Debatte Faschismus light? Blödsinn!

Die US-Bürger haben einen Präsidenten gewählt, den wir nicht mögen. Ganz Schlaue warnen vor einem Abrutschen in den Totalitarismus. Vor lauter Hysterie geht ein wichtiger Grundsatz verloren: In der Demokratie ist der Wähler der Souverän.

Von Henryk M. Broder


T-Shirt eines Bush-Gegners:  Niemand kann sagen, Bush habe die Wahl "gestohlen"
Henryk M.Broder

T-Shirt eines Bush-Gegners: Niemand kann sagen, Bush habe die Wahl "gestohlen"

Berlin - Nun ist es also doch passiert: George W. Bush jr. ist wieder gewählt worden. Entgegen allen Empfehlungen, Mahnungen und Warnungen aus Europa, und hier vor allem aus dem deutschen Feuilleton, haben sich die Amerikaner für einen Präsidenten entschieden, der außerhalb ihres Landes so unbeliebt ist wie keiner seiner Vorgänger. Rund 70 Prozent der Deutschen z.B. mögen Bush nicht, und hätte er sich in Deutschland zur Wahl gestellt, hätte er wahrscheinlich weniger Stimmen bekommen als der SPD-Spitzenkandidat bei den bayerischen Landtagswahlen.

Und was am meisten wehtut: Bushs Sieg ist überraschend klar ausgefallen. Er hat nicht nur über drei Millionen Stimmen mehr bekommen als Kerry und damit eine satte Mehrheit sowohl bei der "popular vote" wie im "electoral college", die Republikaner haben auch ihre Mehrheiten im Senat und im Abgeordnetenhaus ausbauen können. Niemand kann jetzt also aufstehen und sagen, das Ergebnis spiegele nicht den Willen der Wähler wider, Bush habe die Wahl "gestohlen", er sei nicht gewählt, sondern vom Obersten Gericht zum Präsidenten "ernannt" worden, nachdem ihm sein Bruder in Florida geholfen habe. Ich gebe zu, ich hätte mir auch ein anderes Ergebnis gewünscht: Bush gewinnt die "popular vote", bekommt also die Mehrheit der Stimmen, während Kerry die meisten Wahlmänner im "electoral college" auf seiner Seite hat. Also so wie bei der letzten Wahl vor vier Jahren, nur andersrum. Es wäre interessant zu sehen, wer dann "unfair!" und "undemokratisch!" gerufen und von einer "Farce" gesprochen hätte.

Außerdem hätte ich es gerne erlebt, wie Kanzler Schröder ("Der deutsche Weg") auf Kerry reagiert hätte, wenn der die imperiale Außenpolitik von Bush fortsetzen würde, nur höflicher, jovialer und konsequenter. Denn Bush warb mit dem Slogan "For a strong America!", Kerry ging noch einen Schritt weiter: "For a stronger America!"

Von diesen beiden "was-wäre-wenn"-Überlegungen abgesehen, finde ich, dass ein so großes und großartiges Land wie die USA von einem Intellektuellen repräsentiert werden sollte, und nicht von einem "Kumpel", der nur das Glück hatte, reich geboren zu werden. Trotzdem erfüllt mich die Wahl von Bush mit einer gewissen Schadenfreude. Erstmal gegenüber den Kollegen, die ihre Artikel schon fertig geschrieben hatten, in denen sie uns ausführlich erklärten, warum Bush gegen Kerry überhaupt keine Chance hatte und die uns nun das Gegenteil erklären müssen. So ist es, wenn einem das Leben dazwischen kommt.

Bush (mit seinen Töchtern Jenna, l., und Barbara): "For a strong America"
AP

Bush (mit seinen Töchtern Jenna, l., und Barbara): "For a strong America"

Zum anderen gegenüber den politischen Wahrsagern, kulturellen Kaffeesatzlesern und Hobby-Auguren, die sich ein Vergnügen daraus machen, Desaster vorauszusagen, im sicheren Vertrauen darauf, dass sie niemand zur Verantwortung ziehen wird, wenn sich ihre Visionen nicht erfüllen. Ivan Nagel, der es gerne hart mag, schrieb in der "Berliner Zeitung", "Bush ist nicht Hitler", aber er begründete die Feststellung so, dass er sie in ihr Gegenteil verkehrte. Wim Wenders, eher ein Softie, meinte bei Christiansen, mit Bush würden die USA in den "Totalitarismus" abrutschen. Und Richard Sennett erklärte im Tagesspiegel, die USA würden sich auf einen "sanften Faschismus" hin bewegen. Als Amerikaner an "low carb"-, "fat free"- und "no sugar"-Produkte gewöhnt, fiel es ihm nicht schwer, den "Faschismus light" zu erfinden. Das ist alles so albern wie das Gerede vom "Vierten Reich" nach dem Fall der Mauer, aber es drückt ein tiefes Verlangen nach Katastrophen aus. 120 Millionen Amerikaner wissen nicht, was sie tun, Ivan Nagel, Wim Wenders und Richard Sennett erklären es ihnen.

Und so ganz nebenbei geht noch der Grundsatz über Bord, dass der Wähler der Souverän ist. Wenn die Ostdeutschen die NPD und die PDS, die Ungarn die Postkommunisten und die Algerier eine obskure Fundi-Partei wählen, dann haben sie ihre Gründe, die man respektieren muss. Nur wenn sich die Amerikaner in freien Wahlen mehrheitlich für einen Kandidaten entscheiden, den wir nicht mögen, dann haben nicht wir uns zu weit aus dem Fenster gehängt, sondern die Amis ihre Unreife bewiesen.

Bundeskanzler Schröder soll nach den Wahlen in den USA gesagt haben, er wolle die "gute Zusammenarbeit" mit Bush fortsetzen. Noch witziger wäre es, wenn er gesagt hätte, nach dem großen Erfolg von Hartz IV. wolle er mit Hartz V. weiter machen. Aus Schröders Sätzen sprach die schlichte Freude, dass im deutsch-amerikanischen Verhältnis alles beim Alten und Gewohnten bleibt. Und wie müssen dem Kanzler einen Tag darauf die Ohren geklungen haben, als die BILD-Zeitung titelte: "Bush - Sieg mit Schröder-Trick". Der US-Präsident habe sich seine Wiederwahl durch "Polit-Tricks" gesichert, "die er Kanzler Schröder abgeschaut hat!" Was für Schröder die Flut 2002 war, das waren für Bush die Unwetter über Florida - Gelegenheiten für Auftritte. Wenn wir schon einen US-Präsidenten bekommen, den wir nicht haben wollten, können wir uns nun wenigstens damit trösten, dass er bei unserem Kanzler abgekupfert hat.

Das Bush-Bashing wird also weiter gehen. Wer mit minimalem Einsatz einen maximalen Eindruck erzielen und seine politische Urteilskraft beweisen will, muss nur "der Cowboy" sagen und dabei das Gesicht verziehen, als habe er grade in einem Hamburger eine Küchenschabe gefunden. Das reicht, um als amerikakritisch und progressiv zu gelten.

Alles Übrige erledigt Michael Moore.

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