Debatte über Befehl und Gehorsam Scheitern als Prinzip

Wer den Befehl verweigert, ist entweder Held oder Feigling. Dazwischen geht nichts. Der archetypische Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen, der nun auch die Ereignisse auf der "Gorch Fock" überlagert, wird seit über 2000 Jahren immer wieder verhandelt. Eine Lösung gibt es nicht.

Schulschiff "Gorch Fock" (vor der Küste Argentiniens): Im klassischen Sinne tragisch
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Schulschiff "Gorch Fock" (vor der Küste Argentiniens): Im klassischen Sinne tragisch

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Wenn militärische Befehle verweigert werden, ist die Kontroverse programmiert. Und wenn dies an einem so traditionsreichen und mit so romantisch-maritimen Bildern besetzten Ort wie dem Großsegler " Gorch Fock" passiert, regt sich beinahe so etwas wie Volkszorn. Was für die einen ein Fanal des freien Willens und des unabhängigen Geistes ist, bedeutet für die anderen Verrat an Werten der Gemeinschaft und, schlimmer noch, den ersten Schritt zur Anarchie. Diese Diskussion um Befehl und Gehorsam wird stets auf Neue geführt, und zum Diskurs-Ritus gehören auch die immer gleichen Argumente.

So gelten die Verweigerer manchen als Weicheier, als dekadente Individualisten und Zerstörer eines wohlorganisierten Organismus. Auf der anderen Seite werden sie als Helden einer neuen Zeit, als Vorbilder der Zivilcourage, als Rückgratbesitzer und Idealbild eines denkenden und autonomen Menschen gefeiert. Beides stimmt. Schon immer. Denn dieser Konflikt ist ein ewiger Konflikt des Menschen. Er kann nie gelöst werden, denn er begleitet die Menschheit durch ihre Geistesgeschichte. Der Kampf damit ist eine archetypische Herausforderung seit der Antike.

Natürlich gibt es keine "feigen" oder "tapferen" Generationen. Es gibt nur mehr oder weniger komplexe Situationen, in denen von Menschen Werte neu verhandelt und angewandt werden. Im Krieg zum Beispiel, einer prinzipiell unüberschaubaren, kaum planbaren Situation, stehen Werte auf dem Prüfstand. Das militärisch-mentale Training dafür läuft über den Kanon der Hierarchie, den streng geregelten Ablauf einer Befehlskette, über Regeln und Verantwortung. Ein achtenswerter Versuch, denn er beinhaltet den heroischen Anspruch, unvorhersehbare Dinge grundsätzlich nachvollziehbar und vorausschauend zu regeln. Er verkennt allerdings die Tatsache, dass es nicht immer "weise" Vorgesetzte und "einsichtige" Untergebene gibt. Er ignoriert den größten Sicherheits- und Unsicherheitsfaktor dieser Versuchsanordnung: den Menschen. Ein Mensch kann diese Prinzipien achten und danach handeln, aber nur so lange, bis dieses Handeln plötzlich seinen Erfahrungen und Empfindungen zuwider läuft.

Rebellieren ist kein Wert an sich

Denn die menschlichen Regeln für Ausnahmesituationen tragen den Keim des Scheitern schon in sich. Kriege, Katastrophen, Konflikte sind eine Sammlung von Ausnahmesituationen. Ordnung im Chaos vorab zu schaffen, hat einen sinnvollen Aspekt, verkennt allerdings, dass jeder Mensch eine Ausnahmesituation anders empfindet. Und das ist notwendig. Wenn niemand mehr einen Sachverhalt individuell einschätzt oder zu dieser Einschätzung überhaupt nur bereit ist, hätten wir schon den Roboterstaat. Das Leben wäre einfacher, aber auch grausam. Der Konflikt gehört zum Menschen, wie der Irrtum zum Menschen gehört. Denn auch das Rebellieren ist kein Wert an sich.

Der bekannte Film "The Caine Mutiny" ("Die Caine war ihr Schicksal", 1954) von Regisseur Edward Dmytryk stellt einen Gehorsamskonflikt auf hoher See dramatisch zugespitzt dar, eine Ausnahmesituation, in der der Kapitän eines Kriegsschiffes (gespielt von Humphrey Bogart) von seinen Untergebenen entmachtet wird, weil sie der ehrlichen Überzeugung sind, dass er seine Verantwortung nicht mehr wahrnehmen kann. Viele mutige Soldaten hätten in dieser Konstellation sicher ähnlich gehandelt. Doch am Ende stellt sich heraus, dass dieses Handeln eventuell falsch war und es bessere Alternativen gegeben hätte. Eben weil die Entscheidung zweifelhaften Motiven, halbgaren Einschätzungen und menschlicher Unzulänglichkeit entsprang - jene gleichen Vorwürfe, die man dem "Caine"-Kapitän in der stürmischen Katastrophensituation machte.

Auch aus Unabhängigkeit kann Schuld entstehen. Stanley Kubrick ließ in seinem frühen Film "Wege zum Ruhm" ("Paths Of Glory", 1957) einen Kommandeur im Ersten Weltkrieg (Kirk Douglas) Partei für seine der Befehlsverweigerung angeklagten Soldaten ergreifen und - das begründete die Wucht des Dramas - beleuchtete gleichzeitig die Ambivalenz und den Zwiespalt der Entscheidung, die die Motive scheinbar ins Gegenteil verkehrt. Kubriks Moralität kämpft hier mit dem Intellekt und der enttäuschten Illusion eines rechtschaffenen Offiziers, der trotz seiner Rebellion an das soldatische Prinzip glaubt - und sich frustriert abwendet. Befehl und Gehorsam sind auch im Extremfall Krieg bestenfalls Krücken.

Soll Antigone der Maßstab sein?

Diese Rebellion gegen die Macht ist der älteste literarisch dokumentierte Konflikt des Abendlandes, mit ihr beginnt die griechische Literatur. Vor rund 2500 Jahren schrieb der Dichter Sophokles sein Stück von Antigone, die sich einem Verbot des Herrschers Kreon von Theben widersetzte, der die Toten einer Schlacht, überdies Verwandte, nicht mit dem üblichen Begräbnis ehren wollte und damit sogar die Götter herausforderte. Antigone stellte sich gegen die von Kreon repräsentierte Gesellschaft, weil sie sich im Recht glaubte. Sie nahm ihren eigenen Tod dafür in Kauf.

Dieses mutige und selbstlose Eintreten ist sicher beeindruckend - aber ist es auch nachahmenswert? Sollten die Werte Antigones der Maßstab sein? Sophokles verdichtet in seinem Stück genau diesen Zwiespalt, er thematisiert einen nicht lösbaren Konflikt: Es ist die Geburt der Tragödie in der abendländischen Dichtung. Die unausweichliche Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten des Handelns, von denen keine Erlösung verspricht. Diese archaische Konstellation tritt besonders dramatisch in solchen Situationen zu Tage, die scheinbar klar geregelt sind. Wenn jemand - ein Vorgesetzter, ein Lehrer, ein Offizier - aus seiner Job-Verantwortung handelt und befiehlt, soll alles weitere risikolos und klar sein.

Dass es so nicht immer läuft, zeigen die Ereignisse auf der "Gorch Fock". Sie sind wirklich tragisch - hier trifft das wuchtige Wort durchaus einmal den Kern. Der Kapitän des Schiffes wurde von seinem Posten abberufen. An künftigen Konflikten dieser Art ändert das nichts. Leben und Tod in Extremsituationen bleiben unplanbar, Regeln und Gesetze sind hier nur Versicherungspolicen mit hohen Kosten.

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Brand-Redner 24.01.2011
1. Archetypisch
Zitat von sysopWer den Befehl verweigert, ist entweder Held oder Feigling. Dazwischen geht nichts. Der archetypische Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen, der nun auch die Ereignisse auf der "Gorch Fock" überlagert,*wird seit über 2000 Jahren immer wieder verhandelt. Eine Lösung gibt es nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,741215,00.html
Nun ja, ob man bei der Beschreibung dieses ethischen Problems unbedingt bis zu den alten Griechen (oder noch weiter) zurückgehen muss, weiß ich nicht. Ich probier's mal 'ne Nummer kleiner, nämlich mit den letzten 100 Jahren: Da allerdings sah es - zumindest in Deutschland - oft so aus, als gäbe es gar keine Alternative: Befehlsverweigerer waren ausnahmslos "Feiglinge" und konnten froh sein, wenn sie mit dem Leben davonkamen.
Willie, 24.01.2011
2. -
Zitat von sysopWer den Befehl verweigert, ist entweder Held oder Feigling. Dazwischen geht nichts. Der archetypische Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen, der nun auch die Ereignisse auf der "Gorch Fock" überlagert,*wird seit über 2000 Jahren immer wieder verhandelt. Eine Lösung gibt es nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,741215,00.html
Oh doch. Man braucht nur die "Held" und "Feigling" Betitelungen weniger wichtig zu machen. Beide Begriffe werden doch heute fast nur noch von jenen gebraucht, die damit andere unsachlich attackieren moechten. Die Forenstraenge hier belegen es gut. Einen angemessenen Gebrauch fuer "Held" fand ich hier: http://www.youtube.com/watch?v=yA50KeugXd0
frubi 24.01.2011
3. .
Zitat von sysopWer den Befehl verweigert, ist entweder Held oder Feigling. Dazwischen geht nichts. Der archetypische Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen, der nun auch die Ereignisse auf der "Gorch Fock" überlagert,*wird seit über 2000 Jahren immer wieder verhandelt. Eine Lösung gibt es nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,741215,00.html
Prinzipiell hätte ich nichts gegen ein Schiff wie die Gorch Fork und die darauf ausgeübten Handlungen. Man muss nur die Öffentlichkeit und vor allem die Rekruten über diese Art von Drill aufklären, so dass kein Rekrut, der sich dann für die GF entscheidet, nachher sagen kann, es wäre zu hart oder unmenschlich gewesen. Das ist immerhin das Militär und nicht die Krabbelgruppe. Wenn niemand hingehen würde dann hätte sich das Thema auch schnell erledigt. Es geht ja auch niemand zum KSK und beschwert sich über das übergroße Gepäck welches man während eines 20 KM Laufs mit sich tragen muss. Jetzt muss man sich die genormten 2 Wochen mit den Medien herumschlagen. Schlagzeile hier, Talkshow da. Das übliche Prozedere. Letztlich würde es unserem Land und diesen Institutionen weiterhelfen, wenn man eine klare Linie einrichten würde. Was natürlich nicht sein darf ist Mobbing unter den Mitgliedern. Egal ob Gorch Fork oder Bundeswehrlager. Das Problem des sexuellen Mobbings war bereits an dem Tag bekannt, als die erste Frau ihre Stiefel geschnürt hat. Das hätte man wesentlich früher und besser lösen können. Anscheinend gab es nicht das Personal, dass an einer frühen und sauberen Lösung interessiert war.
mauskeu 24.01.2011
4. Anpassungen !
Zitat von sysopWer den Befehl verweigert, ist entweder Held oder Feigling. Dazwischen geht nichts. Der archetypische Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen, der nun auch die Ereignisse auf der "Gorch Fock" überlagert,*wird seit über 2000 Jahren immer wieder verhandelt. Eine Lösung gibt es nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,741215,00.html
Der Konflikt an sich ist sehr alt, aber wie der Rest der Gesellschaft sich verändert hat unterliegt dieser Konflikt auch Anpassungen über die Zeit hinweg. Der Bürger in Uniform gilt auch für die Marine.
Ernst Robert, 24.01.2011
5. Bitte
Zitat von sysopWer den Befehl verweigert, ist entweder Held oder Feigling. Dazwischen geht nichts. Der archetypische Konflikt zwischen Gehorsam und Gewissen, der nun auch die Ereignisse auf der "Gorch Fock" überlagert,*wird seit über 2000 Jahren immer wieder verhandelt. Eine Lösung gibt es nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,741215,00.html
Es wäre schon geholfen, wenn wenigsten die Begrifflichkeiten richtig gesetzt würden: Man kann den Gehorsam verweigern, nicht den Befehl. Bitte mehr Sorgfalt mit der deutschen Sprache!.
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