internationalen Lehrgang der Jugendhochschule Wilhelm Pieck teilnahmen. Eingestimmt wurden sie mit stundenlangen Reden, die mit "nicht enden wollendem Beifall" beklatscht wurden, danach stellte eine Gruppe aus Äthiopien den revolutionären Befreiungskampf tänzerisch vor. Später ging es mit dem Fach "Wissenschaftlicher Kommunismus" weiter.

Außerhalb der Kurse lernten die Studenten etwas anderes. Zum Beispiel, wie man die Regeln umging, die ihnen zum Schutz der sozialistischen Disziplin und Ordnung eingetrichtert wurden. Da war der "Moralbeschluss", der "Beziehungen" zwischen Genossinnen und Genossen aus verschiedenen Ländern verbot. Für Genossinnen und Genossen aus einem Land schien er nicht zu gelten, zumindest bei wörtlicher Auslegung.

Spaß im Schlafzimmer

Also quartierten sich die Genossinnen aus der Mongolei in dem Zimmer ein, in dem die Genossen aus der Bundesrepublik zusammen mit den Genossen aus der Mongolei wohnten, und rückten den Kleiderschrank so zurecht, "dass die Betten der Mongolen von unseren Betten aus nicht mehr zu sehen waren". Genosse "Ratte" war empört. "Die Genossen aus der Mongolei … kannten weder Scham noch Moralbeschlüsse." Dafür hatten sie viel Spaß miteinander.

Bei der Beschäftigung mit der Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes lernten die Studenten auch, zwischen Theorie und Praxis zu unterscheiden. Die Genossen aus dem Irak gehörten zu "den befreiten Völkern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas"; das Problem war nur, dass Saddam Hussein, der theoretisch auf der richtigen Seite stand, praktisch ein Despot war, der daheim die eigenen Kommunisten blutig verfolgte. Diesen kleinen Widerspruch erklärten die Lehrkräfte mit der "komplizierten Dialektik des Weltprozesses".

Bei der Lektüre des "Neuen Deutschland" lernte man, "zwischen den Zeilen" zu lesen. Hieß es da, ein Treffen habe in "offener kameradschaftlicher Atmosphäre" stattgefunden, bedeutete das: "Es flogen die Fetzen." Andernfalls wäre zu lesen gewesen, das Treffen habe "im Geiste allseitiger brüderlicher Übereinstimmung" stattgefunden.

Republik der Simulanten

Die Exerzitien im "Kloster der reinen Lehre" waren so aufregend wie eine Nachhilfestunde in Geschichte, bei der die Schüler genau das hersagen, was die Lehrer hören wollen, und die Lehrer wissen, dass sie von den Schülern nicht für voll genommen werden. Die "Jugendhochschule" war ein Modell der DDR, in der man gut zurechtkam, wenn man sich gegenseitig etwas vormachte. Die fehlende Reisefreiheit motivierte viele Eltern, ihren Kindern exotisch klingende Namen wie Mandy, Candy und Ricco zu geben, für alle übrigen Fälle galt die Faustregel des realen Sozialismus: "Die tun so, als würden sie uns bezahlen, wir tun so, als würden wir arbeiten."

Dass die DDR eine Republik der Simulanten war, in der von Antifa und Demokratie über Freiheit bis Vollbeschäftigung und Weltniveau praktisch alles gefakt wurde, ist als Erkenntnis weder überraschend noch erschütternd. Man kennt das System aus Filmen wie "Sonnenallee", "NVA" und "Good Bye, Lenin!", Komödien, über die nur lachen kann, wer nicht in der DDR leben musste.

Neu ist: Geiges alias Ratte erzählt seine DDR-Geschichte aus der Perspektive eines Westdeutschen, der "rübergemacht" hat, um sich freiwillig einem Selbstversuch zu unterziehen. So wie andere sich wochenlang in einen Wohncontainer einsperren lassen oder bei "Die Burg – Prominent im Kettenhemd" mitspielen.

Auch Geiges suchte nicht nur die Erfüllung seiner politischen Sehnsüchte, er war eine männliche Jungfrau, die sich nach menschlicher Wärme sehnte. Als er dann Sandy traf, eine kritische Sozialistin, die der SED beigetreten war, um die Verhältnisse von innen zu verändern, wurde ihm klar: "Ihr Körper verkörperte die DDR, von der ich träumte."

"Souvenir" vom ausländischen Freund

Mit Sandy wurde es zwar nichts, weil sie einen anderen DKP-Genossen vorzog, dennoch schlossen "Ratte" und seine Freunde die Jugendhochschule Wilhelm Pieck erfolgreich ab. Auch die Teilnehmerinnen aus der DDR waren mit der Bilanz zufrieden. "Von den 150 FDJlerinnen waren 150 schwanger." Die staatliche Geburtenhilfe von 1000 Ost-Mark war stärker als der "Moralbeschluss". Für einige war ein Kind auch ein "Souvenir", das sie an einen ausländischen Freund erinnern sollte, den sie nicht besuchen durften.

Nach seiner Lehrzeit in der DDR kehrte Geiges in die Bundesrepublik zurück; er hatte den Auftrag, "sie zu verändern", die Transformation des kapitalistischen Systems zum Sozialismus voranzutreiben. Es waren die Tage von Pershing II und Cruise Missiles, und die Friedensfreunde der DKP schmiedeten ein "breites Bündnis" gegen die aggressiven Pläne der Nato. Über vier Millionen Bundesbürger unterschrieben den "Krefelder Appell".

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