Theaterstreit in Bremen: Autorin untersagt Inszenierung ihres Stückes

"Unschuld" am Theater Bremen: Keine Schwarz-Malerei Fotos
Jörg Landsberg

Ist das schon das Ende der "Unschuld"? Kurz nach der Premiere in Bremen hat der Verlag von Autorin Dea Loher dem Theater die Aufführung ihres Stückes untersagt. Durch die Streichung einer Figur sei der Sinnzusammenhang nicht mehr gegeben. Das Theater will sich etwas einfallen lassen.

Bremen - Das Publikum im Kleinen Haus des Theaters Bremen applaudierte kräftig, als am Samstagabend die Premiere des Dramas "Unschuld" in der Inszenierung von Alexander Riemenschneider über die Bühne gegangen war. Doch noch bevor der Applaus einsetzte, unmittelbar nach der letzten Szene stand eine Zuschauerin auf und verließ den Saal durch einen Seiteneingang. Es war die Autorin des Stückes, Dea Loher.

Am Montag nun wird klar, dass es nicht bloße Menschenscheu war, die die Dramatikerin aus dem Theater eilen ließ - Dea Loher muss gehörig sauer gewesen sein. In einer Pressemitteilung ließ Lohers Verlag, der Frankfurter Verlag der Autoren, wissen, dass er Riemenschneiders Inszenierung am Theater Bremen untersage. Massive Urherberrechts- und Vertragsverletzungen lägen vor, sowie "das mangelnde Bewusstsein für dramaturgische Verantwortung".

Dabei geht es nicht etwa um die vermeintlich heikle Hautfarbenproblematik: Riemenschneider besetzte die Rollen afrikanischer Flüchtlinge in "Unschuld" mit hellhäutigen Schauspielern, was aber durchaus in Lohers Sinne gewesen sein dürfte, die sich in der Regieanweisung für "Unschuld" ausdrücklich "Schwarz-Malerei" verbat.

Nein, der Knackpunkt in diesem Streit ist, dass Alexander Riemenschneider die Figur der Ella gestrichen hat, einer "alternden Philosophin", die ein Buch geschrieben hat über "Die Unzuverlässigkeit der Welt". Sie liefert den theoretischen Background für die Episoden des Stücks, in denen es immer um die Frage geht, was im Leben Zufall, was Schicksal ist, wie und ob man sein Leben oder das der anderen steuern kann und steuern sollte.

"Ohne Ella geht es nicht"

Dea Loher sieht "durch die Streichung einer zentralen Figur" sowohl "die tragende Struktur" als auch den "Sinnzusammenhang des Stücks nicht mehr gegeben". Zudem sei der Eingriff "der Autorin und dem Verlag erst wenige Minuten vor der Premiere" bekanntgegeben worden.

Dabei kennen sich der Intendant des Theaters Bremen, Michael Börgerding, und die Autorin Dea Loher seit Jahrzehnten. Börgerding war schon an ihren ersten Erfolgen am Staatstheater Hannover als Dramaturg beteiligt. Bei der Uraufführung von "Unschuld" durch Andreas Kriegenburg am Thalia Theater Hamburg im Herbst 2003 war Michael Börgerding Chefdramaturg des Thalia Theaters. Dass trotz dieses Vertrauensverhältnisses die Autorin erst fünf Minuten vor Beginn des Stückes informiert worden sei, fíndet Annette Reschke vom Verlag der Autoren besonders empörend.

"Wir sind alle völlig überrascht von dieser Reaktion und suchen nach einer Lösung", sagte der Pressesprecher des Theaters Bremen, Frank Schümann. "Wir werden uns was einfallen lassen für die nächste Vorstellung." Für Annette Reschke vom Verlag kann es da nur eine Lösung geben: "Ohne Ella geht es nicht." Am Dienstagabend steht "Unschuld" das nächste Mal im Programmplan des Theaters Bremen. Ob das Stück tatsächlich gespielt wird, kann Börgerding am späten Montagnachmittag noch nicht sagen. Es gebe noch keine gemeinsame Lösung mit dem Verlag.

feb/and

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1. Ein Theaterstück ist eine Spielvorlage
hatem1 gestern, 18:44 Uhr
Wenn eine Theaterautorin nicht erträgt, dass eine Inszenierung anders aussieht als sie sich vorgestellt hat, sollte sie nicht eine Aufführung verbieten, sondern stattdessen in Zukunft nur noch Prosa schreiben.
2. Win-Win-Win!
Tom Joad gestern, 18:55 Uhr
Alle bekommen ihre Aufmerksamkeit, und manch ein Besucher geht vielleicht noch einmal ins Theater, um die "vollständige" Fassung zu sehen.
3.
sverris gestern, 19:00 Uhr
Zitat von hatem1Wenn eine Theaterautorin nicht erträgt, dass eine Inszenierung anders aussieht als sie sich vorgestellt hat, sollte sie nicht eine Aufführung verbieten, sondern stattdessen in Zukunft nur noch Prosa schreiben.
Der Herr Kehlmann ist auch so einer, der von der Unabdingbarkeit der Texttreue im Theater faselt. Er war denn ja auch neulich angepisst, nachdem jemand sich erdreistet hatte, in seinen Text einzugreifen....
4. Ich finde es gut.
StefanKomarek gestern, 19:04 Uhr
Ich bin immer mal wieder erstaunt, was man geliefert bekommt, wenn man Karten kauft, die unter dem Namens des Autors verkauft wurden. Dann sollte man es besser "Text: Börgerding, frei nach Loher" nennen. In der Musik bemüht man sich um Werktreue, in der gestaltenden Kunst und Architekur versucht man das Original zu erhalten, aber beim Theater meint jeder Dramaturg und Regisseur, ein Werk nach eigenem Gusto verhackstücken zu dürfen.
5. Schade
Maître111 gestern, 19:47 Uhr
Ich habe das Stück vor einiger Zeit am Staatstheater Kassel gesehen. Ein sehr gutes Stück. Sehr schade, dass es das Publikum in Bremen nun nicht sehen kann. Ich hoffe, es gibt eine Einigung. Kann die Haltung von Frau Lohr aber gut verstehen. Das Stück ist eben kein Klassiker, bei dem die Urheberrechte schon lange abgelaufen sind.
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